Der Attentäter beschäftigte rund 50 deutsche Behörden!

Es ist der bisher schlimmste islamistische Terroranschlag in Deutschland. 12 Todesopfer aus 6 Ländern forderte der Terroranschlag vom Breitscheidplatz in Berlin, der sich vor einem Jahr am 19. Dezember 2017 ereignete. Mehr als 60 Menschen wurden teils schwer verletzt.

Eine Dokumentation des RBB („Der Anschlag“, abrufbar noch bis bis 26.12.2017) zeigt auf, wie deutsche Behörden dabei versagten, den Attentäter Anis Amri zu stoppen. Denn der damals 23-Jährige abgelehnte Asylbewerber aus Tunesien war ein polizeibekannter Islamist, der rund 50 deutsche Behörden beschäftigte und den Ermittler monatelang überwacht hatten.

Wir haben die Erkenntnisse des Films zusammengefasst. Um den Weg von Anis Amri nach Berlin nachzuzeichnen, muss man nach Italien im Jahr 2011 schauen:

Der damals 19-jährige Anis Amri stiftet in einem Flüchtlingsheim zu Randale und Feuer an. Er kommt für vier Jahre ins Gefängnis. Seine Daten werden im Informationssystem von Schengen erfasst. Damit hätte er eigentlich nie nach Deutschland einreisen dürfen.

Im Juli 2015 mischt sich Amri unter Flüchtlinge und kommt illegal nach Freiburg. Er wird von der Polizei zwar erkennungsdienstlich behandelt, also die Fingerabdrücke gespeichert – nur abgeglichen werden sie nicht.

Unter verschiedenen Identitäten reist Amri durch Deutschland. Ein Flüchtlingsheim in Emmerich ist sein offizieller Wohnort, doch da ist Amri nur, um Sozialleistungen abzuholen. Er fällt auch dadurch auf, dass er seine Mitbewohner beklaut.

Im August 2015 reiste Abu Walaa, ein polizeibekannter Hassprediger, zu einem „Islam-Seminar“ im Keller der Fussilet-Moschee in Berlin. Es wurde vom Staatsschutz beobachtet. Wenig später schließt sich auch Amri dem Kreis an. Er wird Verbindungsmann zwischen der Moschee und führenden Köpfen des Terrornetzwerks um Walaa.

Zwei Monate später meldete ihn ein Flüchtling, weil Amri IS-Videos auf dem Handy anschaute. Bald wurde bekannt, dass er über Anschlagspläne spricht, wodurch Amri beim Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen (LKA NRW) zum „Prüffall Islamismus“ wird. Doch das LKA gibt diese Information nicht an andere Behörden weiter.

In NRW vernetzt sich Amri mit weiteren polizeibekannten Islamisten. Ein Bekannter Amris aus der Düsseldorfer Gruppe sagte dem RBB: „Amri war am Anfang immer nett, immer am Lächeln. Später wollte er mich wegen eines Handy angreifen, hat mein Geld geklaut. Er hat jeden versucht anzugreifen aus der Gruppe.“

In einer Koranschule in Dortmund kümmerte sich ein Mann namens „Murat“ um ihn – laut RBB eine Vertrauensperson des LKA, geführt als VP-01. Amris Bekannter aus der Düsseldorfer Gruppe lernte ihn auch kennen. „Er war der Radikalste“, sagte er. Er habe einen angestachelt mit den Worten: „Du hast eh nichts zu verlieren, komm, lass uns da was machen.“

Das LKA erfährt durch VP-01 von den Plänen der terrorverdächtigen Gruppe um Walaa. Doch der Vorwurf bleibt: Das LKA ließ die Persona aus dem Ruder laufen.

Ab Anfang 2016 wird Amri observiert, sein Telefon abgehört. Jetzt wird klar, wie gefährlich Amri tatsächlich ist: Etwa, dass er im Internet nach Rezepten für die Herstellung von Sprengmitteln suchte, oder einen Selbstmordanschlag mit Sprengstoffgürtel plante – „Im Sinne Allahs zu töten“. Amri wird als Gefährder eingestuft.

Im Februar 2016 reist der spätere Breitscheid-Attentäter nach Berlin. Dort wird er von der Polizei erkennungsdienstlich behandelt. Doch sein Handy wird nicht ausgewertet.

Dabei enthielt es, wie sich später zeigte, brisante Informationen: Bilder von Amri in der Moschee, mit Messer, Machete und Pistole und Treueschwur für den IS. In einem Chat zeigte er sich bereit für einen „Dugma“, das Codewort für einen Selbstmordanschlag.

Im „Gemeinsamen Terrorabwehrzentrum“ von Bund und Ländern in Berlin, wo das BKA, LKAs und Geheimdienste ihr Vorgehen koordinieren, steht der Name Amri sieben Mal auf der Tagesordnung, doch es wird nichts Konkretes unternommen.

Die Berliner Fussilet-Moschee, in der Amri verkehrt, wird über Jahre nicht verboten. Hauptgrund: Der zuständige Beamte ist dauerkrank. Eine Kamera liefert rund um die Uhr heimlich Bilder von der Moschee. Amri wird beschattet, seine Telefone abgehört. Weil das Handy noch immer nicht ausgewertet ist, bringt das alles jedoch nichts.

Schließlich stellt die Berliner Polizei die Beschattung ganz ein – obwohl Gerichte eine weitere Observation beschlossen hatten und obwohl Amri auf der Prioritätenliste islamistischer Gefährder in Berlin zu der Zeit als Nummer 1 geführt wurde.

Vier Monate vor dem Anschlag vergeben die deutschen Behörden zwei Großchancen, den Gefährder aus dem Verkehr zu ziehen. Amri verbringt wegen gefälschter Pässe sogar eine Nacht in Haft. Doch weil das Gericht in Ravensburg keine Informationen zu Amri von den anderen Behörden erhielt, reichte dies weder für eine Verlängerung der Haft, noch für die Abschiebehaft.

9 Wochen vor dem Anschlag wird das Gemeinsame Terrorabwehrzentrum alarmiert: Laut Erkenntnissen des marokkanischen Geheimdienstes wettere Amri gegen Deutschland als Land der Ungläubigen. Amri führe ein „Projekt“ aus. Das ist den deutschen Polizei-Kollegen offenbar nicht konkret genug: Es wird nur eine „Prüfung“ angeordnet.

Wenig später wird nach Observation auch die Telefonüberwachung eingestellt – von ausgerechnet jener Telefonnummer, über die Amri später das Bekennervideo verschickt. Das LKA NRW fragt, wo Amri sich aufhält, doch die Berliner Kollegen antworten nicht. Mittlerweile wird die Moschee nicht mehr abgehört, Bilder hergestellt, aber nicht ausgewertet.

Am 28. Dezember um 21:08 Uhr, also 23 Stunden vor dem Anschlag, trifft Amri einen tunesischen Top-Gefährder, gegen den wegen Terrorverdachts ermittelt wird. Dieser hat offenbar schon ein halbes Jahr zuvor den späteren Tatort ausgekundschaftet. Die Fotos zeigen laut Analyse „geeignete Schwachpunkte (fehlender Poller / Absperrung)“.

Doch der vielleicht wichtigste Zeuge wird abgeschoben – selbst nach dem verheerenden Anschlag funktioniert die Kommunikation nicht.

Dagegen bekommen die Opfer und Hinterbliebenen des Terroranschlags immer wieder bürokratische Kälte zu spüren. In der starken Rekonstruktion des RBB kommen auch sie zu Wort. Sie sehen sich, statt als Opfer, die sie sind, sogar teilweise in die Täterrolle gedrückt.

„Ich erwarte von der Politik, dass endlich mal Verantwortung gezeigt wird, dass bekannt wird, dass der Staat hier total versagt hat“, sagt Astrid Passin, die bei dem Anschlag ihren Vater verloren hat.

Vielleicht trägt diese Dokumenation ja dazu bei.

Quelle: Noizz.de

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Dokumentation des RBB