Der Gang zur Therapeut*in ist heute zwar noch nicht so selbstverständlich wie der Arztbesuch bei Fieber, aber gesellschaftlich immer akzeptierter. Das ist eine positive Entwicklung. Ein bisschen seltener und irgendwie undurchschaubar ist das Konzept der Kunsttherapie: Was ist eigentlich das Heilsame an Kunst und kreativer Arbeit? Kunsttherapeutin Nicole Alich erklärt.

Mental Health ist eines der großen Themen, die unser Leben in den letzten Jahren begleiten. Depressionen, Angststörungen, Burn-out – es gibt eine ganze Palette von psychischen Beschwerden, die heute weit verbreitet sind. Immer mehr Menschen gehen deshalb in therapeutische Behandlung. Am verbreitetsten sind psychologische Gesprächstherapien, bei denen Patient*innen in Face-to-Face-Gesprächen mit ihrer Therapeut*in über sich reden. Eine Alternative dazu, über die man immer wieder stolpert, ist die Kunsttherapie. Hier findet ein großer Teil der Problembehandlung nicht im Dialog, sondern im künstlerischen Ausdruck statt.

Eine Erfahrung, die vermutlich jede*r schon mal gemacht hat, egal, ob im Kindergarten, besoffen auf WG-Parties oder im Master: Es tut einfach total gut, zu malen, zu singen, zu basteln oder anders zu gestalten. Aber warum eigentlich?

Nicole Alich arbeitet seit über sieben Jahren als Kunsttherapeutin. Infos und Kontakt via www.kunsttherapie-mitte.de

Nicole Alich ist Kunsttherapeutin in Berlin-Mitte. Die 40-Jährige kommt aus der Schweiz und hat über Zwischenstopps als Theatermalerin und Sozialarbeiterin ihren Master in Kunsttherapie an der Berliner Universität zu Weißensee gemacht. Ich habe sie in ihrer Praxis besucht und mir erklären lassen, warum sich Kunst so gut und heilsam anfühlt, was generell passieren muss, damit wir psychische Probleme überwinden können und ab wann es ratsam ist, sich nach einem Therapieplatz umzusehen.

NOIZZ: Steigen wir doch mal locker ein, was ist eigentlich Kunst?

Nicole Alich: Wahrscheinlich für jeden etwas anderes. Was aber vermutlich immer dahinter steckt, sind ein Gestaltungswille, ästhetische Ansprüche und eine Auseinandersetzung mit sich und der Welt.

Es gibt ja verschiedenste Therapieformen und -stile, mit denen Menschen etwas für ihre psychische Gesundheit tun können. Aber was muss eigentlich grundsätzlich passieren, um psychische Probleme verarbeiten und überwinden zu können?

Nicole Alich: Grundsätzlich braucht man Zeit und Raum und einen geschützten Rahmen. Wie, wo und womit, kann ganz unterschiedlich sein, je nach Person sowie Art und Schwere der Verletzung: in der Therapie, allein zu Hause, oder mit Freunden, da gibt es keine Regel.

Und wie funktioniert es in der Therapie?

Nicole Alich: Man versucht, ein Problem zu verstehen, indem man sich fragt, woher es kommt und sich ihm gestalterisch nähert. Die Probleme sind ja meist mit verdrängten, unangenehmen Gefühlen, Gedanken und inneren Bildern verbunden. Es geht darum, diese im geschützten Rahmen wahrnehmen und zulassen zu können. Was auch wichtig ist, ist Ressourcen stärkendes Arbeiten. Hier unterstütze und fördere ich, was ein*e Patient*in an Fähigkeiten mitbringt. In Krisen kann es auch wichtig sein, bei der Bewältigung von Alltagsproblemen zu helfen.

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Als Kinder haben wir alle gemalt, als Erwachsene kaum noch. Dabei tut Malen in jedem Alter gut – und kann uns helfen, Zugang zu uns selbst zu gewinnen.

Inwiefern kann das mit Kunst gelingen?

Nicole Alich: Wenn wir Kunst machen, ist das eine Auseinandersetzung mit uns selbst und unserer Umwelt. Beim künstlerischen Tun ist man in sich selbst versunken, aber auch direkt mit der Welt verbunden. Wir schaffen etwas aus uns selbst heraus, was dann in der Welt ist und die Möglichkeit bietet, über sich selbst zu reflektieren.

Können Sie das vielleicht noch mal an einem Beispiel erklären? Sagen wir mal, Sie haben eine Patientin, die Scheidungskind ist und deshalb mit Trennungsängsten zu tun hat.

Nicole Alich: Bei einer Trennung der Eltern entstehen viele, teils widersprüchliche Gefühle, und womöglich werden einige erst mal verdrängt. Wenn man irgendwann bereit ist, kann Kunsttherapie verdrängte Gefühle wieder ans Licht bringen. Zum Beispiel könnte sich in einem Bild Wut zeigen. Vielleicht hatte man während der elterlichen Trennungssituation eigene Unabhängigkeitsbestrebungen und die Wut darüber unterdrückt, diese nicht ausgelebt zu haben, weil man als Kind den "Rest der Familie" zusammenhalten wollte. Wir haben außerdem alle Verlustängste. Die Frage ist, welchen Umgang wir damit finden, sodass wir uns weiter entwickeln können. Kunst kann dabei helfen, einen Weg zu finden.

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Können Sie erklären, was der Vorteil der Kunsttherapie gegenüber einer psychologischen Gesprächstherapie sein kann?

Nicole Alich: Kreative Prozesse werden nicht nur durch bewusste Prozesse gesteuert. Durch die Entspannung und die ausbleibende Zensur unseres Alltagsdenkens können unbewusstere Bilder und Gefühle auftauchen und gestaltet werden.

Diese Werke kann man in der Therapie gemeinsam besprechen – oder auch nicht. Um bei dem Beispiel von eben zu bleiben: Vielleicht entsteht ein Bild, welches die Patientin erst gar nicht anschauen will, es wirkt vielleicht fremd oder bedrohlich. Dann kann das Bild auch erst in einer Mappe aufgehoben und später mit mehr Distanz betrachtet werden. Später kann man genauer hinschauen und sich fragen, was stört mich an dem Bild? Will ich etwas daran ändern? Was könnte es mit mir zu tun haben?

Patient*innen können so auch lernen, selbstwirksam eine Distanz zu Erlebtem zu schaffen. Sie erfahren etwas darüber, was alles in ihnen steckt und lernen, dies nicht sofort zu bewerten.

Symbolbild: Mental Health. Nach einer Studie von statista.com (2019) zeigt mehr als jeder vierte Mensch in Deutschland depressive Symptome.

Mental Health ist ein großes Thema unserer Zeit. Was können Sie denn jedem von uns für den Alltag empfehlen, um selbstwirksam zu werden und Zugang zu sich zu gewinnen?

Nicole Alich: Da gibt es viele Möglichkeiten! Selbstwirksamkeit bedeutet ja, überzeugt zu sein, Herausforderungen aus eigenen Kräften bewältigen zu können. Es ist wichtig, etwas zu tun, was einen fordert, worauf man jedoch auch Lust hat und was die Neugier weckt. Es darf keine zusätzliche Aufgabe im Sinne eines Selbstoptimierungsdrucks sein. Man könnte zum Beispiel ein gezeichnetes oder gemaltes Tagebuch führen.

Ich bin selbst in Therapie, und fast jeder Mensch, mit dem ich darüber geredet habe, sagt, dass sie oder er auch schon mal darüber nachgedacht hat, in Therapie zu gehen. Die wenigsten wagen den Schritt am Ende. Viele zweifeln, ob ihr Leiden "schlimm genug" ist. Ab welchem Punkt würden Sie einem Menschen raten, sich in Therapie zu begeben?

Nicole Alich: Die Frage "Ist es schlimm genug?" könnte ein Spiegel unseres Gesundheitssystems und unserer Gesellschaft sein. Wenn man eine von den Krankenkassen zugelassene Therapie macht, bekommt man eine Diagnose. Psychische Probleme und Diagnosen werden aber immer noch als stigmatisierend erlebt. Viele wollen deshalb keine Diagnose für ihr psychisches Problem. Wenn man jedoch schon zur Therapie gehen würde und könnte, bevor es richtig schlimm ist, dann wird es womöglich erst gar nicht richtig schlimm. Es gibt zum Beispiel Präventiv-Kurse für Rücken ...

... aber keine Präventiv-Kurse für Depressionen.

Nicole Alich: Genau, beziehungsweise wenige. Ansonsten spielt der Zeitpunkt eine Rolle. Therapie bedeutet Veränderung, darauf muss man sich einlassen können. Das ist nicht in allen Lebensumständen gegeben. Wenn man merkt, man kommt mit einer Sache nicht mehr alleine klar, bisherige Lösungsversuche sind gescheitert oder der Leidensdruck ist hoch, dann würde ich zu einer Therapie raten.

Du bist auf der Suche nach einem Therapieplatz oder möchtest dich gerne mal unverbindlich beraten lassen? Fast alle Krankenkassen führen auf ihren Websites Kataloge, die Therapeut*innen mit Kassenzulassung in deiner Umgebung auflisten. Wenn du aus Berlin kommst, kannst du dir hier einen Beratungs- und Vermittlungstermin geben lassen.

Quelle: Noizz.de