Mondzeichen Trottel.

Friends, ich habe lange ausgehalten und Gespräche über Astrologie nur teilweise mit verächtlichen Kommentaren quittiert. Aber jetzt ist die Waage gekippt (haha, Waage) und am längst überfälligen Rundumschlag führt auch kein weggelächeltes Horoskop mehr vorbei. Ihr seid kein Krebs, kein Steinbock, keine Waage in eurem Aszendenten, sondern lupenreine Esoteriker. Mondzeichen Trottel.

Astrologie mag im Ansatz eigentlich gar nicht so verkehrt sein, aber was ihr in dieser neuen Modewelle daraus macht, ist lächerlich. Das hat mit dem theoretisch denkbaren Einfluss von Planetenkonstellationen auf unser Befinden auf der Erde nichts mehr zu tun. Ihr bastelt euch eure Identitäten aus Sternzeichen zusammen und seid die glücklichsten Menschen der Welt, wenn ihr einen eurer Charakterzüge im 5. Haus des Deszendenten wiederfindet – "Krass, es passt einfach!"

Und ich rede hier nicht von irgendwelchen 11-jährigen Sechstklässlern, die ganz aufgeregt rote Wangen bekommen, wenn ihr Bravo-Horoskop einen verliebten Blickkontakt mit ihrem Schwarm prophezeit. Nein, ich meine euch Studenten und Alternative, Menschen zwischen 20 und 30, die auf einmal meinen, das Sternzeichen eines anderen aus seinem Wesen ableiten zu können und sich auf Hauspartys hibbelig erzählen, dass sie schon wieder jemanden getroffen haben, dessen Charakter – vermeintlich – eins zu eins seinem Sternzeichen entspricht.

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Astrologie-Basics

Eigentlich gar nicht so verkehrt, oder? Astrologie ist die Deutung von Zusammenhängen zwischen Vorgängen im All und Vorgängen auf der Erde. Ein sachlich einleuchtendes Beispiel sind die Jahreszeiten, die durch die Rotation der Erde und den daraus resultierenden unterschiedlichen Sonneneinfällen entstehen. Dass unsere Laune stark vom Wetter und Klima abhängt, ist kein Geheimnis. Ein im Winter geborenes Baby hat also vielleicht andere charakterliche Tendenzen als ein zur Sommerzeit geborenes. Ist auf jeden Fall denkbar, und sofern das wahr ist, hat das astronomische Phänomen der Rotation von Planeten Einfluss auf die Erde und individuelle Menschen – Astrologie. So weit so gut.

Irgendwie verkehrt, oder? Die Konstellationen der Gestirne unseres Sonnensystems zum Zeitpunkt unserer Geburt soll entscheiden, ob man Jungfrau oder Waage ist, und servieren damit einen ganzen Satz positiver und negativer Eigenschaften sowie Auskünfte darüber, wieso du gerade Stimmungsschwankungen unterliegst oder wie es im nächsten Jahr beruflich bei dir laufen wird – im Zweifelsfall abhängig davon, ob du eine Stunde früher oder später auf die Welt kommst.

Hands down, als Richtwert könnte ich das ja akzeptieren und irgendwo sehen; Beispiel mit den Jahreszeiten. Aber ich habe in den letzten Wochen und Monaten so viele – eigentlich – intelligente Menschen gesehen, die sich mit ihrem Aszendenten identifizieren, als wäre Astrologie eine mathematische Gleichung à la 1+1=2.

Und nein, euer "eigentlich wissen wir ja auch, dass das Quatsch ist" nehme ich euch nicht mehr ab

Das könnt ihr euch selbst erzählen, beim lachhaften Versuch, euch vor euch selbst zu verstecken. Aber im Herzen spürt ihr das: Ihr glaubt diese Scheiße und ihr wollt sie glauben. Ihr findet das geil, wenn euch euer Sonnenzeichen sagt, dass ihr fröhlich, weltoffen und direkt, aber auch ein wenig chaotisch und angeberisch seid (Schütze). Ihr atmet zufrieden und erleichtert auf, wenn euch Instagram mit einem Meme über Astrologie versorgt, dass euch erklärt, wieso ihr heute so unruhig seid. Und dass das alles auf Quatsch basiert, das blendet ihr Mal eben weg – "wenn's mir doch guttut?"

Fische sensibel, Skorpione böse

Und so funktioniert es im Groben: Es gibt Sternzeichen und es gibt Planeten, die sich beide unabhängig voneinander durch Häuser (Koordinaten) in unserem Sonnensystem bewegen. Jedes Sternzeichen hat Bedeutungen, jeder Planet und jedes Haus, und aus den verschiedenen Kombinationen lässt sich unterschiedlichstes Wissen über jeden Menschen ablesen, basierend auf dem Tag beziehungsweise der Konstellation seiner Geburt.

Ganz ehrlich: Das System ist Schund, und zwar in beide Richtungen. Entweder, es sagt dir genau, wer du bist, und riskiert damit, falschliegen zu können. Würde bedeuten: Es liegt jedes Mal daneben, wenn ein Mensch oder seine aktuelle Lebenssituation mit der astrologischen Deutung nicht übereinstimmt. Damit wär das Modell ungefähr so exakt wie eine stehen gebliebene Uhr, die zwei Mal pro Tag die richtige Uhrzeit anzeigt.

Oder aber, durch Sternzeichen, Aszendenten, Deszendenten, Mondzeichen, Sonnenzeichen, und insgesamt 12 Häuser, die dir Infos über dich und dein wahres Wesen geben, ist das Modell so ungenau und flexibel angelegt, dass du jeden deiner Wesenszüge und Lebensphasen irgendwo systemkonform finden kannst – "Ach, krass, du bist im Sonnenzeichen Löwe. Ja, jetzt macht das auch Sinn, dass du so bist" – und in diesem Fall ist es nicht mehr als heiße Luft.

Aber so differenziert macht das keiner, dann wär's nämlich schnell vorbei mit dem Spaß. "Ja, du bist einfach voll der Fisch, is' echt so", und eine Sekunde später beim Nächsten, der sich in seinem Tier zu null Prozent wiederfindet: "Ja, du musst auch im Aszendenten schauen. Und ich habe eh letztens gehört, dass das Mondzeichen eigentlich total wichtig ist, was bist du denn da?" Man weiß sich seine flache Erde schon zurechtzubiegen, Argumente hin oder her.

Astrologie als Religion

Aber wo kommt das her, dass uns das heute so erfüllt? Wieso wollen das so viele glauben? Sind wir in eine neue Identitätskrise gefallen? Ist es der Verlust von Gott und Kirche, der uns verzweifelt nach der nächsten Weg weisenden Säule greifen lässt? Oder sind wir einfach blöd und leichtgläubig geworden? Bei mir ist jedenfalls was gekippt. Anfangs konnte ich noch lachen oder mir auch mal aufgeschlossen anhören, was die ganzen neuen Hobby-Astrologen so zu sagen haben. Mittlerweile geht das nicht mehr.

Deswegen sage ich euch jetzt das hier: Eure Sternzeichen-Identitäten sind eure neue Religion. Keine, zu der ihr offen steht – "ist doch alles nur Spaß." Nein, eine versteckte, derer sich quasi keiner so richtig zu bekennen wagt, die aber trotzdem von jedem von euch bis ins Mark verteidigt wird: "Lass uns doch, schadet doch keinem. Lass uns doch glauben, was wir wollen, was interessiert es dich?"

Aber schadet eben doch. Unwahrheiten sind immer schädlich, egal, ob es unter der Erde lebende Echsenmenschen sind, die Existenz von Einhörnern, die Idee einer flachen Erde oder eben das Modell, charakterliche Nuancen und individuelle Prophezeiungen auf Himmelskörper zurückzuführen. Und ich frage mich ernsthaft, wo ich plötzlich gelandet bin; mitten unter Menschen, deren neues Hobby eine Sternzeichen-App ist, die sie aber angeblich nur ironisch und zur Unterhaltung nutzen, und für die sie aber gleichzeitig in die Bresche springen als ginge es um Leben und Tod. Irgendwas stimmt da nicht, merkt ihr selbst, oder?

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Quelle: Noizz.de