Jetzt kommen Trucks und Kräne.

Eisen in der Größenordnung von sechs Eiffeltürmen wird hier abgebaut – täglich. Fast durchgängig sind Züge zu hören, die das Eisen in die Welt bringen. Sieben Tage in der Woche, 365 Tage im Jahr.

Willkommen im Eisenherz der Europäischen Union. Willkommen in Schweden. Willkommen in Kiruna.

Die Stadt mit rund 18.000 Einwohnern liegt irgendwo im fernen Norden Schwedens, 100 Kilometer nördlich des Polarkreises. Hier lassen sich die wunderschönen und farbenfrohen Polarlichter sehen, im Winter ist es oftmals bitterkalt – und dunkel.

Nach Stockholm sind es 1200 Kilometer, eine Höllentour oder -tortur, die Tage dauern kann. Im Sommer scheint hier 50 Tage am Stück die Sonne, im Winter ist es für 20 Tage stockduster.

Dunkel wird es nun auch für die Einwohner der Kleinstadt: Der Ort, der erst seit 1900 den Namen „Kiruna“ trägt und erst durch den Abbau von Eisenerz groß wurde, wird komplett verlegt, die Stadt „devastiert“ – wie es im Fachjargon heißt.

Obwohl hier bereits seit Ewigkeiten Eisenerz abgebaut wird, hätte nie jemand mit diesem Boom gerechnet: Schiffs- und Wolkenkratzerbau in Südostasien florieren wie nie, die Nachfrage nach Eisenerz steigt gefühlt sekündlich. Und auch die Europäer brauchen Eisen für die Autoindustrie.

Das Schicksal Kirunas ist an das Vorkommen gebunden. Hier liegen 78 Prozent der Vorkommen der Europäischen Union, hier findet sich mit das pureste Eisenerz auf unserem Planeten, hier im kalten Norden gibt es ansonsten nichts. Landwirtschaft ist undenkbar.

Deshalb mussten Lösungen gefunden werden. Nach außen ging es auch bereits. Es gab nur noch eine Richtung: Unter die Stadt Kiruna. Die Mine aufzugeben war nie eine Option.

Was dann passieren könnte, will man sich lieber nicht ausmalen. Möglich wäre der komplette Kollaps der Stadt in das unter dem Zentrum befindliche Eisenerz-Loch. Stellt euch einfach den Krater eines Meteoriteneinschlags direkt unter euren Straßen vor. Stabil wäre das wohl nicht.

Also gab es nur eine einzige Lösung für den Staat, der 100 Prozent der Anteile an der Betreiberfirma LKAB hält: Die Stadt muss umziehen. Drei Kilometer weit weg, weit weg vom Epizentrum der Mine. So etwas hat es weltweit noch nie gegeben. Die Entscheidung für den Umzug fiel vor etwa 13 Jahren – jetzt ist die Zeit reif.

Dazu wird für Kiruna – der Name bleibt – ein neues, kompakteres Stadtzentrum gebaut, das sich weit abseits der Mine befindet. Häuser, Läden und historische Gebäude werden auf Trucks und durch Kräne hierher umziehen. Dazu gehört auch die historische Kirche – 2001 wurde sie zu Schwedens schönsten Gebäude gekürt.

Die Gebäude der Altstadt, die sich am nähesten an der Mine befinden, werden zerstört. Das Gelände wird zu einem naturbelassenen Park.

Noch nicht alles verstanden? Hier gibt es ein Erklärvideo:

Der Umzug soll 20 bis 30 Jahre dauern... Dann mal viel Spaß!

Quelle: Berkeley Sqares