Wenn es dein Job ist, Tote wegzumachen

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Ein Totenreiniger hat uns verraten, was das Schlimmste an seiner Arbeit ist.

Menschen sterben in unterschiedlichen Räumen. Sie sterben in unterschiedlichen Positionen. Manchmal bemerken andere ihren Tod nach einer Stunde, manchmal nach ein paar Wochen. Die Seele der Toten mag dann schon ganz weit weg sein; der Körper aber bleibt genau da, wo er starb.

Genau dort kommt Władyslaw ins Spiel. Ihm gehört die Reinigungsfirma „Purgato Post Mortem“ in Warschau. Sein Job ist hart. Władyslaw weiß: Wenn das Telefon klingelt, dann bedeutet das niemals gute Nachrichten. Es bedeutet: Sie haben schon wieder einen toten Menschen gefunden, der lange vergessen wurde.

NOIZZ hat mit Władyslaw gesprochen.

Die tägliche Routine

„Wenn ich einen Auftrag bekomme, dann besichtige ich zuerst die Wohnung und beurteile, ob ich sofort loslegen muss und welcher Raum am meisten Arbeit beanspruchen wird. Ich schätze die Größe der Wohnung ab, damit ich weiß, wie viel Material ich vorbereiten muss.

Władysław Foto: Purgato Post Mortem / Promo

Der Bodenbelag entscheidet darüber, welche Reinigungsmittel ich benutze. Auch wichtig: Ist es eine Wohnung oder ein Haus?

Außerdem muss ich abschätzen, in welcher psychischen Verfassung die Menschen sind, die mich zur Hilfe gerufen haben. Mit jedem Kunden muss ich anders umgehen. Wenn ich über alles Bescheid weiß, gehe ich zurück ins Büro, packe meine Sachen – und mache sauber.

Es ist ein bisschen wie Bodenwischen. Einen sehr dreckigen Boden. Manchmal so dreckig, dass man ihn komplett rausreißen muss.“

Die Kunden

„Wie viele Kunden ich habe, ist immer unterschiedlich. Manchmal bekomme ich mehrere Aufträge an einem Tag. Mir ist aufgefallen, dass ältere Leute meist im Winter sterben.“

Das Equipment

„Es mag überraschen, aber das Werkzeug, das ich am häufigsten verwende, ist der Spachtel. Natürlich verlassen wir uns auf die Standard-Hygieneprodukte: Netze, Eimer, Schutzfolien.

Ich habe selber ein Mittel entwickelt, das Blut und andere Körperflüssigkeiten löst. Wenn solche Flüssigkeite aber in Stoffe einsickern, dann bleiben sie da – und man muss das kontaminierte Möbelstück wegschmeißen.

Foto: Purgato Post Mortem / Promo

Wir arbeiten nicht ohne Overalls und Gasmasken. Unsere Masken filtern zwar gefährliche Mikroorganismen, aber der Geruch kommt fast ungefiltert durch.

Dicke Handschuhe sind ein Muss. Denn: Wir kennen diese Leute einfach nicht. Ein Toter kann immer eine ansteckende Krankheit gehabt haben – sogar AIDS.“

Die Orte

„Sterben kannst du überall. Ein Blutgerinnsel, während du gerade in der Küche stehst – das Ende. Ein Schlaganfall unter der Dusche – das Ende. Der Tod findet dich wirklich an jedem Ort. Trotzdem: Meistens reinigen wir Bäder oder Schlafzimmer.“

Die Todesursachen

„Die Ursachen sind unterschiedlich. Kein Tod ist wie der andere. Aber ich schätze, dass es sich bei mehr als 80 Prozent der Toten um ältere, vergessene Menschen handelt. Ich weiß nicht, wie man jemanden einfach vergessen kann. Die eigene Mutter, den Vater, den Opa. Doch viele rufen nie an, besuchen sie nie.

Auf einmal fällt ihnen die Person wieder ein, drei Wochen nach dem letzten Telefongespräch. Und das kann ja direkt vor dem Tod stattgefunden haben. Deswegen findet man manche Leichen erst drei Monate danach.

So ähnlich ist das auch mit Nachbarn. Dass man seinen Nachbarn wochenlang nicht gesehen hat, kein Geräusch aus dessen Wohnung gehört hat, sogar Verwesungsgeruch aus dessen Wohnung riecht – oft erregt das niemandes Aufmerksamkeit.

Ich hatte zwei Fälle, bei denen die Nachbarn erst reagierten, als das Blutplasma des Toten anfing, durch die Decke zu sickern.“

Werbung für eine Toten-Reinigungsfirma: Wie geht das?

„Klar, das ist nicht leicht. Die meisten Leute möchten von unserem Geschäft nichts hören, obwohl der Tod das einzig Sichere in unser aller Leben ist.

Ich würde keine Plakate oder TV-Clips als Werbung für uns nutzen. Wir arbeiten mit Bestattern zusammen, die trauernden Familien meine Visitenkarte geben. Sie können davon profitieren, wenn sie die Wohnung des Verstorbenen schnell wieder vermieten können, um die Beerdigung zu bezahlen. Wir versuchen auch, diesen Familien Trost und Hilfe zu geben.

Ich glaube, dass das Tabuthema „Tod“ bald keines mehr sein wird. Die Menschen brauchen unsere Dienstleistungen, und wir sind gut in dem, was wir tun.

Wie man auf diesen Job kommt

Früher, als auf MTV noch Musik gespielt wurde und auf dem Discovery Channel noch Wissenschafts-Dokus liefen, da gab es eine Show namens ,Dirty Jobs‘. Da sah ich mal einen Typen, der den Boden von Zügen saubermacht, nachdem sich jemand davor geworfen hatte. Das hat mich irgendwie neugierig gemacht. Und niemand redete darüber – sie zeigten es zwar auf Discovery, aber ansonsten existierte das Thema einfach nicht.

Ein paar Jahre später begann ich darüber nachzudenken, eine eigene Firma zu gründen. Da sagte meine Mutter: ,Mach doch einfach die Wohnungen von Toten sauber‘ – ein Scherz. Ich erinnerte mich an die Sendung und diese Nische, über die nie jemand sprach – und irgendwie ,passierte‘ meine Firma dann einfach.“

Voraussetzungen für diesen Job

„Ich bin sehr vielseitig, aber auch ein bisschen komisch. Ich bin schwierig aus der Fassung zu bringen. Was außerdem wichtig ist: Du darfst dich nicht vor dem Anblick von Blut ekeln.

Womit wir uns hier beschäftigen, das sieht nicht mehr aus wie normales Blut, das aus deinem Finger fließt, wenn du dich schneidest. Es ist eher ein Brei. Erst, wenn man es mit mehreren Chemikalien mischt, sieht man wieder die Farbe von Blut. Frische Flecken sind meist einfacher zu erkennen. Da ist das Blut noch nicht mit dem Rest der Körpersekrete vermischt.

Wenn du solche Dinge gesehen hast, bekommst du eine neue Perspektive auf Flecken und auf Dreck.

Und der Geruch – speziell, schrecklich, unbeschreiblich. Wahrscheinlich beeinträchtigt er dich mehr als der Anblick der Flecken. Du musst dich an diesen Geruch gewöhnen, mental immun dagegen werden.

Alkohol kannst du in diesem Job auch nicht konsumieren. Denn er macht deinen Geruchssinn zeitweise viel sensibler. Außerdem ist Alkohol einer der einfachsten Wege, um dich vom Stress deiner Arbeit abzulenken.

Mein Personal muss aber 24/7 einsatzbereit sein. Der Tod macht keine Pausen, der Tod nimmt sich samstags auch nicht frei. Dass man körperlich in Form sein muss, ist eine weitere Bedingung – wir müssen Möbel hin- und hertragen oder ganze Böden herausreißen.

Aber ich suche mir meine Mitarbeiter gewissenhaft aus. Bisher hat noch niemand hingeschmissen.“

Der Geruch des Todes

„Es ist schweirig, diesen Geruch mit irgendwas zu vergleichen. Es ist der Geruch nach vergammeltem Fleisch, nach abgestandenen, faulen Körperflüssigkeiten.

Wie stark der Geruch in der Luft liegt, das kommt immer auf die Feuchtigkeit des Raums an. Wenn jemand in einem total verschlossenen Raum gestorben ist, kann das Innere feucht wie ein Regenwald sein. Die Luft steht dann, es riecht nach Tod und Verwesung. 60 bis 70 Prozent eines Erwachsenenkörpers bestehen ja aus Wasser.

Das Badezimmer eines Toten Foto: Purgato Post Mortem / Promo

Die Luft ist schwer. Du fühlst, wie der Gestank in deine Lunge zieht. Aber vor der Luft an sich muss man keine Angst haben. Wenn man Käseliebhaber ist, kann man mit diesem Vergleich vielleicht etwas anfangen: Es riecht ein bisschen wie überreifer Morbier.

Der Geruch ist nicht so intensiv wie der einer Wochen alten Leiche, aber es kommt dem wahrscheinlich am nächsten.“

Die Angst vor dem Tod

„Wir haben alle Angst vor dem Tod. Vor Vegänglichkeit, vor allem, was damit zu tun hat. Das sieht man sogar in unserer Popkultur, die Zombies und Vampire erschaffen hat. Aber die Angst vor ,postmortalem Gift‘ ist ein Mythos – genau wie die ,Walking Dead‘ aus amerikanischen TV-Serien.

[Mehr dazu: An der Uni Freiburg kannst du „The Walking Dead“ studieren]

Natürlich sammeln sich Gase, Gerüche, Flüssigkeiten, wenn eine Leiche wochenlang herumliegt. Aber verklumptes Blut ist erst dann schädlich, wenn es in den eigenen Blutkreislauf kommt.

Um so vergiftet zu werden, müsste man sich buchstäblich in Leichen wälzen oder eine große Menge Blut eines Toten in Kontakt mit dem eigenen Blut kommen lassen – zum Beispiel dadurch, dass man eine frische Wunde anfasst oder Körperflüssigkeiten in die Augen kommen lässt.

Trotzdem: ,Postmortales Gift‘ existiert. Und man muss darauf achten, so wenig Kontakt wie möglich mit den Toten und ihren Körperflüssigeiten zu haben. Zwei Wochen nach dem Tod sind die Leichen am gefährlichsten. Doch es gibt auch extrem luftdichte Wohnungen. Dort ist die Gefahr noch länger akut.“

Die Außenwirkung eines „Totenreinigers“

„Wenn neue Leute mich fragen, was ich mache, sage ich normalerweise immer nur ,Ich putze Toten hinterher.‘ Man muss viele Witze darüber machen – besonders, weil jeder meinen Job zuerst auch für einen Scherz hält.

Einmal wollte ein Kumpel einen Sauerstoffgenerator aus meinem Auto ausleihen. Als er ankam, sagte er mit, dass er Angst habe, das Gerät wäre ,dreckig‘, weil es ,in Leichen gelegen‘ hätte.

Trotzdem: Entgegen der Erwartung sind die meisten Menschen eher neugierig als wütend oder ängstlich.“

Wie der Job dich verändert

„Bisher hat der Job meine Persönlichkeit oder Einstellung noch nicht geändert. Der Tod ist eben da und jemand muss saubermachen, wenn er zuschlägt. Was wir da saubermachen, das ist ja nicht die Leiche selbst. Wir sehen keine Toten. Wir putzen das, was übrig ist, wenn der Verstorbene in eine Leichenhalle gebracht wurde.

Wie viel ein Totenreiniger kostet

„Die Menschen haben oft Angst vor unseren Preisen. Es geht los bei 500 polnischen Zloty (ungefähr 120 Euro). Das ist nicht viel, wenn man sich mal die Preise ,normaler‘ Reinigungsfirmen anschaut.

Natürlich kommt es darauf an, wie lange eine Leiche in einer Wohnung gelegen hat, was danach mit der Wohnung geschehen soll und so weiter.

Wenn ich zum Einsatz komme, dann mache ich nicht einfach einen Fleck weg und gehe zurück nach Hause. Normalerweise machen wir das ganze Haus sauber. Wir bringen es zurück in seinen Ursprungszustand. Wir schmeißen eine Menge Dinge einfach raus. Alles, was nach Tod riecht: raus. Entweder aus einem Raum – oder aus dem ganzen Haus.

Foto: Purgato Post Mortem / Promo
Foto: Purgato Post Mortem / Promo

Die härteste Herausfordeung ist wirklich, den Gestank weg zu bekommen. Er zieht in die Wände, bis zu einige Millimeter tief. Manchmal muss man wirklich den Mörtel entfernen, um den Todesgeruch raus zu kriegen.

Wenn die Leiche hingegen nicht lange herumlag, dann gibt es nicht viel zu tun.“

Was passiert nach der Reinigung?

„Die Wohnungen werden meistens verkauft, nachdem ich da war. Aus Erfahrung weiß ich, dass die Käufer meistens nicht darüber informiert werden, dass in ihrer Wohnung jemand gestorben ist. Wenn der neue Besitzer es nicht riecht, dann habe ich meinen Job gut gemacht.

Die Habseligkeiten der Toten entsorgen wir als medizinischen Müll. Benutzte Spritzen, Verbände, Windeln – alles Dinge, die man in einem Krankenhaus entsorgt. Das machen wir auch so.

Andere Dinge können oft ,gerettet‘ werden. Wenn sie nicht von dem Todesgeruch kontaminiert sind. Leider zieht Geruch in Bücher schnell ein, genauso wie in Möbel, wenn sie nicht ordentlich lackiert sind. Metall-Gegenstände sind meistens noch brauchbar.“

Der bisher schlimmste Auftrag

„Ich erinnere mich an einen Fall, bei dem kein Mensch, sondern Tiere gestorben waren. Ein Jäger hatte 250-Kilo-Fleisch in einen Industrie-Tiefühler gepackt. Da hatte er es mehr als einen Monat lang dringelassen. Jemand stellte den Strom ab, kurz nachdem er gegangen war.

Den Gestank, den diese riesige Menge an Fleisch und die ganzen Flüssigkeiten produziert haben, werde ich nie vergessen können.

Ich hatte auch mal einen Fall, in dem die Beamten, die den Tod feststellten und die Leiche abtransportierten, einen total schlechten Job gemacht haben. Überall war Blut, an den Wänden, auf dem Boden, in jedem Zimmer, auf allen Möbeln. Entweder waren sie betrunken oder sie haben die Leiche in der Wohnung herumgeworfen.

Manchmal sind sie so schlampig, dass wir auch ihnen noch hinterherputzen müssen. Das tue ich freiwillig – für meine Kunden und ihre Nachbarn.

Am Ort des Todes – mit Angehörigen

„Es kommt nicht oft vor, aber gelegentlich möchten Angehörige mit zu Einsätzen von uns kommen. Das Problem dabei ist, dass alle Menschen in der Wohnung Equipment brauchen und ich nicht immer genug habe, um alle damit auszustatten. Sie brauchen alle eine Maske und Handschuhe.

Trotz des Aufwands – ich verstehe, warum manche Angehörige dabei sein wollen. Sie haben Angst, dass wir sie bestehlen.“

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