Und ihr würdet staunen, was blutend und mit Krämpfen alles geht.

Die Grundlage unserer Existenz ist zur Beschimpfung geworden. Männer haben „Samenstau“, wenn sie unerwünschtes Verhalten an den Tag legen; bei Frauen gilt: „Die hat wohl ihre Tage.“

Samenstau ist ein biologisches Märchen, die Menstruation bekanntermaßen nicht. Trotzdem tun wir uns alle schwer damit. Männer, weil sie oft genug lieber nichts darüber hören wollen, Frauen, weil sie sich – vielleicht genau deswegen – nicht wirklich trauen, darüber zu reden. Das Thema wird mit spitzen Fingern gepackt und weit von sich gestreckt. Iiieh – Körper.

Das führt zu absurden Formulierungen. Neulich bezeichnete ein Magazin die Periode als „Tabu-Krankheit“.

Kopf —> Tischplatte —> Mittelfinger. Wieder nichts gelernt.

Eine Krankheit, ernsthaft? Google definiert diesen Begriff so:

Krạnk·heit

Substantiv [die], ein Zustand, in dem ein Mensch, ein Tier oder eine Pflanze nicht gesund ist, da die normalen körperlichen oder seelischen Vorgänge gestört sind und man sich unwohl fühlt.

Menstruation ist ein normaler körperlicher Vorgang, in seltenen Fällen mit seelischen Auswirkungen. Und sie ist ein Symptom für Gesundheit, auch wenn sich viele von uns dabei unwohl fühlen.

Unser Leben wäre so viel leichter, wenn wir einfach darüber sprechen würden. Wenn wir öfter mal fragen würden und bedenkenloser erzählten. So könnten wir die Tage von ihrem Stigma befreien.

Denn Menstruation ist keine Krankheit, Beschwerden hin oder her. Sie wird dazu gemacht. Und dabei ging es noch nie um die drei bis vier Schnapsgläschen Blut – mehr ist es ja nicht. Es geht um Zickigkeit. Es geht um Biestigkeit. Es geht um die angebliche natürliche Unterlegenheit einiger Frauen gegenüber anderen Frauen und Männern.

Und die Tatsache, dass die Tage einen manchmal tatsächlich etwas schwächen, ändert daran nichts.

Und dieses „manchmal“ ist eine mächtige Waffe. Es geht um Verhalten, das man Frauen wahnsinnig gern vorwirft, um sie abzuwerten. Männer tun es, Frauen tun es noch lieber, um sich von den vermeintlichen PMS-Opfern abzugrenzen.

Einige Frauen fühlen sich an diesen ein, zwei Tagen im Monat reizbarer, weniger geduldig als sonst. Die meisten von uns warnt heutzutage eine Zyklus-App vor diesen Tagen, andere merken es recht schnell selbst und können sich dann gut einfangen.

[Mehr dazu: iPhone- und Samsung-User benutzen Menstruations-Apps unterschiedlich]

Einmal zur Klarstellung: Eine verkürzte Zündschnur macht niemanden arbeitsunfähig. Sonst müsste man so einige aggressive Kollegen dauerhaft des Büros verweisen.

Doch der Kommentar „die hat wohl ihre Tage“ hat eine strategisch wichtige Funktion: Er wertet die Kollegin ab. Und damit auch eine potentielle Konkurrentin, die es vor der nächsten Beförderung aus dem Feld zu schlagen gilt. Noch dazu soll die Diskreditierung dauerhaft wirken, eine Frau zum regelmäßigen Opfer ihres Körpers machen: Wer alle vier Wochen Schmerzen leidet, der ist viel zu unzuverlässig für seinen Job, niemals belastbar genug. Und wer unter dem Einfluss von Hormonen stehen könnte, den kann man ja wohl nicht ernst nehmen.

Das ist, als würde man Männern vorwerfen, dass sie einer alten, methodisch fragwürdigen Studie zufolge alle 28 Minuten an Sex denken. Übrigens das ganze Jahr über.

Aber viele Frauen sind niemals reizbar, jedenfalls nicht aufgrund ihrer Periode. Und die, die es sind, wären viel entspannter, wenn sie darüber reden würden.

Wissenschaftler schätzen übrigens, dass drei bis acht Prozent aller Frauen gelegentlich oder regelmäßig an Menstruations-Symptomen leiden, die ihren Alltag beeinträchtigen. Ich gehöre dazu. Unser Geheimnis? Wir tun etwas gegen die Beschwerden und für unser Wohlbefinden.

Hier müssen wir unsere Freundinnen in die Pflicht nehmen. Eine kurze Nachricht, in der wir über Leid und Launen klagen, löst viele Probleme. Vor allem wenn die Antwort ein liebevolles „Ich versteh dich so gut – das ist normal“ ist.

Gleichzeitig können Frauen Erstaunliches vollbringen, während sie eigentlich „krank“ sind.

Dinge, die ich im vergangenen Jahr gemacht habe, während ich meine Tage hatte – und Schmerzen:

  • 330 Kilometer nach Usedom gefahren – mit dem Fahrrad
  • Ein einstündiges Interview in einer Live-Sendung gegeben
  • Geschrieben und unterrichtet, denn mein Job schert sich nicht immer um meinen Zyklus
  • Zweimal bei langen Fußballfan-Märschen mitgelaufen und anschließend im Stadion gewesen
  • Eine lange Nacht auf St. Pauli verbracht

Dinge, die meine Freundinnen gemacht haben:

  • Mit dem Bus durch Nigeria fahren. Nein, da gibt’s kleine klimatisierten Klos
  • Abschlussprüfungen rocken
  • Crossfit
  • Fünf Tage Wandertour

Das funktioniert nicht immer so. Und 300 Kilometer Radfahren während der Tage würde ich mir selbst nie wieder empfehlen. War 'ne blöde Idee. Hat aber geklappt.

Erspare ich meinen Nieren die Kombination aus Krampflösern und harten Schmerzmitteln, hänge ich unglücklich auf dem Sofa rum und sehe mir zwei Staffeln irgendwas an. Oder ich laufe morgens eine lahme Runde durch den Park und arbeite dann ganz normal weiter. Eine Freundin von mir dreht ihre Geschwindigkeit hoch, einfach, weil sie es kann und ihr die Leistung einen Kick gibt.

Will sagen: Nur, weil es Zyklus heißt, verläuft es nicht in jedem Monat gleich. Oder bei jeder.

Als ich meine Freundinnen fragte, was sie alles schon extremes während ihrer Tage geleistet hätten, zuckte die Hälfte (!) ratlos mit den Schultern – sie haben einfach keine Beschwerden. Nie. Was sollten sie also berichten?

Ich dagegen habe etwa anderthalb Jahre lang einmal im Monat das Bett nicht verlassen können und intensiv versucht, nicht zu schreien. Tage wie diesen nennt man im Volksmund dann Menstruationsurlaub. Danke für nichts.

Es ging vorbei. War aber nicht schön. Erspart euch an dieser Stelle die Ferndiagnosen – wie die meisten Frauen mit Krämpfen war ich vollkommen gesund.

Man muss die Tage nicht gut finden. Ich finde sie nicht gut, glaubt mir. Doch all die Instagrammerinnen und Performance-Künstlerinnen mit ihren Blutflecken auf weißen Kleidchen tun uns trotzdem etwas Gutes: Sie schieben die Grenze dessen, was wir schon gesehen haben, nach außen. Und genau das brauchen wir. Sie vergrößern unsere Komfortzone.

Was ich mir in diesem harten Jahr meines Lebens gewünscht hätte: mehr Offenheit. Verständnis. Oder wenigstens nonchalante Ignoranz. Jeden Monat einen Tag ausfallen ist übel – und fällt auch auf. Dass ich mich vorher schon sorgen musste, wie es wohl in diesem Monat wieder wird – sowohl körperlich als auch zwischenmenschlich – hat die Lage natürlich nicht verbessert.

Trotzdem: Wenn wir die Menstruation als Krankheit begreifen, machen wir es uns zu leicht. Wir werten den Zustand ab, pathologisieren ihn. Und das ist dumm, denn er gehört zu uns. Wer sich heute über die Beschwerden einer anderen lustig macht, kann im kommenden Jahr selbst betroffen sein. Vertraut mir. Das geht ganz schnell und keiner warnt euch vor.

Dass ausgerechnet Frauenzeitschriften von einer „Tabu-Krankheit“ sprechen, macht die Lage nur schlimmer. Es ist keine Krankheit und es ist unter Freundinnen und in guten Partnerschaften längst kein Tabu mehr. Weil wir längst wissen: Hier ist niemand krank. Hier ist niemand schwächer als andere, vermindert leistungsfähig oder eine hormongesteuerte Killermaschine. Ist doch nur ein Tag in Monat. Der geht vorbei.

Wir brauchen kein Gesetz, dass Frauen mehr freie Tage gibt. Wir brauchen eine Kultur, in der ein „Ich fühle mich nicht gut, ich bleibe zuhause“ als Entschuldigung reicht. Wer glaubt, seine Kolleginnen würden das ausnutzen, um krank zu spielen, der hat die falschen Leute eingestellt. Viele Frauen arbeiten freiwillig – sogar, wenn sie ihre Tage haben.

Quelle: Noizz.de