Im exklusiven NOIZZ-Interview erklärt Dierk Piening den Fall des 15-Jährigen Hackers Kane G.!

Mit 15 Jahren begann Kane G., die Konten von hochrangigen FBI-Funktionären zu hacken. Er knackte ihre Emails, lud Pornos auf Rechner und spielte unheimliche Drohungen auf ihre Fernsehbildschirme. Der Grund: die „korrupte und kaltblütige US-Regierung“. Der Junge soll Autist sein und die Konten aus seinem Kinderzimmer in England angegriffen haben. Seine Strategie: Sich bei Info-Hotlines als FBI-Mitarbeiter ausgeben, um so an sensible Informationen zu kommen. Jetzt ist Kane G. volljährig und steht in London vor Gericht. 

Sein Fall erregt weltweit Aufsehen.

Wie konnte ein 15-Jähriger so weit gehen? NOIZZ spricht über den Vorfall exklusiv mit Dierk Piening, 22, Ex-Hacker bei den Black Hats und heute IT-Sicherheitsberater.

Dierk Piening (22) ist Ex-Hacker und heute IT-Sicherheitsberater Foto: Dierk Piening / privat

NOIZZ: Wie kann es sein, dass ein 15-Jähriger scheinbar klüger ist als das FBI?

Dierk Piening: Naja, was heißt klüger. Da steckt gar nicht so viel technisches Wissen dahinter, der hat das ganz einfach gemacht. Das nennt man ‚Social engineering’, das heißt: Menschen manipulieren. Sie also dazu bewegen, dass sie das tun, was du möchtest. Er hat anscheinend Charisma und bei der Hotline des entsprechenden Providers oder der Behörde angerufen und denen erzählt, er wäre ein Geheimdienstoffizieller.

Und wie ist er dann an die Daten gekommen?

Piening: Er hat dadurch Zugriffsdaten zu den einzelnen Konten gekriegt und kam so zu den sozialen Netzwerken und Home-Steuerungssystemen. Das ist ungefähr so, als würde ich jetzt eine weibliche Bekannte bitten deinem Mobilfunkanbieter anzurufen, die dann sagt: ‚Hey, ich bin Kaja und ich habe leider meinen Pin vergessen und ich weiß nicht, was ich machen soll. Können Sie mir bitte helfen?’ Da kommt dann ein bisschen Psychologie dazu: Aus dem Hintergrund von YouTube Babygeschrei anspielen und auf Mitleid und Sympathie setzen.

Woher kann ein 15-Jähriger das alles?

Piening: Sein Alter ist gar nicht so ungewöhnlich. Ich habe auch mit 12 mit dem Hacken angefangen. Es gibt viele junge Leute, die das können. Je jünger du bist, desto mehr Lust hast du, dich in so etwas einzuarbeiten. Außerdem ist Kane G. Autist und da sind gewisse Eigenschaften besonders ausgeprägt. Ich denke aber auch, dass er psychologische Probleme hat, da sieht man auch an den Drohungen wie ‚I own you’, die er an den FBI-Chef geschickt hat.

Welche Motivation steckt dahinter?

Piening: Er brauchte wahrscheinlich Action, hatte Langeweile, wollte Anerkennung. In unserer Szene nennt man solche Leute ‚Script Kiddies’. Also junge Leute, die vorgefertigte Skripte und Angriffe nutzen, ohne wirklich Ahnung von der Materie zu haben. Ich glaube auch, dass seine politische Begründung, er wolle der US-Regierung schaden, vorgeschoben war. Seine Drohungen waren zwar gezielte Provokation, aber keine politische Aktion, keine Aufdeckung oder Enthüllung.

Ist das FBI so unsicher?

Piening: Solche Institutionen wie FBI oder CIA wurden ja nicht von heute auf morgen aufs digitale Zeitalter umgestellt. Ein ganz häufiges Problem in Firmen ist, dass normale Mitarbeiter alle sehr gut gesichert sind – die können nicht auf irgendwelche besonderen Internetseiten gehen oder USB-Sticks anschließen. Der Geschäftsführer allerdings hat häufig die vollen Freiheiten – kann damit aber nicht umgehen. Den muss man dann viel besser schulen und seine Sinne dafür schärfen, was gefährlich sein könnte oder nicht. Deswegen sieht man häufig, dass gerade bei der Geschäftsführung oder ähnlichem zugeschlagen wird.

Haben wir in Deutschland auch Teenager, die so vorgehen wie Kane G.?

Piening: Ja, klar, man hat hier auch solche Leute. Früher galt die deutsche Hackerszene als die beste der Welt, wir haben den weltbekannten Chaos Computer Club. Allerdings hat Deutschland die Hacker lange Zeit stark kriminalisiert, zum Beispiel mit Hausdurchsuchungen und langen Haftstrafen.

Was machen andere denn besser?

Piening: Naja, währenddessen haben andere Nationen sie verstärkt gefördert, ihnen Jobs angeboten, Cyber-Defence-Center gegründet. Denn Hacker sind immer weiter und besser, als die IT-Abteilung der Sicherheitsbehörden. Die Deutschen Behörden verstehen Hacker auch einfach nicht. Zum Beispiel will oder muss ein ITler bei der Bundeswehr nicht lernen, wie man sein G36 Gewehr hält. In amerikanischen Diensten hat man den Hackern ein Umfeld gegeben, in dem sie sich wohl fühlen, das zu ihnen passt.

Sollte Kane G. ins Gefängnis kommen?

Piening: Natürlich muss der Junge in einem gewissen Rahmen bestraft werden, klar. Wenn ich bei jemandem einbreche oder ihn auf offener Straße bedrohe, dann werde ich auch dafür bestraft. Man muss den Leuten natürlich schon vermitteln, dass die Taten, die sie im digitalen Raum begehen, genauso Konsequenzen haben. Aber ins Gefängnis sollte er nicht, meiner Meinung nach muss man den Jungen behandeln, er braucht psychologische Hilfe.

Quelle: Noizz.de