Die Führerschein-Anwärter sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.

„Wir haben etwas für dich, was dir helfen kann“, verspricht ein Online-Shop im Internet. Weiter heißt es in holprigem Deutsch: „Mit unserer professionellen Kamera-Ausrüstung und Spy-Ear-Spicker-System ist es möglich, einen Führerschein-Test oder Uni-Prüfung zu spicken, ohne dass es jemand bemerkt.“

Tja, warum auch für die theoretische Führerscheinprüfung lernen, wenn es einfacher geht?

Die Masche klingt eigentlich ziemlich Idioten-sicher: Eine Kamera im Knopfloch, winzig wie ein Stecknadelkopf, überträgt die auf einem Bildschirm auftauchenden Fragen an einen Hintermann draußen. Der sagt dem Prüfling die Antworten über einen Mini-Ohrstöpsel vor – klingt fast wie in einem Hollywood-Agentenfilm. Dabei geht es nur um einen Führerschein.

Arne Böhne vom TÜV Rheinland sagt: „Auf Deutschland hochgerechnet schätzen wir, dass rund 1.600 solche Fälle pro Jahr bei Fahrerlaubnis-Prüfungen aufgedeckt werden.“

Vor 20 Jahren, so der Experte, habe es vielleicht nur ein Zehntel dieser Fälle gegeben. Damals war die Technik eben noch nicht so ausgefeilt.

Hinzu komme eine hohe Dunkelziffer von unertappten Prüflingen – sie könnte jedes Jahr in die Tausende gehen. Vielleicht gab es damals aber auch einfach nicht so viele Menschen, die unter Prüfungsangst leiden.

Besonders dreist war wohl dieser Fall im Märkischen Kreis in Nordrhein-Westfalen: 2016 ging der Polizei eine junge Frau ins Netz, die mit dieser Methode aufflog, ohne dass ihre Spezialtechnik von außen sichtbar war: Der Ohrstöpsel steckte so tief im Ohr, dass er nur von einem HNO-Arzt entfernt werden konnte.

Etwa 500 bis 5.000 Euro kostet das Equipment, dass die Theorieprüfung sichern soll, schätzt der Vorsitzende des Fahrlehrerverbands Rheinland in Koblenz, Joachim Einig. Mehr als 1.000 verschiedene Fragen seien in der Theorieprüfung möglich. Davon kommen etwa 30 in rund einer Stunde Testzeit dran. Für manche ist das zu viel Druck.

Konsequenzen? Nada!

Viel zu befürchten haben täuschende Prüflinge aber nicht: Ihr Vorgehen ist weder Straftat noch Ordnungswidrigkeit. Böhne vom TÜV Rheinland sagt: „Diese Leute können maximal sechs Monate gesperrt werden vor der nächsten Prüfung.“ Auch nicht strafbar machen sich Online-Shops, die solche Übertragungstechnik anbieten.

Aber ist das nicht auch gefährlich, wenn niemand die Regeln kennt?

Der Vorsitzende der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände in Berlin, Dieter Quentin, sagt ganz klar Ja. „Wir fordern, dass man hier einen Straftatbestand schafft.“ Der Bund sieht indes keinen Handlungsbedarf: „Solche Überlegungen gibt es bislang im Bundesjustizministerium nicht“, teilte das Ministerium mit. Inwieweit Täuschungen bei Prüfungen unter den Einzelfallumständen strafbar sind, hätten Staatsanwaltschaften und Gerichte zu beurteilen.

Einen Haken hätte es aber, wenn das Schummeln Strafbestand werden würde, so zumindest die Sprecherin des Verkehrsministeriums von Rheinland-Pfalz, Susanne Keeding. Denn dann könnten auch spickende Schüler in der Abiturprüfung zu Straftätern werden.

Und was kann man dagegen tun?

Tja, es hilft ja nichts, aber: Täuschende Prüflinge in der Theorie müssten immer noch die praktische Prüfung bestehen, wo die Verkehrsregeln ebenfalls gefragt seien. Zwar werde die Technik zum Täuschen immer besser – ebenso aber auch die Technik zum Aufdecken der Schummelei.

Tatsächlich sammeln Prüfer heute oft die Handys der Prüflinge ein und nutzten einen Detektor. „Der rettet aber nicht die Welt“, sagt Böhne vom TÜV Rheinland. „Der Detektor kann nicht alle Funkfrequenzen abdecken.“ Bei Störsendern spiele die Bundesnetzagentur nicht mit. Prüfer dürften Prüflinge auch nicht auf Technik am Körper prüfen. „Dafür können wir höchstens die Polizei rufen“, erklärt Böhne. Darauf haben aber wohl die wenigsten Bock.

[Text: Zusammen mit dpa / Jens Albes]

Quelle: Noizz.de