Im Interview verrät eine Tierlaborantin, warum sie Tierversuche gar nicht so schlimm findet

„Ich bin wegen der Tests nie in Tränen ausgebrochen oder konnte wegen ihnen nicht mehr schlafen! Es ist nicht schön Tiere leiden zu sehen, aber ich habe immer versucht es unter den besten Voraussetzungen geschehen zu lassen, die irgendwie möglich sind."

NOIZZ hat mit Lina* gesprochen - einer Frau, die Drogen und Medikamente an Tieren getestet hat.

NOIZZ: Fangen wir mal easy an: Wer bist du und wieso machst du den Job?

Lina: Ich bin Doktorandin und arbeite in den Tierheimen der Universität, in denen die Tests an lebenden Tieren stattfinden. Ich arbeite als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni und habe dem Job im Labor zugestimmt, weil ich Tierversuche aus wissenschaftlicher Sicht für wichtig halte, aber auch persönlich sehr interessant finde.

Was genau machst du in den Tierlaboren?

Lina: Ich helfe dabei die Tests an den Labortieren vorzunehmen. Unser Team macht viele verschiedene Testes - wir spritzen den Tieren die Substanzen, die getestet werden sollen, legen ihnen Katheter oder Sonden. Nach den Tests werden die Tiere in den meisten Fällen eingeschläfert. Wir sind eine Dienstleistungseinheit und konzentrieren uns in erster Linie auf die Forschung unserer Universität, aber manchmal forschen auch für externe Firmen. Die Nachfrage ist groß, denn bevor ein Arzneimittel oder Medizinprodukt auf den Markt kommt, muss es einer Reihe von Tests unterzogen werden - auch denen an Tieren.

Nehmen wir an, ich habe eine Firma: Ich möchte mein Produkt also auf den Markt bringen. Was für Tests muss ich dafür machen lassen?

Lina: Wenn jemand eine Substanz testen möchte, muss er einen komplizierten Antrag bei der örtlichen Ethikkommission für Tierversuche vorbereiten, zu der Experten aus verschiedenen Bereichen gehören - darunter Wissenschaftler, Soziologen und sogar Geistliche. Diese Personen überprüfen nach einer detaillierten Darstellung des Projekts, ob der Test erforderlich ist und entscheiden, ob die Genehmigung erteilt wird oder nicht. Der Antrag, den ein Unternehmen oder ein Forscher einreichen muss, enthält sehr detaillierte Informationen: Von den Räumlichkeiten, in denen die Studie durchgeführt werden soll, bis zu welchen Tieren und wie viele davon getötet werden. Die Informationen über die zu verabreichenden Substanzen sind ebenfalls sehr spezifisch: Warum so viel und nicht weniger, wie hoch ist die Dosis anästhetischer und analgetischer Substanzen und wie werden die Tiere eingeschläfert? Ich könnte noch viel mehr auflisten, das Verfahren ist sehr lang. Kurzum: Es gibt keine Chance, mal eben so Tests an Tieren durchführen zu lassen. Das Prinzip ist einfach - wir untersuchen nur Dinge, die vorher nicht getestet wurden und gleichzeitig für Menschen nützlich sein können. Der Ausschuss stellt sicher, dass möglichst wenige Tiere an der Studie teilnehmen.

Ratten werden in den Laboren gerne für Verhaltenstests genutzt Foto: Kapa65 / pixabay.com

Welche Produkte an denen du mitgearbeitet hast, hast du schon mal in der Drogerie wiedergefunden?

Lina: Wir wissen nicht genau für welche Produkte wir die Tests durchführen. Der gesamte Prozess ist verschlüsselt. Wir Forscher müssen einfach unsere Aufgabe erledigen und der Ethikkommission vertrauen, die die Experimente schließlich genehmigt hat. Aus Erfahrung weiß ich jedoch, dass wir vor allem potenzielle Medizinprodukte und Medikamente untersuchen. Und bevor du fragst - wir testen keine Kosmetika.

Wenige Menschen wissen, wie genau die Experimente aussehen. Mit welchen Tieren werden die Tests gemacht?

Lina: Wir experimentieren hauptsächlich an Kleintieren. In unserer Einrichtung haben wir Meerschweinchen, Kaninchen, Ratten und Mäuse. Wir haben 40 Kaninchen und wahrscheinlich zwischen 500 und 700 Mäuse. Eigentlich sind die Bedingungen in den Tierquartieren sehr gut. Wir werden sehr streng kontrolliert. Wenn die Experimente nicht zu krass sind, geben wir einige der Kaninchen danach zur Adoption frei. Größere Tiere, wie Schweine, dürfen wir in unseren Laboren nicht testen. Dafür haben nicht die entsprechende Berichtigung.

Und wie läuft der Test dann genau ab?

Lina: Wir haben verschiedene Möglichkeiten, die Substanzen zu verabreichen. Manchmal lösen wir die Substanzen auf und verabreichen sie oral mit Schlund-Sonden, in anderen Fällen gibt es Injektionen, Implantate oder wir lassen die Tiere die Substanz inhalieren. Wir führen auch Verhaltenstests durch und beobachten die Reaktionen des Tieres. Die Tierquartiere sind mit Labyrinthen, einem Schwimmbad oder speziellen Käfigen für Verhaltenstests ausgestattet. Ein Tier nimmt normalerweise nur an einer einzigen Studie teil. Nach jeder Art von Test, ob es für eine Woche oder ein paar Monate dauert, wird es in der Regel eingeschläfert.

Welche Art von Ausrüstung verwendest du für die Tierversuche?

Lina: Es hängt alles von der Art der Untersuchung ab. Ein sehr beliebtes Gerät ist das Morris-Wasserlabyrinth, in dem Tiere unter dem Einfluss verschiedener Substanzen eine spezielle Plattform erreichen müssen. Auf diese Weise werden die Auswirkungen der Testsubstanz auf das Gedächtnis und den Orientierungssinn des Tieres überprüft. Sehr oft verwenden wir Labyrinthe, in denen eine Maus unter dem Einfluss der Testsubstanz ihre Orientierung verlieren kann und das Ziel erreichen muss. Wir haben auch „Vernebler“, das sind Geräte, die Partikel einer Substanz in den Käfig einer Maus sprühen. Die Tiere werden ständig von Kameras beobachtet, die jeden ihrer Schritte untersuchen und dann die Daten an die Forscher senden. Dies ist eine sehr fortgeschrittene Software. Am kontroversesten sind natürlich die Käfige für die Verhaltensforschung, die sogenannten Angstkäfige, in denen Tiere zum Beispiel empfindlichen elektrischen "Schocks" ausgesetzt sind. In einigen Projekten ist es erforderlich, das Ausmaß der Angst nach der Verabreichung bestimmter Substanzen (z. B. potentielle Anxiolytika oder Antidepressiva) zu bewerten. In diesen Studien werden spezielle Systeme zur Verhaltensforschung eingesetzt, um die Reaktion auf einen aktiven moderaten Angststimulus und seine Geschwindigkeit zu bewerten.

In den Laboren werden die Medikamente an den Tieren getestet Foto: jarmoluk / pixabay.com

Wenn alle eure Handlungen legal sind, warum wird dann so selten über die Methoden gesprochen?

Lina: Es gibt eigentlich keine Geheimnisse. Alle Methoden werden von der lokalen Kommission genehmigt und die vollständige Beschreibung des Versuchs ist für alle Involvierten verfügbar. Trotzdem höre ich oft die Meinung, dass wir Tiere missbrauchen – dabei kümmern wir uns sehr viel mehr um sie, als viele Tierfarmen. Ich halte es für wichtig, dass die Menschen verstehen, dass unsere Arbeit notwendig ist. Das ist aber sehr schwierig, weil der "Käfig der Angst" Emotionen weckt und Menschen dazu bringt, uns automatisch zu verurteilen. Die Forschung basiert auf dem geringstmöglichen Leiden von Tieren. Ich bin mir bewusst, dass es für die Tiere nicht immer angenehm ist, aber wir tun es für einen guten Zweck und auf die am wenigsten schmerzhafte Art und Weise. Jeder Schritt wird tausendfach überprüft. In jedem Stadium tun wir alles, um das Leiden zu minimieren. Es gibt viele andere sinnlose Todesfälle – wenn Tiere unter schlechten Bedingungen leben müssen. Wie oft lesen wir von verlassenen, verhungerten oder geschlagenen Hunden?

Trotzdem geht ihr mit den Tests ja automatisch von der Überlegenheit der Menschen aus, oder?

Lina: Ja, und das ist oft unannehmbar für unsere Gesellschaft. Ich halte das für scheinheilig. Die Leute vergessen, dass alle Medikamente ohne Ausnahme an Tieren getestet werden. Ich denke, dass die meisten Menschen, wenn ihre Gesundheit wirklich von einem Medikament abhängig ist, nicht zögern würden die Tests an den Tieren durchzuführen. Vor kurzem habe ich in einer Drogerie eine Frau kennengelernt, die nach einer experimentellen Therapie von Blutkrebs geheilt wurde. Damit sie leben kann, mussten vorher sicherlich einige Tiere sterben.

Das Testen von Drogen an Tieren ruft im Allgemeinen Widerspruch hervor. Hat dein Beruf deine Beziehungen zu Menschen beeinflusst?

Lina: Einige meiner Freunde hatten Probleme damit. Wenn diese Leute mit dem Gebiet der Medizin nicht vertraut sind, versuche ich ihre Empörung zu verstehen, aber bevor sie mich beleidigen, sollten sie wissen, dass sie selbst Medikamente verwenden, die an Tieren getestet werden. Die Reaktion von Freunden von meiner Universität war teilweise wirklich verletzend. Als sie herausfanden, dass ich in den Tierlaboren arbeiten würde, sagten sie: „Wie kannst du das tun? Wie kannst du Tieren schaden?“ Und sie wissen ganz genau, dass Medikamente für klinische Studien am Menschen nur zugelassen werden können, wenn sie präklinische Studien durchlaufen.

Hast du jemals darüber nachgedacht, den Job aufzugeben?

Lina: Ich bin noch nie in dieses Dilemma reingerutscht, aber meine Kollegen tun es regelmäßig. Ich bin bei den Tests nie in Tränen ausgebrochen oder konnte nicht mehr schlafen, aber ich kenne einige Menschen, die damit nicht klarkommen. Ich versuche den Tieren die besten Bedingungen zu bieten, aber gleichzeitig möchte ich nicht an ihnen hängen. Es ist nicht schön, Tiere leiden zu sehen. Es tut mir leid, aber nicht genug, um damit aufzuhören. Am Anfang war es ein merkwürdiges Gefühl, als ich die Tiere nach den Tests einschläfern musste, aber mit der Zeit, um es brutal zu sagen, habe ich mich daran gewöhnt. Ich sage mir, dass ich wichtige Dinge tue. Das sind keine sinnlosen Tests, es ist eine Universität. Wir arbeiten im Namen der Wissenschaft.

Gibt es Tests, die deiner Meinung nach unnötig sind und Tiere unnötigen Leiden aussetzen?

Lina: Es gibt keine unnötigen Tierversuche - alle werden vom lokalen Ethikkomitee kontrolliert und genehmigt.

Glaubst du, dass Tierversuche ersetzt werden können?

Lina: Alles kann an Computer- und Zellmodellen überprüft werden, abgesehen von der Wirksamkeit und Sicherheit eines Stoffes. Nur eine so komplizierte Maschinerie wie eine lebende Maus gibt uns zum Beispiel die Möglichkeit zu testen, ob eine vorgeschlagene Substanz heilen kann und den Menschen nicht schadet. Computer sind heute noch nicht in der Lage, umfassende und schnelle Ergebnisse zu liefern. Meiner Meinung nach ist es eher eine hilfreiche Ergänzung, aber vorerst sind sie nicht in der Lage, Tierversuche zu ersetzen. Wenn wir die von mir durchgeführten Experimente aufgeben würden, könnte dies zu einer viel größeren Sterblichkeit oder Komplikationen beim Menschen führen.

* Name von der Redaktion geändert

Quelle: Noizz.de