„Die Leute dröhnen sich zu, aber haben keine Ahnung, mit was“

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Auch Kokain kann töten Foto: David-Wolfgang Ebener / dpa

Aktivist Jerzy Afanasiev will Drogenpolitik neu denken.

Wir haben mit dem jungen Aktivisten Jerzy Afanasiev (26) über Drogenkonsum in seinem Heimatland Polen gesprochen. Afanasiev engagiert sich dort in der „Social Drug Policy Initiative“.

NOIZZ: Welche Droge nehmen die Leute heutzutage am häufigsten?

Jerzy Afanasiev: Die meisten nehmen Crystal und damit meinen sie eigentliche fast alle Substanzen. Was ist Crystal wirklich? Das weiß niemand genau. Manche benutzen diesen Begriff für MDMA, aber in den meisten Fällen ist Crystal halblegal nachgemachtes Mephedron. Manche Substanzen haben schon in einer Mikrodosis von 2 Milligramm eine besonders euphorisierende Wirkung. Gleichzeitig haben sie aber auch heftige, schubartige paranoide Episoden zur Folge.

Wo kauft man Crystal?

Crystal wird dir von Freunden angeboten oder von einem Dealer verkauft – persönlich oder online. Ein 24 Stunden-Taxi kann es sogar liefern.  Normalerweise ist es eine legale Substanz oder eine Mischung aus verschiedenen. Es kostet ungefähr 20 Euro pro Gramm. In Osteuropa liegt der Preis im Großhandel bei ungefähr einem Euro. Der meiste Stoff kommt dort aus China, aber auch in anderen europäischen Ländern wird er produziert.

Die Modedroge Crystal Speed, gefunden 2013 in Bayern Foto: David-Wolfgang Ebener / dpa

Welche Substanzen sind in Crystal enthalten?

Auf diesem Festival hat ein Kollege etwas ausprobiert, dass angeblich Amphetamine sein sollten. Die Reinheit von durchschnittlichen Amphetaminen liegt laut dem Staat bei 14 Prozent. Das ist dann alles, aber kein richtiges Amphetamin. Mein Kollege hat es mit Indikatoren getestet, die ihre Farbe ändern: Ein Restergebnis wies auf ein Mephedron-Imitat hin – die andere auf etwas komplett Unbekanntes. In unseren Merkblättern schreiben wir über 300 Substanzen und keine davon passt zu den. Was wir draußen wirklich vorfinden. Das zeigt: Crystal ist ein riesiges Mysterium. Interessanterweise ist es den Leuten echt scheißegal, was sie sich einschmeißen. Die Empfehlung eines Freundes reicht aus. Ich würde eine Droge nur nehmen, wenn ich weiß, um was es sich handelt – ich will es nicht einfach drauf ankommen lassen. Aber viele Leute sind total happy, wenn sie irgendeine Plastiktüte mit Drogen finden.

Die Aktivisten meiner Initiative können es gar nicht oft genug betonen: Die gefährlichste Substanz ist die, die du nicht kennst. Wenn du etwas kaufst, wovon du nicht weißt, was es ist, musst du bescheuert sein. Du musst dich wirklich damit beschäftigen.

War das Problem schon immer so akut?

Es wird immer schlimmer. Seit es in vielen Ländern eine strengere Anti-Drogen-Politik gibt, hat die Qualität der Drogen abgenommen. Neue Substanzen werden immer beliebter, weil sie stark, billig und einfach zu beschaffen sind. Einige Jahre später, als der Kampf gegen legale Drogen-Shops begann, haben sich diese Drogen auf den Schwarzmarkt verlagert. Die Probleme haben sich vervielfacht. Drogenbesitz zu kriminalisieren ist eine temporäre Lösung, aber Dealer beginnen schnell, immer mehr Substanzen online unters Volk zu bringen. Experimentelle, synthetische Drogen werden schlimmer und schlimmer. Beliebte synthetische Cannabis-Ersatzdrogen zum Beispiel bringen dutzende Menschen ins Krankenhaus. Den Menschen scheint es egal zu sein, was sie da eigentlich nehmen und in welcher Dosierung. Jemand kauft zum Beispiel eine Pille und nimmt an, dass das auch automatisch eine Dosis ist. Egal, ob du 50 oder 100 Kilo wiegst, ob du Mann oder Frau bist, oder was du gestern genommen hast. Neulich sah ich ein Paar bei einer Party in Warschau: Der Kiefer des Mädchens war so verkrampft, dass ich annahm, dass sie das Dreifache der Maximal-Dosis genommen hatte. Gerade sind in MDMA-Pillen 150 bis 250 Milligramm, vor 15 Jahren zwischen 50 und 100. Die Formel lautet: 1 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. Eine Pille entsprach also grob einer durchschnittlichen Dosis. Das Paar fragte uns nach Wasser und Kaugummi. Doch sie waren beide so verwirrt, dass sie einfach zur Seite entschwanden, zwei Meter weiter gingen sie verloren. Der Typ küsste das Mädchen, sie konnte ihren Kiefer nicht bewegen – ein tragischer Anblick.

Ist in diesem Fall MDMA mit Speed vermischt?

Nein. Normalerweise ist MDMA in Europa selten mit etwas anderem vermischt. Das Hauptproblem ist die Dosierung: Die Leute starten nicht mit einer halben oder einer Drittel Pille, sie wissen nicht, dass man auf den Effekt zwei Stunden warten muss. Und wenn er dann nach 20 Minuten noch nicht eintritt, denken sie, sie bräuchten mehr. Das kann sehr gefährlich fürs Herz sein. Die Leute nehmen eine Pille, dann eine nächste, und dann wirken sie plötzlich alle zusammen.

Wie kommen die Menschen an Drogen? Und was nehmen sie wirklich?

Eine aktuelle Studie aus Polen bestätigt, dass die meisten Leute über Freunde an Drogen kommen. Jemand behauptet, Crystal zu haben. Niemand weiß aber, was es wirklich ist. Nach dem Motto: „Ein Kollege sagt, das Zeug ist ok. Du musst soundso viel nehmen, und alles ist gut.“

Meiner Meinung nach nehmen viele Menschen Drogen einfach nur, um in eine andere Welt zu kommen. Es wird ja auch oft gesagt, dass Gras seinen Zauber nach einer Zeit verliert. Und ich glaube, dass Leute gar nicht auf die Effekte einer Substanz achten – sondern nur ein riesiges High wollen. Neulich sprach ich mit einem Organisator von Technoparties – 15 Jahre lang macht sie das schon, und nimmt jedes Mal nur eine halbe Pille. Heute scheint es, dass die Menschen einfach nur so stoned wie möglich werden wollen. Der Umgang mit Drogen ist krank, die Menschen können sie nicht auseinanderhalten und machen keine Unterschiede bei der Einnahme. Eine typische Problemdroge ist MDMA. Die Menschen mixen es mit anderen Sachen und sind sich überhaupt nicht bewusst, dass es eine Metamphetamin-Derivat ist.

Eine gute Dosierung sieht so aus: Du stehst an einem Lautsprecher, du fühlst die Musik und du genießt es, zu tanzen, dich zu unterhalten. Du bist nicht so abgefuckt von der Droge, dass du einfach nur ins Bett willst. Und wenn du wieder zu Hause bist und langsam runterkommst, heißt das nicht, dass du dann Clonazepam oder Xanax nehmen musst, damit du schlafen kannst, und beim nächsten Mal einfach ein bisschen Wasser trinkst und weniger nimmst. Wir wollen nicht, dass Menschen weniger nehmen, als sie wollen. Wir denken nur, dass die Leute weniger nehmen als sie möchten. Wir denken nur, dass sie gar nicht wissen, wie viel sie möchten beziehungsweise vertragen.

Drogenmissbrauch: auch ein Ergebnis unserer Trinkkultur Foto: Themendienst / dpa

Ist die Einstellung, dass man sich so stark abschießt wie möglich, ein Ergebnis unserer Trinkkultur?

Ja. Das ist das Problem der Trinkkultur gepaart mit dem Unwissen über Drogen. Viele Menschen denken, dass wenn du high wirst, du dich danach schlecht fühlen solltest. Und Drogen müssen so nicht funktionieren. Partydrogen zum Beispiel, sollen wirken, wenn du feierst. Ansonsten würden wir eher über Drogenparties. Normalerweise, also wenn du eine bewusste Entscheidung triffst, sollten die Drogen aufhören zu wirken, wenn du nach Hause kommst. Du schläfst gut und am nächsten Tag fühlst du dich ganz in Ordnung. Es ist etwas ganz anderes, wenn du Drogen ohne Rücksicht auf Verluste konsumierst, sie nach Gefühl dosierst, oder nicht mal weißt, was du nimmst. Die Ursache der Probleme sind Wissenslücken.

Wie können wir das Risiko reduzieren?

Es gibt Gesundheits- und Sicherheits-Regeln, die dabei helfen, Risiken einzudämmen, die vermeidbar sind. Psychoaktive Substanzen und riskantes Konsumverhalten sollte man vermeiden. Punkt. Aber anders als die meisten Politiker haben wir verstanden, dass, trotz des 150 Jahre alten Krieges gegen die Drogen, die Menschen sie noch immer nehmen. Wenn jemand Marihuana raucht, kann er den Teergehalt zum Beispiel reduzieren, indem er einen Aktivkohle-Filter benutzt. Du kannst auch einen Test machen, um zu sehen, was für eine Substanz das eigentlich ist. Viele benutzen zum Sniffen Geldscheine – die können so dreckig sein, dass man durch sie Grippe oder sogar den HCV-Virus bekommen kann. Man sollte den Schein also zumindest nicht mit anderen teilen und sich bewusst machen, was man da eigentlich tut, wenn man eine unbekannte Substanz konsumiert und dabei das dreckigste Stück Papier benutzt, das man finden kann.

Du arbeitest auch auf Partys. Worin besteht da dein Job?

Ich sorge für Komfort und Sicherheit der Partygänger, was Drogen, Lautstärke, Sexismus oder Aggressionen angeht. Wir sind besonders besorgt darüber, was in der Kultur der psychoaktiven Substanzen momentan passiert. Auf Partys ist es unser Job, erst mal ein Bewusstsein zu schaffen, dann für Sicherheit und Spaß zu sorgen. Vor allem sind wir auf gleicher Ebene mit den Partygängern – es ist nicht als ob ein Psychiater oder Suchtspezialist dort auftaucht, wir sind auch in unseren Zwanzigern. Wir stellen bereit, was fehlt: Wir verteilen Wasser, Kaugummi, Kondome, sprechen darüber, wie die Substanzen wirken, was drin ist, wir bieten Tests an. Und wenn jemand juristische oder gesundheitliche Hilfe benötigt, dann nennen wir ihnen Orte, an denen sie die wirklich bekommen können – nicht irgendwelche Abstinenz-Höllen.

Was ist deine Vision für eine gute Drogenpolitik?

Der Besitz psychoaktiver Substanzen für den persönlichen Gebrauch sollte entkriminalisiert werden. Das denke ich nicht aus liberalen Idealen heraus. Wir brauchen einfach eine effektive Gesundheitspolitik die öffentliche Gelder nicht weiter verschwendet und einen positiven Effekt auf die Gesundheit der Menschen hat. Besonders die, die Risikoverhalten zeigen. In allen Ländern ist das Schema da ähnlich: Wenn ein Staat eine Substanz verbietet, wird sie erst schwieriger erhältlich. Dann sind die Händler gezwungen, auf den Schwarzmarkt zu gehen, weil die Nachfrage nach wie vor gleich ist. Irgendwann gerät es außer Kontrolle und in der Folge konsumieren die Menschen schlechte Substanzen und landen im Krankenhaus. 2015 wurde die „kleine Dekriminalisierung“ verabschiedet. Sie beinhaltete eine neue Liste psychoaktiver Substanzen, deren Verkauf (nicht der Besitz) bestraft werden konnte, weil er eine Gefahr für Leben und Gesundheit war. Darauf sind jetzt mehr legale Drogen aber zum Beispiel Mephedron blieb auf der alten Liste, es zu besitzen, ist illegal. Clephedron dagegen, ein Mephedron-Derivat, wurde auf die neue Liste gesetzt – es zu besitzen, ist jetzt legal.

Was ist der Unterschied zwischen Entkriminalisierung und Freistellung von Strafe?

Entkriminalisierung bedeutet, dass es kein Verbrechen ist, eine Substanz in bestimmten Mengen zu besitzen. Wir glauben, dass gelegentlicher oder regelmäßiger Drogenkonsum kein Gesetzes-, sondern ein Gesundheitsproblem ist. So ist die Auffassung auch in Portugal. In Tschechien sieht man es etwas anders – dort sind Drogen zwar noch immer illegal, aber es gibt keine Strafe, weil es dafür keine Grundlage gibt. Es gibt Mengen-Begrenzungen. In Polen wird in jedem Fall die Strafverfolgung eingeleitet. Verbote führen nicht zu einer Regulierung. Die Regeln werden allesamt von der Mafia diktiert. Der Staat meidet seine Verantwortung für die Drogenpolitik. Im Falle von Cannabis, bin ich persönlich dafür, es so bald wie möglich zu legalisieren. Denn die Imitat-Produkte sind nicht nur beliebt, sondern auch immer giftiger. Wenn Marihuana legalisiert würde, nähme der Konsum gefährlicher Drogen ab. In Portugal ist die Qualität der Drogen sehr gut – alles dank der Entkriminalisierung. „Legal Highs“ wurden verboten und sind nie zurückgekommen – niemand kauft sie. Die Menschen müssen kein Gesetz mehr brechen, um zu experimentieren, weil sie bessere Substanzen haben, auf die sie einfacher zugreifen können.

Was ändert sich durch das Gesetz zu medizinischem Marihuana?

Einerseits ist es ein Schritt in die richtige Richtung: Es gibt keinen Grund, Menschen ins Gefängnis zu sperren, weil sie behandelt werden möchten. Andererseits ist es lächerlich, Marihuana aus dem Ausland einzuführen. Der Vorteil von Marihuana als Medizin ist die Sicherheit – es ist bewiesen, dass es gesunde Zellen nicht schädigt. Außerdem kann es günstig zu Hause produziert werden. Wenn medizinisches Marihuana aus dem Ausland importiert wird, verliert es seinen wirtschaftlichen Vorteil.

Medizinisches Marihuana kann man günstig zu Hause produzieren (Symbolbild) Foto: dpa

Welche Tests bietest du an?

Wir produzieren Tests für psychoaktive Substanzen. So ein Test ist keine Sicherheitsgarantie und auch kein Ersatz für eine Labor-Analyse. Er kann nämlich nicht alle Zusatzstoffe herausfiltern. Er kann auch weder Qualität noch Quantität der Substanz überprüfen – es wird nur untersucht, ob eine Substanz in einem Sample enthalten ist. Das ist ein Tröpfchen von einem Reagenzmittel, in das ein kleiner Teil der Substanz kommt, ein Stückchen einer Pille, von einem getrockneten Blatt, oder Pulver. Die Reaktion findet sofort statt und der Test ändert seine Farbe. Nach weniger als 20 Sekunden kannst du, basierend auf der Farbe, sagen, welche Substanz in deinem Sample ist.

Wir verkaufen Einweg-Tests für 2,50 Euro, um Geld für unseren Verein zu sammeln. Das ist kein Ersatz für eine professionelle Laboranalyse. Aber es ist ein günstiger und verlässlicher Weg, um vor oder auf einer Party zu testen, ob die Substanz, die du gerade hast, auch wirklich das ist, was sie sein soll.

Wer macht die Tests?

Wir können keine Substanzen besitzen, also machen wir sie nicht selbst. Wir geben den Menschen nur die Mittel und die Anweisungen. Die machen es dann selbst, meist auf der Toilette. Natürlich können wir keine Drogen bei uns haben, weil das illegal wäre. In Clubs ist es meistens zu spät, weil die Leute total Bock auf Drogen haben, und nehmen, was sie dabeihaben. Wir gehen auf die Partys, damit sich die Menschen vielleicht beim nächsten Mal an uns erinnern und den Test vorher zu Hause machen. Auf unserer Website haben wir eine Datenbank, für die wir die Zusammensetzung mehrerer „Legal Highs“ aus verschiedenen Orten analysiert haben.

Was ihr macht, ist eine Mission und eine Berufung – immerhin macht ihr es ehrenamtlich. Was bringt dich dazu, der Aktion so viel Zeit zu widmen?

Jeder in der Initiative hat Erfahrungen mit psychoaktiven Substanzen. Manche haben ihre engsten Freunde durch schlimme Zeiten gehen sehen, manche haben solche Zeiten selbst mitgemacht, manche hatten schlechte Erfahrungen mit der Polizei. Wir alle sind frustriert von der Stigmatisierung von Menschen, die psychoaktive Substanzen konsumieren. Mein persönlicher Antrieb ist, dass ich weiß: Ich helfe Menschen mit dem, was ich tue. Ich spüre, das, was wir tun, ist etwas Gutes. Neulich haben wir 200 Kaugummis auf einem Event verteilt. Dort waren 200 Menschen – sie alle wussten, dass sie stoned werden wollten. Doch niemand von ihnen wusste, dass sein Kiefer sich verkrampfen würde. So groß ist das Unwissen über Drogen in Polen.

Die „Social Drug Policy Initiative“ ist eine Non-Profit-Organisation, die sich mit faktenbasierter Schadensbegrenzung, Bildung und Aktionen für Drogenpolitik auseinandersetzt. Auf der Webseite gibt es eine Suchmaschine für „Legal High“-Analysen, Infos über die Zusammensetzung verschiedenster Substanzen, was man tun kann, wenn man festgenommen wird, und einen Online Shop für die Tests für psychoaktive Substanzen.

Jerzy Afanasew: Der Student arbeitet gerade an seiner Masterarbeit über Legal Highs am Institut für Soziologie er Universität Warschau. Für die Initiative SDPC betreibt er ein Labor für psychoaktive Substanzen.

Quelle: Noizz.pl

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