Die "Mohrenstraße" in Berlin-Mitte trägt einen rassistischen Namen und hat ihre Wurzeln im Kolonialismus und Sklavenhandel. Die Umbenennung ist längst überfällig. Erfahre hier warum und wie du unterstützen kannst.

Unterschreibe hier Petitionen für eine Umbenennung der "Mohrenstraße".

Parallel zur Leipziger Straße, die Friedrichstraße kreuzend, verläuft sie, die "Mohrenstraße" in Berlin-Mitte. Das letzte Mal als ich an der gleichnamigen U-Bahnstation ausgestiegen bin, hatte jemand auf allen Namensschildern zwei Punkte über das "O" gemalt und so aus der "Mohrenstraße" die "Möhrenstraße" gemacht. Passant*innen, die die Problematik des Namens nicht kennen, dachten wahrscheinlich, jemand habe sich schlichtweg einen Scherz erlaubt. Tatsächlich steckt hinter der vermeintlich kleinen Veränderung aber viel mehr als eine Verniedlichung: Die zwei Punkte über dem "O" zeigen, wie simpel ein kolonial-rassistischer Straßenname umbenannt werden könnte, wenn Schwarze Menschen ernst genommen und respektiert würden.

Die "Mohrenstraße" ist kolonial-rassistisch.

Der Name geht direkt auf den Sklavenhandel zurück

"Der Name wurde 1706 vergeben, als in den Palais der Markgrafen entlang der die M.-Straße kreuzenden Markgrafenstraße Menschen afrikanischer Herkunft als Hof-M. Dienst tun mussten. Sie waren zumeist als Minderjährige auf europäischen Sklavenmärkten gekauft worden", erklärt Christian Kopp von "Berlin Postkolonial" gegenüber NOIZZ. (Anmerkung der Redaktion: "Berlin Postkolonial" kürzt aufgrund der rassistischen Bedeutung das Wort "Mohr" als M. ab.) Der Name gehe außerdem auf die Zeit zurück, als Brandenburg-Preußen direkt am transatlantischen Versklavungshandel beteiligt war (circa 1680 bis circa 1717). "Er erinnert viele Schwarze Berliner*innen schmerzlich an die Zeit der Versklavung und rassistischen Abwertung von Menschen afrikanischer Herkunft", so Kopp.

Bei dem Begriff "Mohr" handelt es sich nämlich um eine klar rassistische, althochdeutsche Bezeichnung für Schwarze Menschen. Von vielen wird der Begriff heute als Pendant zum N-Wort erfahren. Das Wort geht nämlich sowohl auf das griechische "moros", was so viel wie "töricht" und "dumm" bedeutet, zurück, als auch auf das lateinische "maurus", das für "dunkel", "schwarz" und "afrikanisch" steht.

Lass es dir bitte auf der Zunge zergehen: Ein Straßenname mit dieser kolonial-rassistischen Historie existiert trotz aller Kritik in Berlin-Mitte munter vor sich her. Im Jahr 2020. Der Wunsch auf Umbenennung sorgt für Diskussion, nicht für einstimmiges Verständnis.

>> Nicht-rassistisch zu sein ist nicht genug: So wirst du Anti-Rassist*in

Wieso wird hier überhaupt diskutiert?

In Bristol wurde Anfang Juni eine Statue des Sklavenhändlers Edward Colston im Wasser versenkt, so wie dieser selbst es im 17. Jahrhundert mit Zehntausenden afrikanischen Sklav*innen tat, die noch auf dem Atlantik ums Leben kamen. Seit dem Badegang Colstons ist die Diskussion um die Daseinsberechtigung kolonialer Denkmäler, Statuen und Straßennamen weltweit wieder neu entfacht – und da beginnt schon das Problem. Denn wo stehen wir im Kampf gegen Rassismus in einer Gesellschaft, die selbst die Umbenennung eines klar rassistischen Straßennamens mit Ursprung im Sklavenhandel für ein diskussionsfähiges Thema hält? Wie wichtig können die Leben Schwarzer Menschen einer solchen Gesellschaft wirklich sein?

Ein Sklavenhändler geht baden.

Und überhaupt: Wieso muss erst eine weltweite Bewegung Fahrt aufnehmen, bevor eine solche Diskussion überhaupt erst ernsthaft geführt wird? Die Forderung nach der Umbenennung der "Mohrenstraße" und der gleichnamigen U-Bahnstation gibt es nämlich nicht erst seit dem Neuaufflammen der "Black Lives Matter"-Bewegung. Seit knapp 25 Jahren fordert die Schwarze Community Berlins eine Umbenennung. Seit 2014 findet sogar jährlich ein von Initiativen organisiertes symbolisches Umbenennungsfest statt.

Wieso klammert man sich an rassistische Denkmäler?

Wenn nicht alle Weißen nachvollziehen können, weshalb ein rassistischer Straßenname geändert werden oder es keine Statuen von Sklavenhändlern geben sollte, dann ist das traurig, mindestens ignorant, viel eher aber rassistisch – für den Zweck erst einmal aber auch egal: Ob etwas rassistisch ist oder nicht, haben nämlich die Betroffenen zu entschieden und nicht die weiße Mehrheitsgesellschaft. Wenn Schwarze Menschen sagen, etwas ist rassistisch, dann ist das so. Dafür müssen weiße Menschen nicht einmal immer alles zum Thema Rassismus hundertprozentig nachvollziehen können, sie müssen aus Respekt und Menschlichkeit Schwarze Menschen einfach unterstützen. Period.

Was ist das für ein Zeichen in einer Gesellschaft, in der Schwarze Menschen tagtäglich Diskriminierung und Rassismus erfahren und strukturell benachteiligt werden, wenn deren Forderung nach der Umbenennung eines klar kolonial-rassistischen Straßennamens nicht respektiert wird?

Was ist das für ein Zeichen, wenn eine Gesellschaft, die sich "Black Lives Matter" auf die Fahne schreiben will und naserümpfend zu den USA schaut, den jahrelangen Wunsch auf Umbenennung der "Mohrenstraße" nicht zumindest jetzt als Moment der Aufklärung nutzt?

Anton Wilhelm Amo als neuer Namensgeber

"Wir schlagen seit langem Anton Wilhelm Amo als neuen Namensgeber vor. Er wurde als Kind nach Braunschweig und Wolfenbüttel verschleppt und war der erste Akademiker Preußens afrikanischer Herkunft, der sich zudem in seiner Antrittsvorlesung für die Rechte von versklavten Afrikaner*innen in Europa einsetzte", so Christian Kopp von "Berlin Postkolonial" gegenüber NOIZZ. Es sei wichtig, dass bei der Umbenennung der Themen- und Zeitbezug erhalten bleibt, aber statt einer Beleidigung Schwarzer Menschen in Deutschland eine Ehrung ihrer historischen Leistungen erfolgt.

>> Experte erklärt: So rassistisch sind die USA als System wirklich

>> Wie sich Rassismus wirklich anfühlt

  • Quelle:
  • Noizz.de