Wenn du als Musikjournalist aufs Arbeitsamt gehst

Sabine Winkler

Indie, Kaffee & Liebe
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Und, ehm – was genau machen wir jetzt? Foto: Erii Gutierrez / unsplash.com

Was man nicht alles an einem Vormittag erleben kann.

Hey, ich bin's wieder! Von meiner ersten Odyssee „Arbeitsamt-Besuch“ habe ich vor gut einem Monat berichtet. Das war, gelinde gesagt, etwas nervenaufreibend, aber auch absurd.

Eigentlich denkt man nach solchen Erlebnissen: Was kann das denn bitte toppen? Nun, sagen wir mal so: Es geht immer und in einem Monat kann viel passieren. Sehr viel sogar.

Kurz nachdem ich eine Info-Veranstaltung zum Thema „Jobs finden über die Online-Jobbörse“ (speziell für Hochschulabsolventen, wohl gemerkt!) besucht habe, flatterte der nächste Brief bei mir ein: Einladung zu einem Beratungsgespräch, Anfang August. Gleiches Arbeitsamt, andere Räumlichkeiten. Und hier fängt der Morgen an, kafkaesk zu werden. Ein bisschen fühlte ich mich wie eine Mischung aus Alice im Wunderland und Josef K. aus Kafkas „Prozess“.

Kapitel 1: Der Weg zum Raum

Anders als sonst bei Behörden, muss man sich, wenn das Arbeitsamt einen einlädt, nirgendwo am Empfang anmelden. Man spaziert einfach so durch und versucht herauszufinden, wohin man denn muss. Auf meinem Wisch, pardon: meiner Einladung steht: Raum N5056.

Hmm – „N“ steht für Neubau, so schlau bin ich schon mal. Auch dank SMS-Erinnerung vom Amt. Die habe ich zwar niemals angefragt, und ich weiß auch nicht, woher die meine Nummer haben, aber: Hey.

Also gehe ich durch eine Tür, in die man nur in einen anderen Teil des Amt-Konstrukts reinkommt, nicht aber wieder heraus. Gefangen in der Aufzug-Lobby. Ich kombiniere sehr Sherlock-Holmes-mäßig, dass ich bestimmt in die fünfte Etage muss. Weil „N5 ...“ und so.

Die Aufzugsanzeige besagt, dort befänden sich „Reha-Maßnahmen“, „Wiedereingliederung in die Arbeitswelt“ sowie die „Schwerstbehinderten Teamstelle“ – ich sehe mich in keinem dieser Felder, aber wird schon richtig sein.

Kapitel 2: Ich. Bin. In. Der. Hölle.

Oben angekommen, öffnet sich nicht nur die Aufzugstur, sondern eine völlig kuriose Welt. Lange Bürogänge im Einheitsbrei von grauen Teppichboden, gläsernen Tischgruppen mit schwarzen Bürostühlen auf dem Flur und Broschüren-Ständer. Aber etwas ist anders: Auf dem Flur hängen Theater- und Filmplakate, gerahmte Portraits von Arnold Schwarzenegger in seiner Bodybuilder-Zeit, Primaballerinas und Kostümbildner.

Jeder, der schon mal auf dem Arbeitsamt war, weiß: Das ist sehr ungewöhnlich. Wirklich.

Ich frage mich immer mehr, was mach ich hier? Gehöre ich hier hin? Bin ich wirklich richtig? Ich schweife vorbei an Raum 47, 48, 49, 50 ... Am Ende des Gangs finde ich endlich einen Wegweiser. Vielleicht kann der mir weiterhelfen. Im Hintergrund höre ich aus irgendeinem der Büroräume permanent Zirkus-Dudelmusik. Ich hoffe für den Menschen im Büro sehr, dass es mit seinem Job zu tun hat, irgendwie. Alles andere wäre irgendwie ... gestört.

Der Wegweiser allerdings führt zu noch mehr Verwirrung: „Mode / Werbung“ -> Komparsen, Fotomodelle, steht da geschrieben, weiter drunter „Unterhaltung“ -> Unterhaltungsmusik, Show, Artistik. OKAY.

Mein angegebener Raum befindet sich neben „Unterhaltungsmusik“. Landen dort etwa Musikjournalisten? Oder haben die irgendwas verwechselt? Eventuell könnte ich mich auch als erfolglose Sängerin anmelden, dann wüsste ich aber woran es liegt und bräuchte erst mal einen Zuschuss für Auto-Tune.

Foto: privat

Kennt ihr von Marc-Uwe Kling die Känguru-Chroniken? Ein bisschen fühle ich mich wie der Kleinkünstler und das Känguru beim Arbeitsamt. Die Wege sind wirr, die Gespräche verwirrend. Na gut, wie mein Gespräch wird, muss ich erst noch herausfinden. Ich nähere mich den Raum.

Kapitel 3: Ein Gespräch, das keines ist

Ich bin fünf Minuten zu früh. Das ist doof für mich, weil beim Amt anscheinend alles sehr durch getaktet ist. Meine Sachbearbeiterin muss erst noch was anderes fertig machen.

Ich nehme ihr gegenüber Platz und sitze so tief, dass der Monitor und Zimmerpflanze jeglichen Blickkontakt verwehren. Das ist eine gute Ausgangslage für gelungene Kommunikation, finde ich.

„Ich bin gleich für Sie da“ – diese Frau ist wirklich nett, aber ich habe jetzt schon das Gefühl, dass dieser Termin in einem Fiasko enden wird. Liegt wahrscheinlich an mir. Oder an der Zirkusmusik, die noch immer aus dem Kollegenbüro dudelt. Ich finde über mich heraus: Diese Art von Clownsmusik macht mich latent aggressiv.

In aller Seelenruhe nimmt meine Sachbearbeiterin einen Ordner aus dem Schrank und steckt in die Bürotür ein Schild ein: „Beratungsgespräch, bitte nicht stören.“ Ach, so oldschool geht das hier noch zu?

„Um es gleich zu sagen: Ich bin eigentlich gar nicht mehr für sie zuständig.“ –Ah, das wäre ja überraschend gewesen, wenn diesmal alles richtig wäre. In der Zwischenzeit, seit ich die Einladung erhalten habe, und jetzt, habe ich nämlich eine selbstständige Tätigkeit angemeldet. Dachte aber aus irgendeinem Grund (und diversen Warnungen bei der Mitteilung dieser Veränderung), es wäre schlauer, noch beim Amt gemeldet zu bleiben.

Die Dame mache das Gespräch trotzdem mit mir, weil sie ja eingeladen hat. So so. Sie knipst einen Bildschirm neben mir an, damit ich sehen kann, was sie so in ihren PC eintippt. Ich sehe mein Profil mit Lebenslauf.

„Den sollten wir noch ein bisschen verbessern.“ Ach ja? „So findet  Sie unser Matching-System doch niemals.“ Ah, es gibt ein Matchingsystem? Sind wir bei Tinder oder was? Außerdem stehen da doch Fähigkeiten: Adobe Photoshop, Excel und so weiter. Was die Gute aber eigentlich meint, ist, was ich wirklich kann: „Zum Beispiel tragen Sie da Online-Redakteurin ein und geben sich drei Sterne – das gehen wir jetzt am besten überall durch.“

In meinem Kopf habe ich einen inneren Disput, der das alles ziemlich sinnlos findet, weg will und nicht versteht, inwiefern „Online-Redakteurin“ eine Fähigkeit ist. Aber, was tut man nicht alles für ein Match.

Eine Viertelstunde sitzen wir nun da, verbessern mein Matching-Potential, und ich verstehe immer noch nicht so recht was das soll. Entweder merkt das die Frau mit gegenüber oder das Zirkusgeduddel macht sie auch langsam wahnsinnig.

„Also auf jeden Fall, können Sie das zu Hause vervollständigen. Schauen wir jetzt mal, was wir für Jobs in der Jobbörse für Sie finden.“ NICHT SCHON WIEDER.

Wie drücke ich es am besten aus? Tinder hätte wohl eine höhere Trefferquote als das Matchingsystem des Arbeitsamtes. Allerdings habe ich auch noch nicht alles fertig eingespeist, wie es soll. Vielleicht bekomme ich deswegen beim Suchbegriff „Redakteurin“ lauter PR-Stellen und teilweise sogar Gatsro-Jobs angezeigt. Hmmpf. Da weiß meine Sachbearbeiterin auch nicht so recht weiter.

Die Stellen, die ansatzweise passen, sind allerdings, ehrlich gesagt, von drittklassigen Medienagenturen mit ominösen Namen wie „Glutamat Kommunikation“. Will da wirklich jemand arbeiten?

Kapitel 4: Das war alles ein Missverständnis

„Wie auch immer, ich hab Ihnen das ja jetzt gezeigt. Sie können zu Hause mal in Ruhe suchen“ – super Idee, denke ich und danke Gott, dass das ein Ende hat. Die Sachbearbeiterin geht zum Ordnerschrank und holt zwei Blätter raus. „So, also dann jetzt zu Ihren Pflichten: Sie müssen eine Liste mit all ihren Bewerbungsaktivitäten führen und uns ihre Abwesenheiten melden“ – Ehm, Moment mal kurz: Ich MUSS?!

„Und was passiert, wenn ich das in meinem freiberuflichen Berufsstress mal vergesse oder irgendwas spontan passiert?“, frage ich geduldig, bemüht nicht die Fassung zu verlieren „Na dann, wird das in Ihrer Akte vermerkt. Sie sind zur Mitarbeit verpflichtet, genau so wie die, die Leistungen beziehen.“ Ehm okay.

Ich frage weiter: „Und was genau habe ich dann davon, noch hier zu sein?“ – „Ja, also unseren Service. Das ist doch was. Und unsere Zeitschriften und Bewerbungscomputer im BIZ“ – Oh je, nicht schon wieder die Nummer mit Bewerbungscomputer beim BIZ ...

Ich beschließe, dem Ganzen ein Ende zu setzen: „Also, wenn das so ist, dann will ich das glaub ich nicht mehr.“ – „Sind Sie sich sicher, dass Sie sich wirklich abmelden wollen?“ Jetzt klingt die Sachbearbeiterin wie die Warnung der Online-Plattform, als ich meine selbstständige Tätigkeit mitgeteilt habe. „Ja“, antworte ich.

„Also gut. Verstehe ich ja irgendwie“, sagt die Sachbearebiterin. Ach, Danke. Ich beantrage noch schnell die freiwiellige Arbeitslosenversicherung und nehme eine Broschüre zur Existenzgründung mit. Das war's dann also mit uns fürs erste, liebe Bundesagentur für Arbeit. Wie ich deine liebliche Hotline vermissen werde. Bye bye.

Quelle: Noizz.de