R. Kelly, weiße Massenmörder und rechte Fox-News-Reporterinnen soll der Vater im Himmel auch holen.

Mit einer Flasche Hennessey Whiskey, in einem Black Hoodie und Baggy-Jogger taumelt Joyner Lucas vorbei an Schutzengeln und göttlichen Symbolen. Der US-amerikanische schwarze Rapper besäuft sich in einer katholischen Kirche, auf der Brust fette Goldanhänger, in den Ohrlöchern blitzende Kristall-Stecker. Typischer Oldschool-Hip-Hop-Look. Dann macht er dem Herrgott höchstpersönlich eine geballte, gesellschaftskritische Ansage. Dabei hält er demonstrativ eine XXL-Ausgabe der Bibel in der Hand, hustet sie an, rotziger Trotz.

So beginnt Joyner Lucas neues, heiß diskutiertes Musikvideo zur Single "Devils Work"

Der Track klingt wie ein wütendes, unversöhnliches, brandaktuelles "Ghetto Gospel", also jener prägnante, posthume Track von Tupac. Die tote Rap-Legende spielt in Joyner Lucas' Song auch eine wichtige Rolle und gehört zu seinen Idolen (neben Eminem, der auch einen gemeinsamen Song mit dem Newcomer geballert hat).

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Joyner schlägt Gott einen verzweifelten Deal vor – lass uns die Bösen gegen die Guten eintauschen. Oder um es mit seinen Lyrics zu sagen:

"Sie sagen, du (Gott) liegst niemals falsch, aber du hast ein paar Fehler gemacht, weil du die falschen Nigga holst, vielleicht solltest du einen Tausch starten und uns die Echten zurückgeben und dafür die Falschen auslöschen und zu dir holen."

Dabei betont der Rapper, der selbst an Gott glaubt, dass er den Heiligen nicht dissen möchte, sondern durchaus respektiert, aber eben seine Entscheidungen endlich verstehen und mit ihm in einen ernsten Dialog treten will. Konkrete Beispiele gefällig, wen Joyner Lucas auf seiner Todesliste hat – und wen er von den Toten aus dem Himmel dafür zurückholen würde? Here you go:

1. Tupac statt Suge

Suge gilt in der Hip-Hop-Welt als einer der hauptverdächtigten Mörder oder Strippenzieher hinter bei der Ermordung der Rap-Legende Tupac. Pac war bei seinem Label gesignt und wurde 1996 auf dem Höhepunkt seiner Karriere auf offener Straße erschossen, als er mit Suge nach einem Boxkampf von Kumpel Mike Tyson auf dem Rückweg war. Bislang wurde kein Täter endgültig festgenommen. Aber viele Zeichen deuten darauf hin, dass Suge mindestens ein Komplize oder Mitwisser sein könnte.

2. Biggie, Pun und XXXTentacion statt Donald J. Trump

Denn der rassistische Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika sei aus seiner Sicht eine viel größere Bedrohung, als die vermeintlichen Gangster- und Drogenrapper The Notorious B.I.G. a.k.a "Biggie", Big "Pun" Punisher und der erst kürzlich getötete XXXTentacion a.k.a. "Triple X".

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3. Menschenrechtsaktivist Martin Luther King statt Betrüger Martin Shkreli

Der weltberühmte schwarze Menschenrechtskämpfer Martin Luther King, der sich erfolgreich gegen Rassenhass einsetzte, oder der US-amerikanische Hedgefondsmanager Martin Shkreli , der gerade zu sieben Jahren Gefängnis wegen Betrugs für seine Medikamentengeschäfte verurteilt wurde? Für Joyner Lucas eine klare Wahl …

Du kennst MLKs wohl berühmtestes Zitat safe:

"Ich habe einen Traum, dass meine vier Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird."

4. Malcom X statt R. Kelly

R&B-Produzent und -Sänger R. Kelly hingegen wurde aktuell in zehn Fällen wegen schwerem, sexuellen Missbrauch von schwarzen, minderjährigen Mädchen angeklagt und teils bereits verurteilt und wird seit Beginn seiner Karrie offen mit Kinderpornografie-Vorwürfen belastet. Der schwarze Bürgerrechtler Malcom X wurde mit 21 Kugeln von drei Attentätern erschossen.

5. Lil Snupe und Eric Wright statt Nipsey Hussles Mörder Eric Holder

Lil Snupe wurde mit nur 18 Jahren erschossen, Eric Wright a.k.a. der schwarze Rapper Easy-E starb im März 1995 im Alter von nur 30 Jahren. Er wird in einer Riege mit Tupac und Biggie gesehen.

Dagegen könnte der schwarze Eric Holder unverschämt Schwein gehabt haben: trotz seines, so munkelt und pöbelt man in der Szene, mutmaßlichen Mordes an Hip-Hop-Guru Nipsey Hussle, kommt Holder ungeschoren davon.

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6. Trayvon Martin statt Zimmermann

Der erste Anstoß für die Bewegung Black Lives Matter: Es ist der Abend des 26. Februar 2012 im sonst so oft sonnigen Sanford im US-Bundesstaat Florida, als der erst 17-jährige schwarze Schüler Trayvon Martin unweit seiner Haustür einfach erschossen wird. Der Schütze ist der 28-jährige Nachbarschaftswächter und Latino George Zimmerman. Der Erwachsene behauptet, er habe den Jugendlichen aus Notwehr getötet.

Nach Anklage wegen vorsätzlichen Mordes und Protesten, gegen bewaffneten Patriotismus und Rassenhass in Amerika, wurde Zimmerman jedoch am 13. Juli 2013, nach 16-stündiger Beratung einer sechsköpfigen Jury, für unschuldig erklärt und freigesprochen.

Zimmermann bedrohte später sogar Rapper Jay-Z, weil dieser sich offen gegen die Gerichtsentscheidung ausgesprochen hatte und eine Doku über den Fall drehen will.

Schwarze Pullis mit Kapuze tragen, kann für Schwarze in den USA tödlichen enden

Als er über den von einem Weißen getöteten schwarzen Jungen rappt, hat Joyner auch plötzlich die Kapuze auf. Kein Schnittfehler, sondern eine visuelle Anspielung darauf, dass es für schwarze Amerikaner tödlich enden kann, eine Kapuze aufzuhaben.

7. Hip-Hop-Guru Nipsey Hussle, again

Joyner Lucas trauert neben Tupac insbesondere um seinen "true king, true brother”, also "echten König, echten Bruder", Nipsey Hussle und seine Legacy, also sein Lebenswerk. In der Black Community und Hip-Hop-Szene galt er als einer, der Anti-Gewalt, Anti-Gang und Anti-Drogen predigte, sich für die richtigen Werte einsetzte. Ein Musiker und Mensch, an dessen Händen wohl kein Blut klebte, der mit dem Gegenteil von Kriminalität positive Geschichte schrieb. Statt ihm fordert der Rapper den Tod von Tomi Lahren.

Die Fox-News-Reporterin ist eine der größten Haterinnen von Cardi B. und Black Rap im Allgemeinen. Sie berichtet und lebt nach Donald Trumps Motto "Make America Great Again", verarscht die so wichtige Bewegung "Black Lives Matter" mit "Black Guns Matter".

Gleich danach will Joyner Lucas ihre Kollegin Laura Ingraham von dieser Erde verschwinden lassen. Die Reporterin verbreitet Pro-Präsident-Trump-getränkte Fake News und machte absolut deplatzierte und geschmacklose Witze über die Beerdigung des ermordeten Nipsey Hussle.

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8. Emmet Till statt Dylann Roof

Dylann Roof ist jener weiße Amokläufer, der aus Rassenhass neun afroamerikanische Gospelsänger tötete. Auf diesen Amoklauf in der Kirche bezieht sich zum Beispiel auch Rapper Childish Gambino in seinem gesellschaftskritischen Schock-Track "This is America".

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Emmet Louis Till ist ein tragischer wie historisch relevanter Fall von Mord aus rassistischen Motiven. Erst 14 Jahre alt war der Junge, also er kaltblütig ermordet wurde.

Emmett war ein US-Amerikaner afroamerikanischer Abstammung, als in den US-Südstaaten von den weißen Rassisten Roy Bryant und dessen Halbbruder brutal getötet wurde. Das war zur Zeiten der Rassentrennung.

9. Whitney Houston und Michael Jackson, statt James Holmes

Über Joyner Lucas Meinung, Michael Jackson sei sicher einer von den "Guten" und unumstritten heiliger als R. Kelly, lässt sich sicherlich vorzüglich streiten (seine Fans tun das bereits). Schließlich wird beiden seit Jahrzehnten sexueller Missbrauch von Minderjährigen sowie Pädophilie und Kinderpornographie vorgeworfen. Beide waren bereits angeklagt und mussten sich vor Gericht verteidigen. Beide gewannen einige ihrer Prozesse, bewiesen durch immens hohe Schweigegeldzahlungen.

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Trotzdem ist MJ der "King of Pop", schrieb mit seinen Hyper-Hits "We Are The World", "Black Or White" und "They Don't Really Care About Us" einige popkulturell relevante Hymnen dafür, dass die Hautfarbe keine Rolle spielen sollte, weshalb sich der afroamerikanische Sänger auch umoperierte.

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Whitney Houston dagegen galt als die Queen des Soul und R&B. Ihr "I Will Always Love You"-Soundtrack für den Kultfilm "The Bodyguard", in der sie an der Seite von Kevin Kostner die Hauptrolle spielte, ist unnachahmlich. Sie verstarb viel zu jung, mutmaßlich an einer Überdosis. Bis heute halten sich in beiden Todesfällen die Gerüchte, es habe Fremdeinwirkung gegeben.

Keinen Zweifel an seiner Schuld gibt es dagegen bei dem weißen Massenmörder James Eagan Holmes. Der heute 31-Jährige stürmte am 20. Juli 2012 in ein Kino in Aurora, Colorado, und tötete heimtückisch zwölf Menschen, verletzte 70 weitere schwer. Er sitzt lebenslänglich im Gefängnis – mit Sicherheitsverwahrung.

Weitere Frauen, die Joyner Lucas zurückholen will: Die Ausnahme-Musikerinnen Selena und Aaliyah sowie die schwarze Zivilistin Sandra Bland. Sandra hatte man im Knast erhängt aufgefunden. Sie hat Suizid begangenen, nachdem man sie unrechtmäßig in Folge einer Standart-Verkehrskontrolle gewaltsam festgenommen hatte. Aaliyah war das erste Opfer von R. Kelly. Die junge R&B-Sängerin verstarb bei einem tragischen Flugzeugabsturz.

Joyner Lucas fleht Gott an: Warum tötest du statt "unseren Müttern, Schwestern, Vätern" nicht die Mörder und Rassisten?

Dazu zeigt Joyner Lucas in dem Musikvideo die jeweiligen Gesichter auf Trauerfotos zwischen Beleids-Blumensträußen vor geschlossenen Särgen. Erst ganz am Ende, und zwar in den letzten Lines, fallen die Worte, die auch der Titel des Songs sind: "Aber dir (Gott) die Schuld zu geben, das wird niemals funktionieren, ich weiß ja, dass das nicht dein Fehler ist, es ist die Arbeit des Teufels." Also, "Devil's Work". Am Ende lässt Lucas Joyner die fast leere Flasche Wiskey stehen, der Rest der alkoholischen Flüssigkeit schimmert wie Blut auf dem roten Teppich der Kirche.

Popstar Rihanna reagierte schnell mit einem schockverliebten Statement für ihren Kollegen: Auf Insta schreibt @badgirlriri unter einen Ausschnitt seines Videos: "Falls ihr alle diesen historischen Moment für die Kultur verpasst habt von mein Kumpel @joynerlucas"

Pastoren wiederum kritisieren den Rapper dafür, dass er trinkt, flucht und über Gott lästert, und in der Worcester Church, in der er das Musikvideo gedreht hat, vorsätzlich sündigt. Wir sind uns sicher, dass Joyner mehr auf RiRis Meinung zählt als auf die von weißen Geistlichen 60+, aber na ja. Einen Aufschrei gab’s natürlich auch von vielen Personen, die der Rapper so offen gesagt gerne gegen die Toten eintauschen würde. Allen voran meckert die MAGA-Verfechterin und rechtsgerichtete Fox-News Reporterin Tomi Lahren. Sie nannte den Track "krank" und entrüstete sich, er gehe "zu weit". Trotzdem scheint der Song sie angeregt haben.

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Am 6. Mai teilte Joyner Lucas auf seinem Instagram-Account nämlich einen Screenshot, der eine Direct Message der Moderatorin zeigt. Darin bittet sie den Rapper um einen persönlichen Dialog, indem sie schreibt: "Obwohl ich es überhaupt nicht schätze, dass du mich in deinem aktuellen Musikvideo als tot darstellst und meinen Tod forderst, würde ich mich gerne mit dir zusammen setzten und reden, mit oder ohne Kameras. Vielleicht finden wir ja einen gemeinsamen Nenner."

Als Beschreibung kommentiere der Rapper den Post mit einem zitternden Smiley und konterte: "Ich frage mich, wie so eine Unterhaltung wohl ausgehen würde."

Außerdem bekommt Joyner Lucas seit dem Release selbst unzählige Morddrohungen. Die lacht der Musiker aber angeblich einfach weg, wie er mit diesem Foto von sich zeigt:

Ganz schön viel Trouble für die erst zweite Single-Auskopplung aus seinem kommenden Album "ADHD". Der 30-jährige Joyner ist noch ganz fresh am Aufsteigen am Rap-Horizont, aber hat sich ASAP einen Namen mit seinen krass durchdachten, heftig kritischen Lyrics gemacht. Bestes Beispiel: Der neue Song. Übrigens ein polnisches Produzenten-Duo, statt der Big Names im Business, wobei Eminem als Mentor natürlich eine hohe Hausnummer ist.

Was Joyner Lucas aber nichts schenkt, eher Steine in den Weg legen könnte: Eminem schweigt nämlich zu dem Release. Und Ems Manager Paul Rosenberg sagt sogar offen, dass er "Devil's Work" nicht mag, auch das Video nicht. Den Beat findet er zwar "hart" von der Dopeness her, aber das Schwarz-Weißen-Denken sei ihm bei der Thematik zu naheliegend. Rosenberg findet es nämlich weder überraschend noch korrekt, den Tod eines Menschen gegen das Wiederauferstehen eines anderen zu fordern.

Er ist auch kein riesiger Fan von Joyner Lucas Debüt-Single "I’m Not Racist" mit dem Thema Rassenhass. Das ist genau der Song, den der deutschtürkische Rapper und selbsternannte "König von Deutschland" Eko Fresh als Vorlage für seinen preisgekrönten Hit "Aber" genommen hat. Sowohl die Thematik, als auch die Visuals des von Samy Deluxe produzierten Songs, stammen von Joyner Lucas' Mega-Hit.

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Egal, was als nächstes kommt, sein Ziel, das Rap-Game aufzumischen, auch über die Grenzen Amerikas hinaus, hat Joyner Lucas jetzt schon erreicht.

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Quelle: Noizz.de