Mobbing ist eine ernste Angelegenheit. Wie es scheint, wächst auch das Bewusstsein dafür. Dennoch ist es nach wie vor ein Tabuthema, Opfer leiden häufig still. Umso wichtiger, dass wir offen darüber sprechen. Die Berliner Musikerin Mine erzählt uns von ihrer Schulzeit. Sie war Mobbing-Opfer.

In einer umfangreichen Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2019 wird deutlich: Etwa die Hälfte aller Schüler*innen im Alter zwischen acht und 14 Jahren ist von Mobbing betroffen. Bedeutet: Jeden Tag steht die Hälfte aller Schüler*innen mit Angst, Bauchweh und bösen Vorahnungen auf, die den gesamten Schulalltag überschatten. Harte Bilanz, sagt ehrlich gesagt nicht besonders viel Gutes über uns alle aus.

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Mobbing ist schwer einzugrenzen: Mal ist es verbale Gewalt, mal körperliche. Mal geht Mobbing von nur einer Person aus, meistens aber von ganzen Gruppen. Vermutlich machen es die fließenden Übergänge von "mal ein bisschen ärgern" oder Streitereien zu psychischer und physischer Gewalt so schwer, das Problem anzugehen. An Schulen wird mittlerweile mobilisiert: Es gibt Psycholog*innen, Vertrauenslehrer oder Schulungen, in denen gelernt werden soll, wie mit Mobbing umzugehen ist. Das hilft sicherlich. Präsent ist das Thema dennoch. Auch weil es Opfern oft schwerfällt, offen darüber zu sprechen. Scham, Schuldgefühle aber auch Selbsthass dürften da ordentlich das Selbstbild bestimmen. "Wenn dich keiner mag, muss ja mit dir etwas nicht stimmen", erklärt Mine ihre eigene Gedanken damals, als sie noch als Gymnasial-Schülerin die Schulbank drückte.

Am 7. Mai lud sie auf ihrem Instagram-Account ein Bild hoch. Darauf zu sehen: Ein Zettel, der auf einer Schulfreizeit entstand. Bisschen Papier, bisschen Tinte, mehr nicht. Für Mine ist er Dokument dessen, was sie in ihrer Schulzeit durchgemacht hat. Sie beschreibt darunter, dass sie den Zettel aufbewahrt hat, um sich an diese Zeit zu erinnern. Sie erzählt in dem Post, wie ihrer Mitschüler*innen sie bei einem Spiel als negativen Wetteinsatz ins Rennen geschickt haben. Später wurde ihr der Zettel aufs Kopfkissen gelegt – mit Spiritus im Getränk. Das ist Körperverletzung.

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Die 34-jährige Musikerin wahr jahrelang Opfer von Mobbing-Gewalt. Wir sprechen mit ihr darüber.

NOIZZ: Mine, in deinem Post gibst du einen kurzen Einblick in deine Schulzeit. Erzähl mir ein bisschen mehr davon. Wo bist du zur Schule gegangen? Wir war die Situation da?

Mine: Ich bin bei Stuttgart auf dem Dorf zur Schule gegangen. Das war ein ziemlich großer Schulkomplex. Nebendran waren noch Real- und Hauptschule. Ich ging aufs Gymnasium. Da hier alle Schüler*innen aus den umliegenden Dörfern zusammenkamen, war die Schule riesig. Wir hatten pro Stufe auch immer so 180 Schüler*innen. In meiner Klasse war das Geschlechterverhältnis sehr unausgeglichen: Es gab 25 Mädchen und nur fünf Jungs. Das hat irgendwie eine angespannte Situation ergeben. Der Zettel stammt aus einer Freizeit in der achten oder neunten Klasse.

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NOIZZ: Kannst du dich noch daran erinnern, wie das mit dem Mobbing angefangen hat?

Mine: Daran kann ich mich sehr gut erinnern: Das ging von null auf hundert als ich in die fünfte Klasse kam. Ich war immer schon laut und auffällig – und irgendwie auch anders. Ich hatte kurze Haare, habe die Klamotten meiner Schwester getragen, weil wir nie so wahnsinnig viel Kohle hatten. Das war aber nie ein Problem in der Grundschule. Ich war ja nie böse oder gemein. Aber in der fünften Klasse hatte mich ein Mädchen aus vermutlich genau diesen Gründen zu ihrem Opfer auserkoren. Leider hatte sie einen ziemlich guten Stand auf der Schule: Ihre älteren Brüder waren in den Klassen über uns, sie kannte ganz viele. Die haben auch alle mitgemacht.

NOIZZ: Wie hast du das damals für dich verarbeitet beziehungsweise diese Zeit überstanden?

Mine: Ich hab erst probiert dagegen anzukämpfen. Ich habe versucht meine Mitschüler*innen zu überzeugen, dass ich nicht so schrecklich bin, wie sie denken. Habe auch versucht, auf mich aufmerksam zu machen. Leider wurde es dadurch nur krasser mit der Gewalt. Es hat sich zu einem solchen Selbstläufer entwickelt, dass ich bloß durch die Schule gehen musste und von Leuten beschimpft wurde. Ich kannte die Leute teilweise gar nicht, die mich gemobbt haben. Irgendwann habe ich aufgegeben und mich abgeschottet – mit Musik auf den Ohren versucht einfach, alles auszublenden.

Jasmin Stocker, alias Mine, erzählt von dunklen Zeiten in ihrer Schulzeit.

NOIZZ: Ist niemandem der Lehrer*innen aufgefallen, was los ist?

Mine: Doch klar! Es gab auch Klassenbesprechungen mit Lehrer*innen und so. Aber irgendwie war da auch der Konsens, dass ja irgendwas mit mir nicht stimmen muss, wenn ich diejenige bin, die keiner mag. Meine Mutter ist auch zur Schule und hat sich beschwert, weil meine Schienbeine immer so blau waren. Aber das hat auch nichts besser gemacht. Bei manchen Freizeiten war es richtig schlimm, da haben teilweise sogar die Betreuer*innen mitgemacht. Es gab auch einen Vertrauenslehrer an unserer Schule. Aber der war Vertrauenslehrer, weil er so beliebt war – klar, war der nicht auf meiner Seite. Mobbing ist ein echter Negativkreislauf.

NOIZZ: Inwiefern?

Mine: Naja, wenn meine Mutter an die Schule gekommen ist, um sich zu beschweren, wurde ich natürlich als totale Petze abgestempelt. Dann war es so, dass ich zeitweise auch mal Leute hatte, mit denen ich abgehangen habe – allerdings hatten die auch Angst davor, am Ende ebenfalls gemobbt zu werden, wenn sie sich mit mir umgeben. Man fängt natürlich auch an, sich selbst infrage zu stellen, weil man jeden Tag diese Wand aus Negativem vor sich hat.

NOIZZ: Ja, davon erzählen viele Mobbing-Opfer – dass sich der Hass von außen irgendwann auch in Selbsthass wandelt.

Mine: Das war bei mir definitiv auch so. Ich hatte ganz viele dunkle Gedanken, hatte Angst. Ich hatte auch irgendwann Selbstmordgedanken – aber ganz abstrakt. Für mich war es auch damals nie eine ernsthafte Möglichkeit, mir das Leben zu nehmen oder so.

NOIZZ: Hast du jemals mit den betreffenden Akteuren des Mobbing, mit den betreffenden Schulkamerad*innen von damals gesprochen? Sie noch mal konfrontiert?

Mine: Nee, eher weniger. In der Oberstufe hat sich alles noch mal gewandelt, da habe ich dann Freunde gefunden. Ich war dann auch mit Leuten befreundet, die damals nicht nett zu mir waren. Und ich hab mit wenigen Leuten mal drüber gesprochen und sie konfrontiert, die aber immer meinten "Ich hab ja nichts gemacht". Die Schuld hatten dann angeblich immer andere. Für mich hat das irgendwann einfach keine Rolle mehr gespielt. Es gibt immer mal Leute von damals die mir schreiben, die sich entschuldigen. Die meisten, die mir schreiben waren aber tatsächlich nicht so aktiv gegen mich unterwegs.

NOIZZ: Spielt das für dich eine Rolle? Also dass dir dann jetzt noch mal geschrieben und sich entschuldigt wird?

Mine: Tatsächlich bedeutet mir das viel, ja. Ich bin keinem mehr böse. Wir waren irgendwie auch alle noch Kinder, man weiß ja auch nicht, was in deren Umfeld so passiert. Aber wenn dann so ein Brief kommt ist das schon krass. Dann habe ich das Gefühl, dass meine Gefühle von damals berechtigt waren und ich nicht ich einfach das Problem war.

NOIZZ: In deinem Post schreibst du, dass du immer noch an deinem Selbstbewusstsein arbeitest. Was glaubst du, welche Eigenschaft oder Facette von dir am stärksten durch das Mobbing geprägt wurde?

Mine: So ein grundsätzlicher Selbstzweifel: Wenn etwas Schlimmes um mich herum passiert, zweifle ich sofort an mir selbst. Ich habe manchmal immer noch das Gefühl, dass ich diejenige bin, die falsch sein muss. Natürlich macht diese Eigenschaft das Leben manchmal echt schwer. Auch für andere um mich herum. Ich kenne auch einige in meinem Freundeskreis, die gemobbt wurden, und die haben auch alle diese Unsicherheit.

Stärke und Schwäche sind Facetten: Mine.

NOIZZ: Wenn man dich kennenlernt, hat man vor allem das Gefühl, dass man eine toughe und coole Person vor sich hat. Hast du stark an einer nach außen wirkenden Maske arbeiten müssen?

Mine: Ich würde es nicht als Maske bezeichnen – sondern als Facette. Ich bin auf vielen Ebenen tough, und das ist auch etwas, das ich mir erarbeiten musste. Zum Beispiel war ich am Anfang meines musikalischen Projekts "Mine" noch viel unsicherer. Das war jahrelange Arbeit. Psychische Arbeit mit Therapie und allem. Ich musste das auch knallhart lernen. Als ich 25 Jahre alt war, hätte mich keiner als tough bezeichnet: Da habe ich mir meine Haare ins Gesicht gekämmt und saß hinterm Klavier. Diese Seite steckt aber auch immer noch in mir. Kein Mensch ist ja immer nur so oder so.

NOIZZ: Wie in der eingangs erwähnten Studie gesagt, ist Mobbing immer noch ein großes Problem. Was würdest du dir vom Schulsystem wünschen, das es besser wird?

Mine: Ich glaube, grundsätzlich ist es wichtig, dass psychologische Hilfe in der Schule einen höheren Stellenwert haben muss. Psycholog*innen müssen einfach stärker in die Klassen gehen. Es ist nicht in der Verantwortung der Schüler*innen, sowas richtig einzuordnen. Dazu sind sie zu jung, zu involviert und bei vielen ist der Hintergrund auch nicht rosig – auch wenn sie die vermeintlichen Täter*innen sind. Es ist auch wichtig mit den Eltern zu sprechen, denn ein stabiles familiäres Umfeld kann für Mobbingopfer eine wichtige Stütze sein. Daher sollten auch die Eltern gebrieft werden.

Es ist auf jeden Fall schon mal hilfreich, dass du dich traust, so offen zu sprechen. Danke dafür!

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  • Quelle:
  • Noizz.de