Damit du gut durch die Weihnachtszeit kommst

Für die einen ist Weihnachten das Fest der Liebe. Für die anderen ist eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung die schönere Alternative. Am 24. Dezember ist es so weit: Wie schon die heiligen drei Könige loszogen, um das Jesuskind zu besuchen, ziehen wir alle los, um mit der Familie die Feiertage zu begehen. Das bedeutet also auch: Man muss sich spätestens an diesen Tagen mit seiner Familie auseinander setzen.

Da zerplatzt sie dann auch meistens direkt, die Alltags-Bubble, in der man sich sonst so bewegt. Dieses flauschige Nest, das man sich aufgebaut hat aus Freunden, Kollegen und Medien, die politisch und gesellschaftlich mit einem auf demselben Nenner sind. Hinauskatapultiert wird man und hineingepeinigt in den absoluten Querschnitt der Gesellschaft, der dann aber in Form von Familienangehörigen mit einem am Tisch sitzt.

"Hitler hat ja auch die Autobahnen gebaut"

"Das wird man doch wohl noch mal sagen dürfen", plärrt es dann von Onkel Detlef zu einem hinüber, Tante Helga verkündet zwischen Eierlikör und Rinderbraten, dass "den Flüchtlingen" alles in den Hintern gesteckt wird, während sie ihre Knie-OP ja selbst zahlen musste, und Opa Eckhart erklärt einem, dass das damals ja auch so los ging und Hitler ja auch seine guten Seiten hatte.

Haben wir diese Szenerie hier etwas überspitzt dargestellt? Möglich. Hat nicht dennoch jeder wenigstens eine Person am heiligen Abend oder beim Weihnachtskaffee dasitzen, die sich hier zumindest ein bisschen wiederfinden lässt? Wahrscheinlich. Immerhin besteht der Querschnitt unserer Mitmenschen deutschlandweit aus 6 bis 26 % AfD-Wählern – je nach Bundesland. Die Wahrscheinlichkeit also, dass ihr euch irgendeinem Exemplar mit Hang zur brodelnden, braunen Brühe aussetzen müsst, ist zweifelsohne gegeben. Da denkt man sich zwischen Lichterketten und Zimtsternen ganz schnell mal: "Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, ich möchte meinen Kopf gegen alle Wände haun."

Willst du überhaupt diskutieren?

Was also tun, wenn man da sitzt und sich fragt, wie man eigentlich in diesen unmenschlichen, unreflektierten und intoleranten Bums voller Aluhut-Träger geraten ist? Wütend drauf los schimpfen bringt jedenfalls schon mal gar nichts. Die erste Entscheidung, die man fällen muss, ist: Will man jetzt überhaupt diskutieren? Will man sich auf ein langwieriges Gespräch einlassen, an dessen Ende vermutlich ein Streit steht? Es gibt sehr gute Argumente dafür, sich auf eine Diskussion einzulassen. Aber man hat auch gutes Recht, dies abzulehnen.

Schweigen sollte man dennoch nicht. Wenn also plötzlich legitimiert werden soll, dass Seenotrettung nicht unbedingt durchgeführt werden muss, muss man nicht still daneben sitzen. Man muss nicht schweigen, wenn im Prinzip gesagt wird, dass es Menschengruppen gibt, die wir auf hoher See auch ertrinken lassen dürfen. Statt also zu schweigen und zu warten, bis man endlich wieder gehen darf, kann man ein pointiertes Statement abfeuern und sich eindeutig positionieren. Eine Äußerung wie "Das geht mir zu weit. Ich finde es nicht okay, dass ihr so über Menschenleben redet" oder noch schlichter "Ich unterstütze eure Aussagen nicht." kann schon auch eine Drop-The-Mic-Wirkung haben. Es ist wichtig, dass Hetzer genau mitbekommen, dass ihre Aussagen nicht von allen gestützt werden.

Bring it on!

Wenn ein Statement nicht mehr ausreicht, du in die Ecke gedrängt wirst oder einfach wirklich gerne mit dem AfD-Onkel sprechen möchtest: Gut so. Gespräche sind wichtig und Diskussionen sind gut. Bleib dabei möglichst ruhig, sachlich und unemotional. Greife deinen Gegenüber nicht direkt an. Deinem AfD-Onkel zu sagen "Deine Aussage ist rassistisch!", ist besser als zu sagen "Du bist Rassist!" – denn damit greifst du ihn nicht direkt persönlich an, sondern nur etwas von ihm Gesagtes. Es besteht also Distanz zwischen der Person und ihrer Aussage, und die Person hat auch immer noch die Möglichkeit, sich zu distanzieren.

Wenn Behauptungen in den Raum geworfen werden, frag nach. "Was genau meinst du mit dieser Aussage?", "Wo kommen diese Zahlen/Fakten her?" Menschen, die diskutieren wollen, sind sich sicher, dass sie recht haben. Man darf dabei aber nicht vergessen: Das Gegenüber denkt dasselbe. Der AfD-Onkel geht ja auch davon aus, dass er seine Argumente auf seiner Seite hat. Er lebt in einer ähnlichen Bubble wie man selbst und filtert Aussagen ebenfalls auf bestimmte Art und Weise. Es ist also notwendig, den anderen ernst zu nehmen. Es ist wichtig, zumindest zu versuchen, den anderen zu verstehen: Warum denkt er wie er denkt? Was sind seine Beweggründe und was steckt dahinter? Und vor allem: Wie kann man an diesen Beweggründen andocken, um eventuell Gegenargumente zu formulieren?

Jemanden aber einfach mit den eigenen Argumenten zuzuballern, bringt nichts. "Klar ist: Die eigene Überzeugung, das eigene Weltbild gibt niemand leichtfertig auf. Erst recht nicht, wenn man sich mit seiner eigenen Meinung nicht ernst genommen oder sogar abgewertet fühlt", sagt Autorin Franzi von Kempis in ihrem Buch "Anleitung zum Widerspruch".

Natürlich sollte man aber durchaus wissen, worüber man spricht. Und man darf durchaus auch widersprechen und seine eigenen Argumente vorbringen. Für die häufigsten AfD-Klopper haben wir euch hier mal ganz vorbildlich Argumentations-Futter zurechtgelegt:

1. Wenn der Adventskalender zum Geschenkelager wird

Der "Adventskalender" wird nun "Geschenkelager" genannt? Der "Schokoweihnachtsmann" ist nun plötzlich "Zipfelmann"? "Weihnachtsmärkte" heißen ab jetzt "Wintermärkte"? – Für die AfD sind derartige Begriffsänderungen eindeutige Belege dafür, dass großflächig vor dem Islam gebuckelt und dafür christliche Traditionen verraten werden.

Fakt ist: Die angeprangerten Begriffsänderungen sind nichts als hochgekochte AfD-Propaganda. So etwa in diesem Winter geschehen: AfD-Politiker postete auf Twitter einen Ferrero-Adventskalender, auf dessen Rückseite "Geschenkelager" steht – auf der Vorderseite steht immer noch "Adventskalender". Dennoch war der Aufruhr der besorgten Bürger groß und es wurde erneut auf die voranschreitende Islamisierung des Abendlandes hingewiesen.

Der Gedanke, aus "Weihnachtsmärkten" einfach "Wintermärkte" zu machen, war rein wirtschftlich: Man wollte die Märkte auch noch im Januar stehen lassen können, wenn Weihnachten vorbei ist. Die sogenannten "Zipfelmänner" bei Penny sorgen ebenfalls Jahr für Jahr für verwirrte und besorgte Bürger – dabei sind sie nur Ergänzung zu den traditionellen Schokoweihnachtsmännern, die es nach wie vor im Sortiment gibt.

2. "Die Islamisierung des Abendlandes ist vorangeschritten!"

Wo wir beim Thema Traditionen sind: Das was AfDler immer wieder gerne als deutsche Traditionen deklarieren, ist meist gar nicht so wahnsinnig deutsch. Viele Brauchtümer sind auch gar nicht so wahnsinnig alt. Dennoch versuchen besorgte Bürger immer wieder, Feste wie Weihnachten aus einer alten germanischen Tradition abzuleiten – was Quatsch ist. Vielmehr wurde im Zuge der aufkommenden Nationalbewegung im 19. Jahrhundert nach den Ursprüngen der deutschen Kultur gesucht. Es wurde aktiv daran gearbeitet, eine einheitliche Identität und Kultur entstehen zu lassen – "Dementsprechend wurden für so manche Bräuche germanische Traditionen einfach erfunden", erklärt Von Kempis in ihrem Buch.

Diese Germanisierung wurde von den Nationalsozialisten übrigens sogar noch vorangetrieben, wie die Autorin außerdem festhält. Es war etwa auch geplant, Weihnachten in "Julfest" umzubenennen. Schade, dass unsere besorgten Bürger mit ihren Twitter-Accounts noch nicht eingreifen konnten. Hätten sie damals auch nach ihren christlichen Traditionen gefragt? Oder wäre das dann doch nicht so wichtig gewesen, wenn ein gewisser Höcke, äh sorry, Hitler dahintersteckte?

Wissenschaftlich praktisch ist das mit der Germanisierung für die Knalltüten der AfD übrigens auch noch: Je weiter man in die Vergangenheit geht und irgendwelche germanischen Bräuche als Ursprung der Traditionen benennt, desto mehr kann man hinein interpretieren, denn "für diese Frühzeit gibt es keine ausreichenden Belege", wie Von Kempis konstatiert.

3. In Deutschland herrscht Kopftuchverbot!

Die verschleierte Frau ist dem gemeinen AfDler ein Dorn im Auge. Es wird gerne argumentiert, dass eine solche Kopfbedeckung hier nicht her gehört. Gerne wird dann auf entsprechende Gesetze verwiesen.

Diese gibt es tatsächlich: Ja, in Deutschland herrscht Vermummungsverbot. BEI DEMONSTRATIONEN. Und dieses hat nichts mit religiösen Haltungen zu tun, sondern gilt für jede Person, die an einer Demo teilnimmt. Der Grund: Die Feststellung der Identität muss gewährleistet sein. In Burka demonstrieren gehen, ist also nicht okay. Haben wir verstanden. Das Privatleben einer Muslimin betrifft dieses Verbot aber nicht.

Es gibt allerdings individuelle Regelungen in den einzelnen Bundesländern – je nach Funktion und Rolle der betreffenden Personen oder auf öffentlichen Plätzen. In der Bibel ist übrigens auch von der Verschleierung der Frau zu lesen – ganz so weit weg von den christlichen Traditionen ist das alles also auch nicht.

4. Wir dürfen in muslimischen Ländern auch keine Kirchen bauen!

Jap – das ist natürlich ein Argument. Es ist vor allem ein Argument, wie ein Vorschlaghammer: Pauschalisierend und ohne wirkliche Unterfütterung. In muslimischen Ländern wohnen ja keine besorgten Bürger, die dort ihren christlichen Glauben ausleben wollen. Wer weiß, was gewesen wäre, wenn etwa ganze Fachkräfte mit ihren Familien vor Jahrzehnten aus Deutschland in die Türkei gezogen wären? Wissen wir nicht – diese Argumentation fußt also nur auf reinen Konjunktiven.

Aber sei's drum: Tatsächlich ist es mit der Religionsfreiheit in muslimischen Ländern anders als etwa in Deutschland. In Saudi-Arabien etwa ist, wie Von Kempis festhält, kein Kirchenbau oder das Ausleben des christlichen Glaubens erlaubt. Direkt nebendran, in den Vereinigten Arabischen Emiraten sieht es ganz anders aus. Unter anderem werden religiöse Minderheiten hier geschützt. Papst Franziskus feierte hier 2019 sogar einen riesigen Gottesdienst mit mehr als 100.000 Gläubigen, und in der Türkei erhielten aramänische christliche Gläubige die Baugenehmigung für eine eigene Kirche.

Ist also alles nicht so eindeutig in den muslimischen Ländern. Deshalb sagt von Kempis sehr richtig: "Was man nicht pauschal sagen kann: In muslimischen Ländern dürfen gar keine Kirchen gebaut werden."

5. "Das sind doch nur Wirtschaftsflüchtlinge, die hierher kommen!"

Tante Herta und ihr Eierlikör sind not amused! Alles Wirtschaftsflüchtlinge, die hier Asyl beantragen und dann leben wie die Made im Speck. Ein Wirtschaftsflüchtling ist jemand, der sein Leben verbessern will – der aber weder vor Armut noch vor Verfolgung oder Krieg flüchtet. Das ist richtig, diese Menschen gibt es.

Was aber nicht richtig ist: Dass diese hier so einfach Asyl bekommen. Das deutsche Asylsystem sieht die Aufnahme von Wirtschaftsflüchtlingen nämlich gar nicht vor, wie von Kempis erklärt. "Würden in Deutschland also jede Menge sogenannter Wirtschaftsflüchtlinge Asyl beantragen, läge deren Chance auf Anerkennung praktisch bei null." Daher rät die Autorin: Dem Streitenden erst mal das System erklären. Wie dieses genau aussieht, erfährt man in ihrem Buch, wo es auch noch weitere Tipps für alle möglichen Streitthemen gibt.

Wir wünschen, dass ihr gut durch die Weihnachtszeit kommt. Lasst euch nicht ärgern!

Quelle: Noizz.de