Wir haben mit einer Wissenschaftlerin auf dem Eiskontinent gesprochen.

Ein Gespräch mit einem Mitarbeiter in der Antarktis sei kein Problem, versichert uns das Alfred-Wegener-Institut (AWI), als wir um einen Interviewtermin bitten. Doch wir merken schon im Vorfeld, dass ein Gespräch ans andere Ende der Welt doch nicht so einfach ist: Skypen ist mit der Internetverbindung nicht möglich. Also verabreden wir uns zum Telefonieren.

Doch am Tag des Gesprächs gibt es Schwierigkeiten mit der Telefonanlage auf der Forschungsstation „Neumayer III“. Als wir kurz davor sind, das Interview zu verschieben, erreicht uns dann doch ein Anruf. Die Vorwahl der Nummer stammt aus Bremerhaven, am anderen Ende der Leitung sitzt aber Helene Hoffmann, zehntausende Kilometer entfernt an einem Ort, der seit März weder per Flugzeug noch per Schiff erreichbar ist.

NOIZZ: Wie spät ist es und wie kalt?

Helene Hoffmann: Die Station liegt geographisch in etwa in der Verlängerung von Afrika. Im europäischen Sommer sind wir zeitlich zwei Stunden zurück. Aktuell ist es recht warm. Wir haben minus 13,7 Grad.

Aber ab jetzt wird es zunehmend kälter?

Hoffmann: Seit März spürt man den Herbst. Wir hatten letzte Woche schönes Wetter, recht sonnig und windstill. Aber wenn es hier aufklart, dann wird es nachts recht kalt. Unsere tiefste Temperatur war bisher minus 38 Grad. Es geht Richtung Winter.

Wie viele helle Stunden hat Ihr Tag gerade?

Hoffmann: Im Moment haben wir ganz normal Tag und Nacht. Die Tage werden bei uns jetzt nur kürzer. Von Mitte Mai bis Mitte Juli wird die Sonne nicht aufgehen. Aber es ist auch nicht komplett schwarze Nacht.

Sie sind jetzt seit Dezember in der Antarktis. Insgesamt werden Sie 14 Monate dort als Luftchemikerin arbeiten.

Hoffmann: Ich bin eigentlich Physikerin. Aber ich bin hier angestellt für die Luftchemie. In den Umweltwissenschaften und allem, was sich mit Klima befasst, sind die Übergänge zwischen den Fachbereichen fließend.

Arbeitet in der Antarktis: Helene Hoffmann Foto: Alfred-Wegener-Institut

Haben Sie sich ganz normal beworben?

Hoffmann: Dieser Job wird jedes Jahr neu ausgeschrieben. Für jede Überwinterung wird das Team neu zusammengestellt. 14 Monate sind eine lange Zeit, eigentlich ist das auch eine einmalige Sache.

Länger können Sie sich die Arbeit dort nicht vorstellen?

Hoffmann: Ich glaube, die Arbeit ist ein Einschnitt und verändert einen auch. Mir gefällt es hier. Aber man ist natürlich sehr weit weg von Freunden und Familie.

Viele Wissenschaftler bleiben nur wenige Wochen oder Monate auf der Station. Wie viele Leute sind gerade dort?

Hoffmann: Seit Ende Februar sind wir als Überwinterungsteam alleine. Wir sind zu zehnt: Ein Arzt, der gleichzeitig auch Stationsleiter ist, eine Köchin und ein Funker, der für die IT zuständig ist. Dann haben wir zwei Ingenieure, einen Betriebsingenieur und einen Elektroingenieur, und vier Wissenschaftler: Ein Meteorologe, zwei Geophysiker und ich für die Luftchemie. Dazu kommt in diesem Jahr noch ein Ingenieur vom deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum dazu, der das Gewächshaus betreut.

Wie haben Sie sich auf ihren Job vorbereitet?

Hoffmann: Das Team musste sich zuerst kennenlernen. Seit August haben wir in Bremerhaven in so einer Art WG zusammengewohnt. Ab dann hatten wir ganz viele Kurse. Zum Beispiel waren wir zusammen auf einem Gletscher oder hatten einen Brandschutzkurs. Jeder Fachbereich hat natürlich auch seine eigenen Fortbildungen. Das dauerte alles bis November. Nach drei Wochen Urlaub ging es dann los.

Wurde jemand in dieser Phase getauscht? Ich kann mir vorstellen, dass das nicht auf Anhieb mit zehn fremden Menschen funktionieren muss.

Hoffmann: Eine Person wurde tatsächlich gewechselt. Aber das kommt auch immer wieder vor.

Wer hat diese Entscheidung getroffen?

Hoffmann: Es war eine Gemeinschaftsentscheidung vom AWI. Diese Vorbereitungsphase dient auch dazu, genau das auszuloten: Passt das oder passt das nicht? An dem Institut arbeiten Menschen, die seit 30 Jahren die Überwinterung beobachten. Die können sehr gut einschätzen, wie eine Gruppe funktionieren muss.

Sie mussten sich schon frühzeitig um ihr Gepäck kümmern, denn das wird schon vor der Reise in die Antarktis verschickt.

Hoffmann: Die Sachen werden mit der „Polarstern“ zur Station gebracht, einem Forschungseisbrecher. Schon im September mussten wir wissen, was wir mitnehmen wollen, inklusive Weihnachtsgeschenke. Jeder hatte fünf Aluminiumboxen. Aber wenn jemand eine oder zwei mehr gebraucht hätte, wäre das kein Problem gewesen.

Wie kamen Sie in die Antarktis?

Hoffmann: Mitte Dezember ging es mit einem Linienflug nach Kapstadt.  Von dort geht es mit einer russischen Transportmaschine in die Antarktis zur Forschungsstation Nowolasarewskaja. Das ist eine der wenigen Stationen, die eine Piste präparieren können, auf der auch größere Flugzeuge landen können. Die letzten 800 Kilometer von dort fliegt man mit einer kleineren Maschine.

Wie lange dauert das?

Hoffmann: Wir mussten zwei Tage auf der russischen Station in einem Containerdorf warten, weil es auf Neumayer Sturm gab. Insgesamt waren wir mit einem Tag Aufenthalt in Kapstadt vier Tage unterwegs.

Ihr Arbeitsplatz ist das sogenannte Spurenstoffobservatorium, das 1,5 Kilometer von der Station entfernt liegt. Den Weg dorthin müssen sie zu Fuß zurücklegen.

Hoffmann: Es geht in meiner Arbeit darum, Messungen in der reinen Luft zu machen. Deswegen darf sie nicht durch Abgase von Motoren oder der Station verpestet werden. Es ist also keine Schikane, sondern durchaus sinnvoll, dass ich dorthin laufen muss.

Wie lange dauert es, 1,5 Kilometer durch die Antarktis zu laufen?

Hoffmann: Bei schönem Wetter eine Viertelstunde, bei schlechtem 45 Minuten. Wenn die Sonne scheint und kein Wind ist, ist das ganz angenehm. Das darf man sich nicht vorstellen wie tiefer Neuschnee. Aber bei Sturm muss man sich gegen den Wind stemmen. Es gibt auch ganz feinen Schnee, der über den Boden fliegt, das wird dann recht rutschig. Aber wir haben immer eine Handleine, an der man sich orientieren kann. Falls es Probleme gibt, haben wir auch immer ein Funkgerät und einen GPS-Empfänger dabei.

Es kann bei schlechtem Wetter auch vorkommen, dass sich Himmel und Boden nicht mehr unterscheiden.

Hoffmann: Dieses Phänomen nennt man Whiteout. Dann fängt der Gleichgewichtssinn an zu spinnen und es kann einem auch schlecht werden. Aber sobald man wieder einen Punkt zur Orientierung hat, ist alles wieder in Ordnung.

In dem Observatorium arbeiten sie alleine. Trotzdem können die Mitbewohner bestimmt auch manchmal nerven. Was machen Sie dann?

Hoffmann: Natürlich ist es hier eine besondere Situation, aber wir sind auch nicht eingesperrt. Wir haben zum Beispiel eine Bibliothek, einen Fitnessraum oder eine Sauna. Die Bibliothek liegt sogar außerhalb der Station in einem eigenen Container. Es gibt einige Rückzugsmöglichkeiten.

Umgekehrt kann es aber auch passieren, dass man sich in einen Kollegen oder eine Kollegin verguckt.

Hoffmann: Wir wissen vom AWI, dass es in der Vergangenheit auch ein, zwei Eheschließungen gab. Wir sind auch nur Menschen, aber in unserer Gruppe ist in der Hinsicht noch nichts passiert.

Von März bis Oktober kommen weder Schiffe noch Flugzeuge in die Antarktis. Wie kommen Sie mit der Isolation klar?

Hoffmann: Bewusst mache ich mir das nicht jeden Tag. Ich sehe das eher positiv: Vor ein paar Tagen waren wir draußen und haben uns den gigantischen Sternenhimmel angeschaut. Ich dachte mir, dass so etwas fast niemand sonst auf der Welt gerade sehen kann. Wenn ich mich von der Station wegbewege, gibt es dort nichts am Horizont.

Aber in Notfällen müssen Sie sich selbst helfen.

Hoffmann: Wir haben hier einen Arzt und ein gut ausgestattetes Hospital, in dem wir auch kleinere Operationen durchführen könnten. Aber bisher hat mir das keinerlei Angst gemacht oder mich verunsichert. Sonst würde ich irgendwann durchdrehen.

Gibt es etwas, was Sie vermissen?

Hoffmann: Meine beste Freundin hätte ich schon mehrmals für einen Kaffee gebraucht. Von meinen Eltern weiß ich, dass sie mich vermissen. Aber mit denen telefoniere ich regelmäßig.

Können Sie sich überhaupt vorstellen, wie es wieder ist, in einer Menschenmenge zu sein?

Hoffmann: Ich glaube schon, dass es ein Schock sein kann, wenn man zurückkommt und Samstagnachmittags durch eine Fußgängerzone geht. Viele Kollegen meinten aber, dass man sich sehr schnell an alles gewöhnt. Man kommt heim, geht am nächsten Tag zum Bäcker, und auf einmal ist alles wieder so wie immer.

Quelle: Noizz.de