Frauen in Deutschland verdienen seit Jahrzehnten konstant um die 20 Prozent weniger als Männer. Doch woran liegt es? Werden Frauen unterschätzt? Oder unterschätzen Frauen sich selbst? Eine neue Studie klärt auf.

Gehaltsvorstellungen hängen laut einer neuen Umfrage nicht von Können, Bildung oder Größenwahnsinn ab – sondern in erster Linie vom Geschlecht. Tatsächlich schätzen Frauen ihren Wert von Anfang an viel geringer ein, als Männer es in der Regel tun. Dieser Vergleich wird bei den am besten ausgebildeten Nachwuchstalenten besonders deutlich. Doch warum unterschätzen Frauen ihren eigenen "Wert" so sehr?

Frauen werden in Deutschland über 20 Prozent weniger bezahlt als Männer

Top ausgebildete Frauen verlangen schon beim Berufseinstieg 11.500 Euro weniger als Männer

Laut einer neuen Umfrage der Unternehmensberatung McKinsey verlangen die am besten ausgebildeten Männer beim Berufseinstieg um die 61.800 Euro, die am besten ausgebildeten Frauen hingegen im Schnitt nur 50.300 Euro. Das sind 23 Prozent weniger – und damit ungefähr der Wert, der auch den allgemeinen Gender-Pay-Gap in Deutschland beschreibt: Denn auch im späteren Berufsleben liegt der Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen schon seit 2002 in Deutschland relativ stabil bei um die 20 Prozent.

"Die Befragung zeigt, dass trotz der jahrelangen Diskussion um das Thema Gender-Pay-Gap Top-Studentinnen immer noch zu niedrige Gehaltserwartungen haben", so Prof. Dr. Julia Klier, eine Partnerin von McKinsey. Doch was hat es mit dem Gender-Pay-Gap genau auf sich?

Ja, auch die Branchenstruktur ist schuld am Gender-Pay-Gap

Ein Grund dafür ist unter anderem die Branchenstruktur an sich. Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung hat 2019 analysiert, dass Männer oft gut bezahlte technische Berufe ergreifen. Frauen hingegen haben öfter Jobs, die eher wenig bezahlt werden, oder sie arbeiten nur Teilzeit. Das liegt aber nicht in etwa daran, dass Frauen nicht Vollzeit oder in technischen Berufen arbeiten wollen – sondern dass ihnen durch die Strukturen unseres Arbeitsmarkts oft vermittelt wird, dass sie nicht in diese Berufe gehören.

Frauen suchen sich oft weniger gut bezahlte Berufe aus

Eine Studie der Beratungsfirma Mercer hat außerdem festgestellt, dass Männer in Unternehmen gehaltstechnisch höher eingestuft werden als Frauen – auch in Industrien, in denen sonst mehr Frauen arbeiten als Männer. Das führt zu einem grundlegenden Strukturproblem: Die Arbeit von Männern wird wertvoller eingestuft als die von Frauen. Aber das ist sie natürlich nicht.

Obwohl die Arbeit von Frauen natürlich genauso wertvoll ist wie die von Männern, führt diese Struktur womöglich dazu, dass sich Frauen schon von Anfang an nicht trauen, so viel Gehalt einzufordern, wie es ein Mann tun würde. Es ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung – ein sozial-psychologisches Phänomen, das soviel bedeutet wie "wenn du annimmst, das etwas passieren wird, dann wird es genau so kommen". Wenn also Frauen annehmen, dass ihre Arbeit weniger wert ist als die von Männern (weil sie das von den Strukturen des Arbeitsmarkts vermittelt bekommen), dann führt das dazu, dass sie weniger Geld fordern und die ungerechte Lohnlücke zwischen Männern und Frauen bestehen bleibt.

Diese Lücke kann vermutlich erst durchbrochen werden, wenn die Arbeit von Frauen allgemein gesellschaftlich wertvoller angesehen wird – und Frauen im Umkehrschluss ihren eigenen Wert besser einschätzen können.

  • Quelle:
  • Noizz.de