Die Kindermorde von Atlanta traumatisierten eine ganze Generation Schwarzer Amerikaner*innen. Sie zeigten: Die Polizei ermittelt häufig erst dann in Mordfällen an Schwarzen, wenn der öffentliche Druck sie zwingt. Jahrzehnte später könnte nun endlich der wahre Täter gefasst werden – und das vielleicht dank Netflix.

Dreißig tote, Schwarze Kinder und junge Erwachsene. Schleppende Ermittlungen. Und am Ende: Kein Verurteilter. Zumindest nicht für die Kindermorde. Klingt wie die grausige, ausgedachte Geschichte eines Krimi-Autoren. Doch es gab sie wirklich: Die Kindermorde von Atlanta 1979 bis 1981.

In Zeiten der großen Proteste gegen rassistische Polizeigewalt müssen wir uns in Erinnerung rufen: Rassismus in der Polizeiarbeit ist nicht nur die aktive Tötung von nicht-weißen Menschen, wie die George Floyds. Auch das Verweigern einer anständigen Ermittlung im Falle eines Verbrechens gegen Schwarze zählt dazu. Die nicht aufgeklärten Morde an Schwarzen Kindern in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia sind das berüchtigtste Beispiel dafür.

Netflix beleuchtet die Kindermorde

41 Jahre ist es nun her, dass das erste Opfer der Morde, Edward Smith, getötet wurde. Und doch ist der Fall so präsent, als wären nicht mehrere Jahrzehnte, sondern nur Monate vergangen. Das liegt nicht zuletzt an Netflix. In der Erfolgsserie "Mindhunter", die sich um die Anfänge des Profilings im FBI dreht, spielen die Atlanta-Kindermorde eine zentrale Rolle. Die gesamte zweite Staffel beschäftigt sich mit der Aufklärung des epochalen Falls – und mit den Widerständen, die dazu führten, dass noch immer kein Täter identifiziert wurde. Und das ist neben einigen anderen Faktoren vor allem: Rassismus.

Nach Jahrzehnten des Schweigens und Verdrängens gab es 2019 eine Wendung in der tragischen Geschichte: Die derzeitige Bürgermeisterin, Keisha Lance Bottoms, ließ den Fall neu aufrollen. Zusammen mit den Familien der Ermordeten und Vermissten will sie etwas zum Abschluss bringen, das die Stadt noch Jahrzehnte später beschäftigt: Einen 23-monatigen Albtraum, der eine der ärmsten Nachbarschaften Atlantas heimsuchte. Und bis heute kein Ende nimmt.

Dank moderner DNA-Technologie können alte Beweismittel nun neu überprüft werden und so im besten Falle den oder die Täter*innen entlarven. Mit der Netflix-Serie haben die Kindermorde eine große öffentliche Aufmerksamkeit bekommen, auch das erhöht den Druck auf die Behörden.

In dieser Pressekonferenz erklärte Bürgermeisterin Lance Bottoms, welch grausamen Einfluss die Morde auf diejenigen hatten, die als Schwarze Kinder in Atlanta aufwuchsen:

Was genau passierte während der Mordserie? So verschwanden die Kinder

Alles begann im Sommer 1979, als die beiden 14-jährigen, Schwarzen Jungen Edward Smith und Alfred Evans im Abstand von vier Tagen verschwanden. Ihre Leichen wurden am 28. Juli in einem Waldgebiet gefunden, Smith mit einer Schusswunde im oberen Rücken. Es wird angenommen, dass sie die beiden ersten Opfers des "Kindermörders von Atlanta" waren.

Am 4. September verschwand das nächste Opfer, der 14-jährige Milton Harvey, als er für seine Mutter einen Botengang zur Bank unternahm. Das gelbe Fahrrad, auf dem er dort hinfuhr, wurde eine Woche später in einer abgelegenen Gegend von Atlanta gefunden. Seine Leiche wurde erst im November desselben Jahres geborgen.

Am 21. Oktober verschwand der 9-jährige Yusuf Bell auf dem Weg zu einem Lebensmittelgeschäft, in dem er Einkäufe für seine Nachbarin erledigen sollte. Eine Zeugin sagte, sie habe ihn in ein blaues Auto einsteigen sehen, bevor er verschwand. Seine Leiche wurde am 8. November in der verlassenen E.P. Johnson Elementary School von einem Schulhausmeister gefunden, der einen Platz zum Urinieren suchte. Als Todesursache wurde Strangulation festgestellt. Die Polizei brachte sein Verschwinden nicht sofort mit den früheren Morden in Verbindung.

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Am 4. März 1980 verschwand das erste weibliche Opfer, die 12-jährige Angel Lanier. Ihre Leiche wurde sechs Tage später auf einem bewaldeten, unbebautem Grundstück gefunden – ein weißes Höschen, das nicht Lanier gehörte, war ihr in den Mund gestopft worden. Auch hier wurde als Todesursache Strangulation festgestellt.

Am 11. März, eine Woche nach Laniers Verschwinden, wurde der 11-jährige Jeffery Mathis bei einer Besorgung für seine Mutter entführt. Auch er wurde dabei gesehen, wie er in ein blaues Auto stieg, darin sollen ein weißer und ein Schwarzer Mann gesessen haben.

In der folgenden Zeit wurden 25 weitere Kinder und junge Erwachsene, alle Schwarz, als vermisst gemeldet und später tot aufgefunden. 28 von ihnen waren männlich. Festgestellt wurde verschiedene Todesursachen, die meisten von ihnen starben jedoch durch Ersticken. Da nicht alle der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf die gleiche Weise verschwanden und manche von ihnen vorher in verschiedene Streitigkeiten verwickelt waren, brachte man die Morde zunächst nicht in Verbindung.

Schwarze Community Atlantas: Noch nie frei von Unterdrückung

Um die Tragweite der Unruhen zwischen Schwarzen und Weißen verstehen zu können, die die Mordserie auslöste, muss man wissen, dass Atlanta in den 80er-Jahren noch stark geprägt von der Zeit der Segregation und sogar Sklaverei war. Kurz gesagt: Atlantas Schwarze Bevölkerung bestand zu einem Großteil aus den Nachkommen Tausender befreiter Sklaven, die im Zuge des amerikanischen Bürgerkriegs in den Bundesstaat Georgia strömten. Ihre Vorfahren hatten weder Besitz noch Unterkunft.

Die Bevölkerung lebte in einem so kritischen und anhaltenden Elend, dass sich dessen Auswirkungen von Generation zu Generation übertrugen. Die Schwarze Gemeinschaft Atlantas kannte bis zu den Morden keine einzige historische Periode, die frei von lebensbedrohlichen, vernichtenden Kämpfen war. Dazu kam, dass der Einfluss des rassistischen und gewalttätigen Ku-Klux-Klans in Atlanta weithin bekannt war.

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Kritik an der Polizei

Atlanta war ein Pulverfass, das durch die Morde an Schwarzen Kindern zu explodieren drohte. Die Wut der Schwarzen Bevölkerung richtete sich vor allem gegen die Polizei, denn die tat zunächst: nichts. Vor allem die Mütter der entführten und getöteten Kinder schlossen sich zusammen und prangerten öffentlich an, dass die Polizei die Leben Schwarzer Kinder aus armen Gegenden für zu unwichtig hielt, um richtig zu ermitteln. Erst im Sommer 1980, ein Jahr nach Beginn der Mordserie, richtete die örtliche Polizei eine Sonderkommission zur Untersuchung der Mord- und Vermisstenfälle ein. Eine Verbindung der Fälle bestätigte die Polizei jedoch erst nach dem Fund der Leiche von Clifford Jones im Oktober 1980.

Camille Bell führte die Gruppe von Müttern an, die die Aufklärung der Morde an ihren Kindern forderte

Die Polizei überprüfte alle bekannten Sexualstraftäter der Gegend, besuchte Schulen, um Kinder nach verdächtigen Vorkommnissen zu befragen, verteilte Handzettel mit den Fotos der Vermissten und ermittelte verdeckt in den Schwulenbars der Stadt. Wegen der hauptsächlich männlichen, Schwarzen Opfergruppe wurde von einem schwulen, afroamerikanischen Pädophilen ausgegangen. Noch heute ist unklar, inwiefern Homophobie die Ermittlungen beeinflusste.

Täter-Profil des FBI

Auch der Umstand, dass die Polizei einen afroamerikanischen Täter suchte, löste Proteste seitens der Schwarzen Bevölkerung aus. Die Vermutung der Polizei stützte sich auf die Aussagen einiger hinzugezogener FBI-Agenten. Ihre These: Serienmörder suchen sich fast ausschließlich Opfer aus ihrer eigenen ethnischen Gruppe und ein Weißer in den Gegenden, in denen die Kinder verschwanden, wäre aufgefallen.

Das FBI ermittelte auch gegen den Ku-Klux-Klan, den die meisten der Angehörigen der Opfer für schuldig hielten. Ein beim Klan eingeschleuster Informant berichtete der Polizei sogar, dass der Klan die Morde an den Kindern verübt habe, um einen Rassenkrieg auszulösen. FBI-Fallanalytiker hielten dies jedoch für unwahrscheinlich. Zum einen wären auch die weißen Klanmitglieder in den betroffenen Gegenden aufgefallen. Zum anderen äußere sich Hasskriminalität meist durch öffentliche Zurschaustellung und Symbolik, beides fehlte bei den Kindermorden jedoch. Die Ermittlungen gegen den Klan wurden mangels Beweisen eingestellt.

Verhaftung des angeblichen Mörders

Am 22. Mai 1981 kam es dann zu einer spektakulären Wendung in dem Fall. Weil einige Leichen aus Flüssen in der Umgebung geborgen worden waren, observierte die Polizei nachts die Straßen und Brücken. Am frühen Morgen meldete plötzlich einer der Beamten, in der Nähe einer Brücke ein "Platschen" gehört zu haben. Die Polizei und FBI-Agenten hielten daraufhin einen Wagen an, der gerade über die Brücke gefahren war. Der Fahrer: Wayne Bertram Williams, ein 23-jähriger Schwarzer, der genau auf das erstellte Täterprofil des FBI passte.

Zunächst wurde Williams nur befragt und durfte nach einer Durchsuchung weiterfahren. Als zwei Tage später jedoch die Leiche des 27-jährigen Schwarzen Nathaniel Cater aus dem Chattahoochee River gezogen wurde und Fasern an dessen Klamotten mit solchen aus Williams Wohnung übereinstimmten, wurde dieser festgenommen. Ebenso wurden Beweise gefunden, die Williams mit dem Mord am 21-jährigen Jimmy Payne in Verbindung brachten.

Im Februar 1982 wurde Williams des Mordes an zwei der erwachsenen Opfer von einem Geschworenengericht für schuldig befunden. Er wurde zu zwei lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt. Bezüglich der Morde an den Kindern wurde er nie angeklagt und verurteilt – die Strafverfolgungsbehörden betrachteten diese Fälle mit seiner Verhaftung jedoch ebenfalls als gelöst und stellten die Ermittlungen ein. Offiziell endete die Mordserie nach Williams’ Festnahme. Williams sitzt noch heute im Gefängnis und beteuert seine Unschuld.

Familien gehen von anderem Mörder aus

Die Familien der getöteten Kinder kritisieren das Vorgehen der Behörden scharf. Sie sagen: Mit Williams wurde ein Bauernopfer gefunden, das die Proteste der Angehörigen verstummen lassen und die schwelenden Unruhen zwischen Weißen und Schwarzen beruhigen sollte. Sie glauben nicht, dass Williams der tatsächliche Mörder ihrer Kinder ist – zumal ihm die Taten niemals nachgewiesen wurden. Hinweisen, nach denen auch weiße Männer als Täter infrage kommen, sei gar nicht erst nachgegangen worden.

Die Kindermorde von Atlanta zeigen in aller Deutlichkeit, dass der Satz "Black Lives Matter" – Schwarze Leben zählen – weder in der Vergangenheit noch der Gegenwart eine Selbstverständlichkeit war. In welcher Nachbarschaft eine Person wohnt und welche Hautfarbe sie hat, bestimmt noch heute über Leben, Überleben und Behandlung durch die Polizei. Mit der Mordserie hat das die Schwarze Bevölkerung einer ganzen Stadt am eigenen Leib erfahren müssen. Ob der Mörder je gefasst wird oder nicht – was damals aus rassistischen Gründen an Ermittlungsarbeiten versäumt wurde, kann durch eine heutige Verurteilung nicht wieder gut gemacht werden.

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Quelle: Noizz.de