Elektroschocks und dadurch absichtlich ausgelöste Krampfanfälle sollen bei schwer depressiven Patient*innen Wunder bewirken. Doch in den Köpfen vieler gilt die Behandlung mit Elektroschocks noch immer als grausame Praktik aus einer längst vergangenen Zeit, in der psychische Probleme noch stigmatisiert und Betroffene ausgegrenzt wurden.

Elektrokonvulsions-Therapie ist uns allen wohl schon einmal über den Weg gelaufen, ob in einer scheinbar unschuldigen Anekdote in der TV-Serie "Die wilden Siebziger", als Therapiemethode im Roman "Die Glasgocke" oder als Horror-Szene in dem Film "Einer flog über das Kuckucksnest". Der Ruf der Behandlungsmethode mit Elektroschocks ist nicht besonders gut. Wahrscheinlich geht es dir wie mir und auch du bringst EKT, so die Abkürzung, mit Horrorfilm ähnlichen Zuständen in Psychiatrien in Verbindung, die augenscheinlich ganz und gar nicht das Beste für ihre Patient*innen wollen. Doch was steckt wirklich hinter der scheinbar kontroversen Behandlungsmethode für Menschen mit schweren Depressionen, bipolarer Störung oder Schizophrenie?

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Die Geschichte der Elektrokonvulsions-Therapie

In den 1930ern wurde die Therapieform das erste Mal entwickelt und angewandt. Der ungarische Mediziner Ladislas Meduna wurde in den 20er Jahren auf einen Zusammenhang von Epilepsie und Schizophrenie aufmerksam und führte erste Versuche an Tieren durch, bei denen er mit verschiedenen Medikamenten Krampfanfälle auslöste. Da durch die Medikation allerdings häufig Nebenwirkungen auftraten und die Anfälle nicht zuverlässig ausgelöst werden konnten, wurden einige Jahre später Elektroschocks als Auslöser für epileptische Anfälle erprobt.

Ugo Cerletti hatte bereits seit Anfang der 30er erforscht, wie sich durch Stromschläge ausgelöste Krampfanfälle auf das Verhalten von Tieren auswirkten. Nach ausgedehnten Versuchen an Schweinen und Hunden, bei denen vor allem die Platzierung der Elektroden erforscht wurde, wurde im April 1938 das erste Mal ein Mensch mit der neuartigen Methode behandelt.

Eine Behandlung mit Elektroschocks 1956

Und so sah eine Therapiesitzung damals aus:

Bei der Behandlung wurde der Körper des/der Patient*in noch händisch von mehreren Krankenpfleger*innen festgehalten und ein Beißstück in den Mund gelegt, bevor die Elektronen des Geräts, die die Spannung auf das Gehirn übertragen, an den Schläfen angelegt wurden. Während des Vorgangs löst der Strom einen Krampfanfall im Körper aus, der/die Patient*in beginnt am ganzen Körper zu verkrampfen. Die Krankenpfleger*innen versuchen währenddessen, den/die Behandelte so still wie möglich zu halten, damit es zu keinen Verletzungen kommt. Ein Anblick, der durchaus triggernd ist.

Kurze Zeit nach den ersten Behandlungen am Menschen wurde den Medizinern klar, dass EKT zwar keine tatsächliche Heilung von gravierenden mentalen Problemen wie Schizophrenie bringen konnte, aber eine starke Verbesserung im Zustand der Patient*innen durchaus belegbar war.

Warum genau die Therapie mit Elektroschocks funktioniert, ist wissenschaftlich bis heute nicht richtig geklärt

Durch gezielte elektronische Stöße im Gehirn sollen sich die Neuronen neu verknüpfen und sogar neue Neuronen gebildet werden, wie PBS erklärt. Die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Mainzer Universität geht davon aus, "dass ein im Rahmen einer EKT ausgelöster Anfall zahlreiche 'funktionelle' Veränderungen im Gehirn hervorruft, die denen einer dauerhaften Antidepressiva-Medikation ähneln." Die Erfolge vor allem bei schizophrenen, bipolaren und stark depressiven Patient*innen sprechen für viele Ärzte für sich. Die Uni Mainz erklärt: "Die EKT hat ein sehr breites Wirkungsspektrum und zeichnet sich durch raschen und zuverlässigen Wirkungseintritt aus. Die EKT wirkt antidepressiv, antimanisch und bei Katatonie [in 50 bis 70 Prozent der Fälle]. Bei zusätzlichem Vorliegen von Wahnideen, Halluzinationen oder depressivem Stupor hat die EKT eine Erfolgsrate von 82 Prozent."

Heute ist Elektrokonvulsionstherapie viel sicherer und moderner, als "Horror-Aufnahmen" aus dem Archiv. Bei der neueren, sogenannten "modifizierten EKT" werden Patienten unter Narkose gesetzt und ein Muskelentspannungsmittel verabreicht. Nur ein nicht betäubter Unterarm oder Fuß zeigt dann noch zur Kontrolle der Behandlung das krampfartige Zucken als Anzeichen eines erfolgreich ausgelösten epileptischen Anfalls. Die Stromschläge variieren von einem Ampere bis hin zu 230 Volt.

Eine Patientin bei einer EKT-Behandlung Mitte der 90er

Warum ist EKT so umstritten?

Eigentlich ist die Behandlung unter Fachpersonal gar nicht so umstritten, wie es grausame, fiktionale Filmszenen vielleicht suggerieren. Kritiker der Behandlungsart beziehen sich vor allem darauf, dass einige Patient*innen Erinnerungen aus dem Kurzzeitgedächtnis verlieren und die langfristigen Folgen der Elektrotherapie kaum erforscht sind. Wie lange die Wirkung der Behandlung anhält, ist ebenfalls unklar. In Deutschland darf Elektrokonvulsionstherapie nur mit dem Einverständnis der/des Patient*in oder des Vormunds durchgeführt werden und gilt als letzte Lösung bei Menschen mit schweren Depressionen, die auf keine andere Behandlung anspringen und in vielen Fällen akut selbstmordgefährdet sind. Oft erfolgt die Behandlung über einige Monate zusammen mit der Verabreichung von Antidepressiva, die oft anschlagen, obwohl sie bei Patient*innen vor der Stromtherapie nicht gewirkt hatten. Die Universität Göttingen bezeichnet EKT mittlerweile als "das wirksamste Therapieverfahren zur Behandlung schwerer und therapieresistenter depressiver Erkrankungen."

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  • Quelle:
  • Noizz.de