Wir kennen es alle und können es doch nicht aufhalten. Aber damit ist jetzt Schluss!

Oh ja, es ist bald wieder soweit. In meinem Kopf spult sich schon „Driving Home For Christmas“ ab, denn: Alle Jahre wieder mache ich mich auf den Weg, um vom freiwillig gewählten Berliner Exil wieder in die niederrheinische Heimat zu fahren – mit einem kurzen Zwischenstopp zur dazu gekommenen Familienhälfte in den idyllischen Schwarzwald. Mehr Kontrastprogramm geht nicht.

So viel Vorfreude wie ich auch verspüre – Chris Rea spricht mir wirklich aus der Seele, wenn er singt „I can't wait to see those faces. Driving home for Christmas with a thousand memories“ – es wird mitunter auch ganz schön anstrengend. Der ganze Trubel und vorweihnachtliche Stress muss sich ja zwangsläufig irgendwann entladen.

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Meistens sind es eher kleine Reibereien und Meckereien, die zu einem kurzen Chaos-Zustand in der Familienidylle führen, aber trotzdem: Das muss doch nicht sein. Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass man drei Tage in perfektem Harmoniebedürfnis aufeinanderhängt und die kuschelige Wohnung nicht verlässt?

Wir haben uns vom Diplom-Psychologen und Familientherapeut Nikolai Geils-Lindemann von der Praxisgemeinschaft AmSel in Berlin ein paar Tipps und Ratschläge geholt, wie das traditionelle Familienessen und überhaupt die Weihnachtstage nicht zwangsläufig eskalieren müssen.

Nikolai Geils-Lindemann, Diplom-Psychologe und Familientherapeut

Allerdings steht vorab fest: Jeder ist anders, jede Familie tickt anders und natürlich gibt es kein Universalrezept, um Konflikte zu lösen. Genauso wenig, wie es ein universelles Plätzchenrezept gibt. Oder kennt ihr es?

Situation 1: Das will ich nicht, wirklich nicht!

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Wir kennen es alle: Die Eltern schenken etwas, dass man absolut nicht gebrauchen kann. Oder noch schlimmer: bereits hat.

Wie reagiere ich am besten, wenn ich mich wirklich nicht mehr zurückhalten kann?

Geils-Lindemann: „Humor ist immer ein gutes Hilfsmittel in der Sprache, um dezent auf so etwas hinzuweisen. ‚Mensch, das kann ich ja zu meiner Sockensammlung hinzuzufügen!‘, das sollte eigentlich jedem auf nette Art und Weise zeigen, dass das vielleicht nicht ganz das optimale Geschenk war. So verliert niemand sein Gesicht.

Damit so etwas vielleicht gar nicht erst passiert: Menschen mögen es ja, wenn man ihnen im Vorfeld dezente Vorschläge macht. Das macht alles sehr viel leichter.“

>> Okay, also eigentlich solltet ihr genauso reagieren, wie Benedict Cumberbatch in diesem Grundkurs zum Thema „Schlechte Geschenke annehmen für Anfänger“.

Situation 2: Hilfe, ich bin fremd!

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Vielleicht ist euch das auch schon passiert: Der Partner verbringt zum ersten Mal Weihnachten bei euch und kommt mit den Weihnachtsbräuchen bei uns nicht wirklich klar – das führt zu Spannungen.

Wie bewahrt man hier einen kühlen Kopf?

Geils-Lindemann: „Es ist gut, wenn man den Partner schon vorbereitet und vielleicht auch ‚vorwarnt‘, was einen da so erwarten wird. Das verringert das Konfliktpotential, wenn man eben gleich sagt: ‚Es wird laut, wir sind zwölf Leute am Tisch, wir gehen nicht in die Kirche und Geschenke gibt es bei uns nach dem Essen.‘

Schön ist es, den anderen mit ins Boot zu holen: Nach eigenen Ritualen fragen und davon vielleicht etwas übernehmen, was davon gut in die eigene Familie passt. So führt es man den anderen in die neue Familie ein, dann lernt man sich auch gleich besser kennen.

Wenn man dann trotzdem merkt, es wird einfach zu viel: Dann sollte man für Verschnaufpausen sorgen und diese eben auch offen in der Familie kommunizieren. Indem man Spaziergänge zu zweit macht oder ähnliches. Denn die Erfahrung zeigt, dass viele Spannungen einfach nur entstehen, weil man zu lange und nah aneinander dran ist.“

Situation 3: Heikle Tischthemen beim Weihnachtsessen

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Da gebe es die wohl brenzligste Kategorie Politik: AfD? Flüchtlingsthemen? Latenter Rassismus – wie soll man damit nur umgehen? Genauso: religiöse Themen oder homophobe Äußerungen …

Konfrontation oder lieber stillschwiegen?

Geils-Lindemann: „Das ist natürlich eine sehr individuelle Sache. Und sicher gibt es Punkte, an denen man sich klar positionieren möchte. Gleichzeitig ist es ja oft so: Man hat sich lange nicht gesehen und dann kommt alles an Weihnachten auf den Tisch. Natürlich ist es hilfreicher, sich über das Jahr verteilt miteinander auszutauschen – und nicht nur geballt an den Feiertagen.

In Konfliktsituationen stellt sich die Frage, wie klar man sich selber positionieren will. Widerspricht man? Oder lässt man es gut sein? Es ist ja nicht schlimm, seine eigene Meinung zu teilen, aber man kann auch jederzeit aus einem Streit aussteigen, bevor es weiter eskaliert. Dann geht man eben vom Tisch, sagt ‚Ich brauch erstmal einen Schnaps!“, geht ins Bett oder fängt an aufzuräumen. Das ist manchmal besser, als vehement auf einem Standpunkt zu beharren.

Insgesamt empfiehlt es sich, zu betonen, dass es nur die eigene Meinung ist. Also möglichst nicht verallgemeinern, in Ich-Aussagen sprechen. Zum Beispiel: ‚Ich kann dich zwar verstehen, aber ich persönlich habe eine etwas andere Meinung.“

>> Auch interessant: Obdachlosen helfen mit der Kiezmarke – feat. Joko Winterscheid und Co.

Situation 4: Die Frage nach der Zukunft

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Oh, es gibt nichts Schlimmeres. Fragen wie: Willst du nicht mal einen ordentlichen Job anfangen? Oder: Wann triffst du eigentlich endlich mal jemanden? Du wirst auch nicht jünger … genauso gut, wenn man denn dann schon einen Partner hat: Wann heiratet ihr eigentlich? Wann kommen die Enkelkinder?

Wie soll man bitte mit solchen Unhöflichkeiten umgehen?!

Geils-Lindemann: „Hier sollte man bei Bedarf ganz klar Grenzen setzten, zum Beispiel, wenn es einem zu persönlich wird. Klar zu sagen: ‚Das möchte ich jetzt hier nicht besprechen‘, sowas kann man ja auch dann im kleinen, privaten Kreis unter vier Augen nachholen.

Natürlich kann man das auch wieder gut mit Humor lösen. Es ist bestimmt nicht zuträglich, aus ganz persönlichen Themen an Weihnachten eine Grundsatzdiskussion zu machen. Viele sind da eben einfach angespannt und gestresst.“

Situation 5: Die große Frage nachdem wohin?

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Wer in einer großen Familie oder noch besser, in einer Patchwork-Familie lebt, kennt das Problem schon, bevor Weihnachten überhaupt anfängt.

Wo feiert man wie und mit wem?

Geils-Lindemann: „Hier ist Planung auch das A und O. So kann man sich gut vom Stress entlasten und einen Lagerkoller vermeiden. Man sollte Verständnis dafür haben, dass jeder sich mal zurückziehen kann. Das hilft ungemein! Es gilt für sich selber herauszufinden, was für einen wichtig ist und welche Prioritäten man setzt.

Gerade bei Patchworkfamilien bilden sich hieraus auch neue Rituale und Traditionen, dass man am ersten Weihnachtstag die eine Herkunftsfamilie besucht, am zweiten Weihnachtstag die andere – das kann auch eine schöne Chance sein. Überhaupt sind Traditionen und Rituale sehr wichtig bei solchen Festtagen, da alle dann wissen, wie der Ablauf sein wird. So geben gemeinsame Rituale einem auch ein Gefühl von Sicherheit – und sie sorgen für Zusammenhalt.“

Situation 6: die nervigen Kinder

Uff, wirklich nichts ist anstrengender. Kleine Geschwister oder Kinder, die sich nicht benehmen können, nur nörgeln, weil ihnen zum Beispiel das Geschenkeauspacken einfach zu lange dauert.

Wie schaffe ich es, dem Konsumwahn-verfallenen Kind klar zu machen, dass es aufhören soll, die Stimmung kaputt zu machen?

Geils Lindemann: „Das ist natürlich keine einfache Situation. Hier können aber auch wieder Rituale helfen – nicht umsonst gibt es bei vielen Familien die Tradition, dass zuerst gesungen wird, ehe es die Geschenke gibt. Die Kinder sind ja auch aufgeregt.

Eigentlich ist das eine pädagogische Frage und Aufgabe der Eltern, wie Kinder sich in diesen Situationen verhalten. Sowas funktioniert ja nicht auf Knopfdruck, sondern muss gelernt werden. Da braucht man einfach etwas Geduld.“

Situation 7: das Kirchenproblem

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Selbsterklärend. Und eigentlich gar nicht so verfahren, wie unser Experte findet:

„Die einen gehen, die anderen gehen eben nicht. Da hilft Toleranz. Wenn das jedoch wirklich ein tiefgehendes Thema ist, muss man für sich selber ausfechten, wie wichtig einem das ist. Ob man da mitgehen möchte, oder eben nicht. Und wenn ein Konflikt droht, dann kann man das auch vorher schon abklären und muss es nicht erst an Weihnachten ausdiskutieren.“

>> Nicht jeder Streit muss so eskalieren: Schlägerei mit bis zu 100 Beteiligten in Berliner U-Bahn

Situation 8: der Trauerfall in der Familie

Weihnachten ist eigentlich ein Grund zur Freude. Ziemlich mies, wenn ein Familienmitglied kürzlich verstorben ist.

Wie kann man die gedrückte Stimmung auflösen, ohne nicht respektvoll rüberzukommen?

Geils-Lindemann: „Im besten Falle kann man das dazu nutzen, noch einmal gemeinsam an die Person zu erinnern und sich auszutauschen. Man sollte nicht schweigen, sondern der Trauer Raum geben. Fotos anschauen, Geschichten erzählen, das hilft sehr und gibt Trost! Es hilft keinem, darüber zu schweigen. Und gleichzeitig gilt es, auch dem Leben und dem Zusammensein, der Freude Raum zu geben.“

Situation 9: Zankereien unterm Tannenbaum

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Der Klassiker: Zwei Familienmitglieder sind sich Spinnefeind, am Weihnachtstisch müssen sie sich aber zusammenraffen. Alkohol und gelöster Stimmung sei Dank, kracht es irgendwann.

Wie verhalte ich mich als Außenstehender am besten deeskalierend?

Geils Lindemann: „Das ist natürlich knifflig. Den Streit zu unterbrechen oder zu verlassen ist als Außenstehender vielleicht das Schlauste. Vieles wird im Streit auch dann einfach irrational und jedes Wort wird im Nachhinein auf die Goldwaage gelegt.

Da ist es besser, sich eher rauszuhalten, sodass sich nicht beide Seiten noch mehr aufschaukeln. Man sollte versuchen, auf sich und auch die anderen ein bisschen aufzupassen.

Klar, manchmal ist es auch gut, Feuer mit Feuer zu bekämpfen und zum Beispiel einfach noch etwas energischer zu sein, um einen Schlussstrich zu ziehen. Das ist aber auch wieder eine Typ-Frage. Grundsätzlich würde ich eher zur Deeskalation raten.“

Fazit also:

Reden hilft. Und Abstand manchmal auch. Wenn wir also vielleicht manchmal öfter in uns reinhören, muss es vielleicht gar nicht erst zu der ein oder anderen Streitsituation über die Weihnachtstage kommen.

In dem Sinne: ein gesegnetes Fest!

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Quelle: Noizz.de