Suchtkranke, bei denen weder eine ambulante noch eine stationäre Therapie hilft und alle Behandlungsoptionen ausgeschöpft scheinen, können in den USA womöglich bald auf Hilfe durch Gehirnimplantate hoffen. Ein Pilotprogramm läuft derzeit in Virginia.

Fast zwei Jahrzehnte lang gehörte Gerod Buckhalter zu den vielen Opioid- und Benzodiazepin-abhängigen Menschen in den USA. Jetzt hat er einen Chip im Gehirn – und genau der könnte für ihn endlich das Ende seiner Abhängigkeit bedeuten. Nein, das ist keine Anlehnung an eine Verschwörungstheorie oder einen Sci-Fi-Film: Buckhalter ist einer von vier Patienten eines Pilotprogramms am Rockefeller-Institut für Neurowissenschaften der Universität West Virginia für eine neuartige Behandlung Suchtkranker mit Gehirnimplantaten.

Gerod Buckhalter war der Erste, der mit einem "Deep Brain Simulation"-Chip ausgestattet wurde, um seine Sucht einzudämmen.

Am 1. November 2019 wurden dem 33-Jährigen Elektroden ins Gehirn implantiert – in der Hoffnung, das hartnäckige Verlangen des Hotelangestellten nach Medikamenten zu heilen. Der leitende Arzt Ali Rezai beschreibt das Implantat als "Herzschrittmacher für das Gehirn". In der Fachwelt ist es unter dem Begriff "Tiefe Hirnstimulation" (THS) (im angloamerikanischen Raum "Deep Brain Stimulation", kurz DBS) bekannt. Es war der erste Eingriff dieser Art für die Behandlung von Abhängigkeit in den Vereinigten Staaten, für andere Erkrankungen wie Parkinson, Epilepsie und Zwangsstörungen ist THS bereits seit mehreren Jahrzehnten zugelassen. Etwa 180.000 Menschen auf der ganzen Welt haben Hirnimplantate.

Die OP dauert 7 Stunden, der Patient ist wach

Die Behandlung mit dem Implantat, das das Gehirn elektrisch stimuliert und so das Verlangen verringern soll, ist komplex. Es beginnt mit einer Reihe von Hirnscans. Darauf folgt eine sieben Stunden lange Operation, bei der die Ärzte ein kleines Loch in den Schädel schneiden, um winzige Ein-Millimeter-Elektroden in den Bereich des Gehirns einzuführen, der Impulse wie Sucht und Selbstkontrolle reguliert. Anschließend wird eine Batterie unter dem Schlüsselbein eingelegt. Mit Ausnahme der Zeit, in der das Loch in den Schädel geschnitten wurde, war Buckhalter wach und gab während des gesamten Eingriffs Feedback.

Die Elektroden in Gerod Buckhalters Gehirn laufen zu einem Stimulator und einer Batterie, die sich hinter seinem Schlüsselbein befinden.

Die Behandlung richtet sich ausschließlich an einen kleinen Prozentsatz von extrem behandlungsresistenten Opioidkonsumenten. Als man Gerod Buckhalter die Behandlung mit einer experimentellen Hirnoperation vorschlug, fackelte er nicht lange. Der 33-Jährige war seit seinem 15. Lebensjahr nie mehr als vier Monate lang nüchtern, obwohl er verschiedene Medikamente und stationäre sowie ambulante Behandlungen ausprobiert hatte. Seine Abhängigkeit begann mit einer Fußballverletzung in der High School, nachdem er Percocet verschrieben bekam – eine Fixkombination des Schmerzmittels Paracetamol und des Opioids Oxycodon. Später nahm er zudem Xanax und andere Benzodiazepine. Therapien brach er teilweise ab und erlitt oft am selben Tag noch einen Rückfall. Buckhalter sah im Implantat seine womöglich letzte Rettung.

Die OP erfordert viele Vorkehrungen

Vor der Operation musste sich Buckhalter zahlreichen Untersuchungen und Einwilligungsverfahren unterziehen, um sicherzustellen, dass er die potenziellen Gefahren der Operation wirklich kannte und seine Teilnahme an dem Pilotprogramm auf freiwilliger Basis geschah. "Ich plädiere nicht für eine Tiefe Hirnstimulation als erste oder zweite Stufe [einer Behandlung]", so Dr. Rezai laut "Washington Post". "Sie ist für Menschen, bei denen alles andere versagt hat, denn es handelt sich um eine Hirnoperation."

Die Hirnaktivität der Patienten wird nun über zwei Jahre von einem Team aus Ärzten, Psychologen und Suchtexperten fernüberwacht. Es handelt sich um eine Phase-Eins-Studie, die der erste Schritt zur FDA-Zulassung ist und sich in erster Linie auf die Sicherheit konzentriert, nicht auf die Wirkung der Therapie selbst.

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  • Quelle:
  • Noizz.de