Coronavirus im Alltag: Eine junge Frau aus Wuhan erzählt ihre traurige Geschichte, die nur aus losen Posts besteht. Sie beschreibt die um sich greifende Infektion und den Tod ihrer Eltern. Ob die Autorin der Posts echt ist, wissen wir nicht. Dass uns einzelne Schicksale in China berühren, schon.

Auf der chinesischen Social Media Plattform Weibo veröffentlicht eine junge Frau im Januar und Februar dieses Jahres Posts, die "Bored Panda" in einem Artikel auflistet. Die Autorin der Posts ist unkenntlich gemacht, man weiß nicht, wie echt sie oder ihre Geschichte ist. Sie erzählt am 23. Januar etwa, dass die Stadt nun unter Quarantäne steht und sie dringend Hilfe braucht, da es ihrer Mutter immer schlechter geht. Am 28. Januar postet die Unbekannte, dass ihre Mutter nun gestorben sei, sie appelliert "Antwortet mir nicht, gebt mir keinen Daumen hoch, ich bin nicht in der Stimmung."

Die Abwärtsspirale dreht sich aber weiter: Am 29. Januar schreibt sie, dass sie auf Infos zum Zustand ihres Vaters wartet. Sie kommentiert "Ich habe mich noch nie so hilflos gefühlt." Kurze Zeit später schreibt sie "Mama, nimmst du Papa zu dir im Himmel auf, wo er frei atmen kann?", um kurze Zeit später auch den Tod des Vaters per Post zu bestätigen. Ihr letzter Eintrag ist folgender "Ich habe solche Angst. Ich bin auch infiziert."

Sind die Corona-Schicksale echt?

Die Geschichte liest sich dramatisch und triggert einen sofort. Die unausweichliche Situation, die sich immer enger ziehende Schlinge und die Angst um das Wissen, dass eigentlich alle Hilfe zu spät für die Eltern und das eigene Leben ist. Die junge Frau könnte eine reale Person sein, sie könnte auch eine billige Masche sein, Klicks zu generieren, indem ein echtes Schicksal vorgegaukelt wird – und zwar mit einfachsten Mitteln. Wer hinter den Posts zum Coronavirus in Wuhan steht, wissen wir nicht. Wir wissen nicht, ob die Posts auf Weibo echt sind. Recherchiert man ein bisschen, findet man echte Eckdaten: Am 23. Januar ist Wuhan tatsächlich abgeriegelt worden. Ansonsten ist die Echtheit nicht zu bestätigen. Googelt man nach der Person ohne Namen, findet man ähnliche Posts von ebenfalls unbekannten Männern und Frauen mit ebenfalls dramatischen Geschichten.

Anonyme Personen erzählen, wie der Alltag mit dem Virus ist: Meistens sind es zunächst Familienmitglieder die infiziert sind, anfangs sind sie noch hoffnungsvoll, bis irgendwann die Hoffnung in Verzweiflung umschlägt und erste Tote bestätigt werden. Das Ende ist dann oft die eigene Infizierung – woraufhin die Berichterstattung oft abbricht. Bei der von "Bored Panda" erzählten Geschichte soll es einen angeblichen Freund geben, der berichtet, die Unbekannte sei nun in einem Krankenhaus. Wer der Freund ist, wird nicht ersichtlich.

Warum sollen wir skeptisch sein?

Warum anzuzweifeln ist, dass die Geschichte echt ist? China ist ein Staat, in dem extreme Zensur herrscht. Sämtliche Medien aber auch private Personen, die das Internet nutzen, werden kontrolliert. In China kommen nur News an die Oberfläche, die vom Staat auch gebilligt werden. Ärzte etwa, die schon früh vor einem Virus warnten, wurden anfangs daran gehindert, ihre Infos an die breite Öffentlichkeit zu geben. Es gibt wenige Berichte von verifizierten Fällen aus Wuhan. Der "Guardian" etwa erzählt die Geschichte von Liu Mengdi, einer 25-Jährige Studentin, deren Familie in Wuhan lebt. Sie selbst studiert in Italien und beobachtet aus der Ferne, wie zuerst ihr Großvater, später ihr Vater dem Virus erliegt. Sie postet ebenfalls über das, was in ihrer Familie passiert – ihr wurden seitens des Chinesischen Staates verboten, Informationen weiterzugeben. Ihrem Vater wurde offenbar das Handy weggenommen, sodass er seine Tochter nicht mehr informieren konnte.

Was besonders dramatisch ist: Nach Berichten Mengdis ist der Virus die eine Sache, die andere ist, dass den Menschen nicht geholfen wird. Ressourcen sind knapp, Plätze in Krankenhäusern restlos belegt. Infizierte werden nach Hause geschickt, stecken dort Familienangehörige und Nachbarn an.

Ist die Echtheit egal?

Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass die von "Bored Panda" porträtierte junge Frau echt ist. Erstens dürfte es schwer für sie sein, auf Weibo (auch ein vom Staat kontrollierter Internet-Dienst) ihre Geschichte zu veröffentlichen und zweitens hätte es weit schwieriger gewesen sein müssen, Mutter und Vater ins Krankenhaus einzuweisen. Ist das aber wichtig? Sollen wir nun Erbsen zählen bei den schrecklichen Schicksalen, die nachweislich in Wuhan ihr Ende finden?

An sich ist es das nicht: Die Geschichte kann ja dennoch passiert sein und ist vermutlich so oder so ähnlich passiert. Nur sollte man dennoch immer skeptisch bleiben, wenn einem Stories vorgesetzt werden, die keine reale Person und keinerlei Quellen angeben. Was diese und die vielen anderen angeblichen Schicksale aber beweisen, ist, dass wir hier, weit weg von China, gerne mitfühlen möchten. Denn: Der Coronavirus ist für uns immer noch eine völlig abstrakte Gefahr, eine Naturgewalt, vor der wir Angst haben – ohne zu wissen, wovor genau wir uns eigentlich fürchten. Mit konkreten Schicksalen, die um ihre Mütter oder Väter trauern, wird das Ganze fassbarer und eindringlicher. Wir können uns identifizieren und uns vorstellen, wie es sein muss, wenn plötzlich ein Virus tatsächlich um sich greift.

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Sollen wir jetzt panisch werden, weil diese Schicksale uns plötzlich so ähnlich sind?

Natürlich nicht – Angst hat keinen Verstand und lähmt uns am Ende nur. Aber wir können versuchen, mitfühlender zu sein, wir können versuchen, unsere Angst auseinanderzunehmen. Wir können versuchen zu verstehen, dass es sich um reale Personen handelt, die genauso fühlen, wie wir selbst: Sie haben Angst, kämpfen mit Verlust und Leid. Vielleicht hören wir dann auf, den Coronavirus als schreckliche Invasion aus China zu betrachten – und im schlimmsten Fall sogar gegen asiatisch gelesene Mitmenschen zu schlagen oder rassistische Übergriffe und Kommentare auf eben jene Menschen zu billigen. Damit wäre schon viel geholfen.

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  • Quelle:
  • Noizz.de