Angst ist wie eine Droge.

Die Neuverfilmung von „Es“, dem Horrorkrimi aus der Feder Stephen Kings, hält sich hartnäckig an der Spitze der deutschen Kino-Charts.

Warum lockt uns die Lust am Gruseln immer wieder neu, obwohl Horror-Clowns auf der Leinwand Alpträume hervorrufen können?

Der Potsdamer Psychologe Gerd Reimann vermutet, dass sich rund die Hälfte der Bevölkerung von fiktivem Horror angezogen fühlt. „Das deckt sich mit den Studien der Filmemacher“, sagt er.

Zwischen Männern und Frauen erkennt sein Münchner Kollege Lothar Hellfritsch keinen Unterschied. „Das ist sehr individuell bei Menschen. Es gibt eher kulturelle Unterschiede im Umgang mit der Angst.“ Das könne schon damit beginnen, wie Kinder erzogen würden - überbehütet oder mit Risikofreude.

Kein Unterschied zwischen Frauen und Männern

„Es gibt Vermutungen, dass jeder Mensch eine gewisse Veranlagung zum Bösen hat“, erläutert Reimann. „Sie müssen das aber nicht in eigenen Taten ausleben. Das geht auch stellvertretend, zum Beispiel in den Bildern eines Films.“ Eine Läuterung habe sich naturwissenschaftlich noch nicht nachweisen lassen.

Die Angstlust

Er hält es für wahrscheinlicher, dass jedes Bild, das von der Norm abweicht, automatisch Interesse erzeugt. „Und es bringt Erleichterung, wenn man zugucken darf, aber selbst nicht betroffen und vor allem nicht das Opfer ist.“

„Angstlust“ nennt das Hellfritsch. „Da kommen zwei Emotionen zusammen: Anspannung und Entspannung.“ Die Zentren für Angst und Lust lägen im Gehirn nah beieinander, die Wechselwirkung spiegele sich beim Gruseln messbar auch im Spiel der Hormone: Adrenalin sorge dabei für den Schauer, Endorphine seien für ein Glücksgefühl zuständig.

Horrorfilme können süchtig machen

Die Toleranzgrenzen bei fiktivem Horror seien eben sehr verschieden, ergänzt der Psychologe. „Wenn's nur schlimm war, gehen Menschen in solche Filme nicht mehr rein. Wenn's schlimm war und schön zugleich, dann ist das wie bei einer Sucht - die Droge wollen wir immer wieder neu.“

Horrorfilme spielen nicht zufällig mit Urängsten von Menschen - mit Tod, Gewalt und Kontrollverlust, der Angst vor dem Fremden oder der Dunkelheit. Es gehe um eine Konfrontation damit, erklärt Hellfritsch. „Aber in einer angenehmen Situation. Im Kinosessel wissen wir, dass das nicht echt ist, das ist unser Rettungsanker.“

Endorphine werden frei

Wer sein eiges Angst-Level kenne, habe nach einem Gruselfilm auch ein Siegergefühl: Ich hab's gepackt. „Das ist das gleiche Prinzip wie bei der Achterbahn.“

Von der Angstlust bekomme deshalb niemand eine psychische Erkrankung, versichert Hellfritsch. „Das Ausprobieren ist nicht schlimm - außer, ein Mensch übernimmt sich.“ Das könne dann schon mit schlaflosen Nächten und Alpträumen enden.

Gruppendynamik

Zum Gruseln im Kino gehört auch eine Gruppendynamik. „Zu Hause allein würden sich viele Leute Horrorfilme wahrscheinlich nicht ansehen. Die Gruppe reduziert die Belastung. Man fühlt sich aufgehoben, das gibt den meisten Menschen Sicherheit“, sagt Reimann. Brutale Filme könnten dem Zuschauer auch das Gefühl vermitteln, selbst auf der besseren Seite zu stehen. Es sei ebenfalls ein gesunder Impuls, sich eigenen Ängsten auszusetzen. Verarbeitung geschehe, wenn man Konfrontation suche.

Kein modernes Phänomen

Die Lust am Gruseln ist für Reimann kein modernes Phänomen. „Früher gab es öffentliche Hinrichtungen oder Folter. Das waren Massenveranstaltungen, auch noch in unserer christlich geprägten Religion.“ Das Zuschauen ziehe sich durch die Menschheitsgeschichte. „Auch, weil sich unser Gehirn in Hunderttausenden von Jahren nicht großartig verändert hat.“

Quelle: Noizz.de