Du hast einen Typen am Start und nennst ihn "Loverboy"? Dann hast du ihn hoffentlich schon bei der Polizei angezeigt. Hinter dem Begriff steckt eine Masche, bei der Männer jungen Frauen erst die große Liebe vortäuschen und sie dann zur Prostitution drängen. Wie du einen Loverboy erkennst und was du gegen ihn tun kannst, haben Janna Bednarz und Maike Paszota im NOIZZ-Interview erklärt.

In US-amerikanischen Serien fällt der Begriff "Loverboy" gerne mal, wenn Girls über ihr Liebesleben sprechen. Meist ist dann ein Typ gemeint, der nicht der feste Freund des Mädchens ist – nur ein Kerl, mit dem sie etwas am Laufen hat. Ihr Liebhaber. Die Bezeichnung Loverboy ist – aus deutscher Sicht – in diesem Fall aber problematisch. Unter einem Loverboy verstehen man hierzulande nämlich keinen süßen Typen – sondern einen gefährlich Mann, der mit dem Körper einer jungen Frau Geld verdienen möchte. Er gaukelt seine Liebe nur vor.

Nur den wenigsten Leuten ist bekannt, was sich hinter dem Begriff verbirgt: eine miese Masche, Menschenhandel und Prostitution. Janna Bednarz und Maike Paszota beschäftigen sich schon länger mit dem Thema und wollen auf das Problem aufmerksam machen. Die beiden 27-Jährigen studieren und arbeiten im sozialen Bereich. Beide sind ehrenamtlich aktiv und sind gerade in der Gründungsphase eines Vereins namens "Gold", der sich mit Menschenhandel beschäftigt.

Loverboy: Am Anfang scheint er die große Liebe zu sein - und zwingt später junge Mädchen zur Prostitution (Symbolbild)

Die Studentinnen aus Essen und Bochum haben NOIZZ im Interview erklärt, was hinter der Loverboy-Masche steckt, warum sie gefährlich ist – was du gegen einen Loverboy machen kannst und wie du ihn womöglich erkennst.

Janna Bednarz und Maike Paszota erklären im NOIZZ-Interview, was hinter dem Begriff "Loverboy" steckt

NOIZZ: Der Begriff Loverboy ist vielen nur als Bezeichnung für einen Liebhaber bekannt – und meist eher neckisch gemeint. Sogar in der beliebten Serie "Gilmore Girls" wird der Begriff in einem ganz anderen Zusammenhang verwendet.

Janna Bednarz: Dass es sich dabei um eine kriminologische Bezeichnung handelt, ist auch eher in Holland und in Deutschland der Fall. Tatsächlich ist es im englischsprachigen Raum kaum geläufig, den Begriff mit Menschenhandel in Verbindung zu bringen. Bis jetzt. In Berichten der Europäischen Union wird mittlerweile auch in der englischen Sprache von Loverboys gesprochen. Er scheint in diesem Kontext immer bekannter zu werden – viele wissen aber trotzdem noch nicht, was für eine Masche dahintersteckt. Deswegen ist es verständlich, dass immer wieder Missverständnisse aufkommen.

Woher kommt der Begriff Loverboy – wie ist er entstanden?

Janna: Ich weiß, dass der Begriff das erste Mal in Holland um das Jahr 2000 im kriminologischen Kontext verwendet wurde. Dann hat sich die Bezeichnung nach und nach in Deutschland etabliert. Die Masche wurde aber bestimmt schon früher angewandt – war zu diesem Zeitpunkt aber wohl noch nicht so bekannt. In Holland gibt es auch einige Vereine, die sich dagegen einsetzen. Da ist es allgemein bekannter, was mit Loverboy gemeint ist.

Janna Bednarz

Googelt man den Begriff Loverboy, kommen viele verschiedene Definitionen. Von falscher Liebe, einem Verführer, Geldbetrug, Prostitution und Menschenhandel ist die Rede. Wie hängt das zusammen?

Maike: Ein Loverboy ist am Ende ein Zuhälter. Das sagt er natürlich nicht, sondern täuscht erst einmal eine Liebesbeziehung vor. Die Täter treten über verschiedene Wege in Kontakt mit den Mädels – Social-Media-Kanäle wie Facebook und Instagram sind typisch.

Nachdem sie in Kontakt getreten sind, wollen sich die Loverboys mit den Mädchen treffen. Sie halten dabei nach solchen Ausschau, die besonders schüchtern oder zurückhaltend wirken. Es kann auch andere treffen. Aber Loverboys wissen meistens, welche Mädchen auf die Aufmerksamkeit aufspringen, die ihnen gewidmet wird.

Dann machen die Loverboys kleine Geschenke, Komplimente und bauen eine Beziehung auf. Manchmal bekommen die Mädchen sogar ein Handy, damit sie immer erreichbar sind. Sie werden nach und nach emotional abhängig gemacht. Deswegen versuchen die Loverboys schnell mit dem Mädchen zu schlafen – um diese emotionale Bindung zu stärken. Manche werden sogar – von mehreren gleichzeitig – vergewaltigt. Das wird teilweise als Video zur Erpressung aufgenommen.

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Wie helfen Mädchen – unbewusst – den Loverboys an Geld zu kommen?

Maike: Es gibt verschiedene Wege, eine emotionale Bindung aufzubauen. Ist das gelungen, folgt der nächste Schritt. Die Täter behaupten, dass sie viele Schulden hätten. Da das Mädchen aber schon so emotional an diesen Mann gebunden ist, möchte sie ihm natürlich helfen. Dann kommen Sätze wie "wenn du mit dem Freund schläfst, bei dem ich Schulden habe, lässt er mich in Ruhe". So rutscht sie in die Prostitution rein. Manchmal sind die Loverboys auch etwas direkter und sagen, dass Sex die einzige und einfachste Möglichkeit ist, schnell an Geld ranzukommen. Das fängt beispielsweise bei Wohnungsbordellen an.

Viele Mädchen versuchen, durch andere Weg an Geld zu kommen – dann werden sie aber geschlagen oder erpresst. Es geht immer um Geld durch Sex. Kooperieren sich nicht, wird ihnen gedroht, dass er sie verlässt, Bilder oder Videos veröffentlicht, oder dass das Gleiche ihren Schwestern passieren könnte. Sie haben Angst und machen deswegen mit. Oft ist es aber so, dass sie besonders leichtgläubig sind – und denken, dass die Prostitution irgendwann ein Ende hat und sie als Paar von neu anfangen.

Der Loverboy wechselt zwischen Gewalt und dem Versprechen einer schönen, gemeinsamen Zukunft. Meistens machen sie das mit mehreren Mädchen gleichzeitig. Sollten diese das mitbekommen, hat der Loverboy wieder eine Ausrede. Dann sagt er so etwas wie: "Ich mache der nur etwas vor, damit sie unsere Schulden abbezahlt. Aber du bist diejenige, die ich wirklich liebe."

Maike Paszota

Wie alt sind die Loverboys?

Janna: Da die Strategie so wirksam ist, wird es bestimmt auch Loverboys im höheren Alter geben. Da der Fokus aber auf jüngeren Mädchen liegt, sind sie selbst eher 18 oder 19. Man geht aber auch davon aus, dass sie oftmals älter sind – sich dann aber jünger ausgeben.

Ihr sprecht immer von "Mädchen"…?

Maike: Das Augenmerk liegt auf jeden Fall auf jungen Mädchen. Je jünger sie sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie naiv genug sind, auf diese Masche reinzufallen. Es gibt unter anderem eine Dokumentation über eine Elfjährige, die erzählt, dass sie es anfangs sehr aufregend fand, einen 18-jährigen Freund zu haben, aber nicht mit ihm schlafen wollte. Er hat sie dann vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen. Ich weiß aber auch von anderen Fällen: Zum Beispiel die Geschichte eines Vaters, dessen 18-jährige Tochter ebenfalls über die Loverboy-Masche in die Prostitution reingerutscht ist und der jetzt auf diese Taktik aufmerksam macht. Älteren Frauen wird dagegen gesagt, dass Prostitution in Deutschland ja ein ganz normaler Job ist.

Das Problem ist, dass die Opfer ihre Loverboys meistens nicht anzeigen. Sie haben den Gedanken, dass dieser Mann ihr fester Freund ist, tief im Kopf verankert. Man bekommt aber nur Hilfe, wenn man der Polizei einen konkreten Namen nennt. Deswegen gibt es in Deutschland nicht viele offizielle Verfahren. Zumal es nicht so einfach ist, die Beziehung zu einem Loverboy zu definieren. Trotzdem gibt es immer mehr Beratungs- und Hilfestellen.

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Gerade weil es so schwer ist, diese Beziehung zu deuten und definieren: Gibt es Tipps oder Anhaltspunkte, um sich vor einem Loverboy zu schützen?

Maike: Wir haben eine Liste, auf der steht, was die Merkmale von einem Loverboy sein können. Das ist aber immer relativ. Ein klares Erkennungsmerkmal eines Loverboys ist auf jeden Fall, wenn der Mann möchte, dass die Frau gegen Geld mit einem anderen Mann schläft. Ein weiteres Anzeichen sind die Schulden. Zumal er vorher viel verschenkt und plötzlich kein Geld mehr hat.

Janna: Ein weiteres Merkmal ist, dass sie versuchen, die Mädchen von Familien und Freunden loszulösen. Das gibt es zwar auch in "normalen Beziehungen". Sollte sich eine Freundin zurückziehen, ist es wichtig, dass die Person die Chance hat, sich Hilfe zu suchen – wenn sie es denn braucht. Um Loverboy-Opfern zu helfen, braucht es Menschen, die für sie da sind, auch wenn sie sich zurückziehen und nicht mehr viel melden.

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Merkmale eines Loverboys:

Nicht alle Merkmale müssen zutreffen, doch viele sind typisch.

• Er ist meistens älter als das Mädchen.

• Er gibt ungewöhnlich viel Geld aus.

• Er macht teure Geschenke (zum Beispiel Handys, Schmuck).

• Er hat ein teures Auto und Markenkleidung.

• Er hat viel Zeit, ein offenes Ohr und ist immer für sie erreichbar.

• Er hat Kontakt zu Leuten aus dem Drogenmilieu.

• Er kennt Prostituierte und Zuhälter.

• Er verlangt Dinge von ihr, die sie nicht machen möchte.

• Er möchte schnell Sex.

• Er ist gewalttätig.

• Er lügt sie an und manipuliert sie emotional.

• Er versucht Freunde/Familie schlecht zu reden und sie von ihrem sozialen Umfeld zu isolieren.

• Es handelt sich auf jeden Fall um einen Loverboy, wenn er von ihr verlangt, sich zu prostituieren und als Vorwand Schulden/Geldprobleme nennt.

Du bist selbst Opfer eines Loverboys oder kennst Betroffene? Unter diesen Links kannst du dich weiter informieren und Hilfe suchen:

Liebe ohne Zwang

Elterninitiative für Loverboy-Opfer

Netzwerk gegen Menschenhandel

  • Quelle:
  • Noizz.de