Bis zum 29. Juni gilt vorläufig noch das Kontaktverbot, um die Coronapandemie einzudämmen. Was danach kommt, weiß keiner so Recht. Wieso fühlt es sich gerade jetzt komisch an, zurück ins Büro oder ins Restaurant zu gehen? Wir haben uns Tipps von Experten geholt.

Als Mitte März von heute auf morgen das öffentlich Leben heruntergefahren wurde, war ich zunächst ein wenig selbst von mir überrascht: Schnell schaltete mein Kopf, meine Psyche und mein Körper auf Krisenmodus um, und nahm die ungewöhnlichen Zustände, die Einschränkung, hin. Meine neuen Routinen funktionierten verdammt gut: Normal früh aufstehen, frühstücken, Jobben nur am Arbeitsplatz, mittags ein Spaziergang, Skype-Calls und Yoga, statt Restaurantbesuche Essen bestellen und Drinks auf Distanz.

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Ich fühlte mich meistens ziemlich ausgeglichen – dadurch, dass ich nur morgens und abends die Coronablogs der Medienwelt checkte, hatte ich auch keine Reizüberflutung und kaum Angstgefühle. Alles nur ein bisschen unklar. Einzig mit der Maskensache konnte ich mich nie anfreunden, seitdem sie Pflicht ist. Liegt vielleicht auch daran, dass ich Brillenträgerin bin, die ohne extrem blind wäre – die Maske sorgt, egal mit welchen Tricks und Gimmicks, dafür, dass die Gläser mal mehr, mal weniger beschlagen.

Doch kein einsamer Sommer auf Distanz?

Sind Spaziergänge vielleicht bald auch ohne Maske möglich?

Jetzt, wo die Zahlen an Neuinfektionen sinken, scheint alles langsam wieder normal zu werden – natürlich trotzdem mit gewissen Einschränkungen. Aber vieles scheint wieder möglich, wo vor einem Monat noch gesagt wurde, darüber können wir uns vielleicht im Herbst unterhalten. Mental hatte ich mich schon auf einen Lonely-Summer eingestellt. Nun freue ich mich irgendwie, dass dem wohl doch nicht so wird, und fühle mich trotzdem ausgebremst.

Bei dem Gedanken wieder ins Büro zu gehen und beim Gang im Gebäude, wenn ich mir einen Snack holen will oder mal auf die Toilette gehen will, immer die verhasste Maske tragen zu müssen, geht es mir irgendwie nicht gut. Wenn von einem Tag auf den anderen panisch ins Homeoffice gegangen wird, scheint es jetzt schräg noch während eines bundesweiten Kontaktverbots doch ins Büro zu gehen. Noch dazu bin ich darauf angewiesen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit zu fahren. Auch dieser Gedanke stößt mir unwohl auf.

Wieso fällt es mir nur so schwer, zurück in den (neuen) Alltag zu gehen?

Draußen wieder in ein Café zu gehen? Für mich noch eine mulmige Vorstellung.

Der Weg zurück in die Normalität mit Covid-19 im Hintergrund sorgt für mehr Stress, als mich zu isolieren, wenn ich ehrlich bin. Während alle Welt Probleme mit Isoliertsein und Quarantäneroutinen hatte, ging das supereasy für mich. Dabei war ich vorher auch nicht die Stubenhockerin schlechthin: Ich war immer viel unterwegs, habe mich gerne und oft unter der Woche verabredet.

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Und jetzt soll ich das sichere und lieb gewonnene Refugium verlassen, während die unsichtbare Bedrohung SarsCov-2 noch immer nicht weg ist, es keine Impfung gibt? Ich glaube, ohne ein paar Tipps und Ratschläge von einem Experten schaffe ich das nicht. Als ich Freunden davon erzählte, dass ich den Gedanken daran nächste Woche wieder ins Büro zu gehen, seltsam und irgendwie auch einschüchternd finde, weil es auch irgendwie einen gewissen Druck aufbaut und das Gefühl gibt, man vertraue doch nicht ganz meiner Produktivität im Homeoffice, war zwar niemand abweisend – aber so richtig nachvollziehen konnten es viele auch nicht.

Was also tun?

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Genau das habe ich Marcel Schütz gefragt. An der Universität Oldenburg forscht und lehrt er zu den Themengebieten Gesellschaft und Ordnung – klingt nach idealen Voraussetzungen um mein Post-Lockdown-Trauma zu ordnen. Und er beruhigt mich erstmal: Ich bin nicht alleine mit meinen Bedenken und Schwierigkeiten. Woher dieses flaue Gefühl allerdings kommt, lässt sich jetzt nicht ganz so genau sagen.

Für Schütz spielen aber auch das politische Handeln und die Darstellung der Krise in den Medien eine entscheidende Rolle dabei: "Das Reden über Lösungen bestimmt die Lage momentan teilweise mehr als die Lösungen." Statt geschlossen zu agieren, spalte sich unserer Gesellschaft in vielen Bereichen. Manche finden eine Maske in den Öffis übertrieben und verzichten demonstrativ darauf, während andere weiterhin alle erarbeiteten Regeln befolgen.

Dieser Effekt werde auch verstärkt durch zahlreiche Statements von Journalist*innen und Wissenschaftler*innen sowie Interessenvertretungen aller Ar, erklärt mir der Soziologe. Und auch der Virologenstreit darüber, welche Zahlen denn nun wie aussagekräftig sind, habe zu weiterer Verunsicherung geführt. "Manche Entscheidungen lassen sich aber nur nach und nach treffen", sagt Schütz. Politik und Medien fordern hingegen ein sofort und das löst in uns ein Unwohlsein aus.

Wieso war es für manche schwieriger, in die Quarantäne zu finden, für andere ist es hingegen schwieriger, mit den neuen Lockerungen umzugehen?

Immer schön die Maske auf!

"Es gibt Hinweise aus der Psychologie, dass wir abhängig von unseren biografischen Bedingungen, den materiellen und räumlichen Ressourcen und den bisherigen Erfahrungen mit Krisen oder Einschränkungen unterschiedlich auf eine solch buchstäblich einengende Lage reagieren", betont Schütz. Sprich: Wer weder überzogen optimistisch noch zutiefst pessimistisch ist, kann mit Krisensituationen tendenziell länger und besser umgehen.

"Natürlich kann man Menschen nicht verordnen, jetzt doch mal bitte ihre schlechte Stimmung abzulegen. Es ist eine Sache der Disposition: Inwieweit wird es mir ermöglicht, mein bisheriges Leben fortzusetzen und mich passend einzurichten?", erklärt der Soziologe. Auch das Umfeld spielt eine Rolle, wie Situationen auf uns einwirken. Haben wir Leute bei uns, mit denen wir offen darüber reden können, oder sind wir allein mit unseren Gedanken?

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Als das Coronavirus sich in Deutschland immer weiter ausbreitete und unser gesellschaftliches Leben nach und nach immer mehr in die eigenen vier Wände verlegt wurde, hatte ich ein einfaches Mittel: Routinen schaffen. Zu alten Mustern zurückzukehren ist nun hingegen nur schwer möglich, obwohl ich zurück in alte, bekannte Situationen gehen soll. Wieso das zu nicht so einfach ist, liegt auch daran, dass ich gerade keine Erfahrungswerte darüber habe, wie mein Alltag nun aussieht.

Auch aufs Umfeld kommt es an!

"Die gegenwärtige Lage führt vor Augen, dass ein gutes Homeoffice nicht damit getan ist, dass man sich irgendwo Zuhause hinsetzen und noch einen PC aufstellen kann. Genauso wenig ist jeder Wohnort für längere Freizeitbeschäftigungen wie gemacht", erklärt Schütz. Er rät, immer nur dann Veränderungen vorzunehmen, die den eigenen Bedürfnissen im Alltag gerecht werden oder ihn erleichtern.

Und was bedeutet das nun für meinen Alltag?

Es klingt blöd, aber auch hier ist Kommunikation wohl der Schlüssel zum Erfolg, wenn ich der Einordnung des Soziologen vertraue. "Ich halte es zum Beispiel für weniger produktiv, jetzt für alle Personengruppen einheitliche Regelungen zu schaffen", sagt Schütz. Also möglichst viele, individuelle Konzepte ermöglichen. Das kann zum Beispiel sein, dass ein Arbeitgeber es freistellt, ob man schon ins Büro zurückkehrt oder doch noch weiter im Homeoffice bleibt.

Auch sogenannte "Wiedereinstiegsrituale" können einem dabei helfen, mit dem normalisierten Alltag wieder klar zu kommen. Dabei muss man unter Umständen natürlich auch improvisieren und erfinderisch werden. "Mit einem guten Freund bin ich dann so verfahren, dass wir uns einmal die Woche — mit Distanz — zum Spaziergang treffen. Jeder griff sich einen Kaffee vom Bäcker und so ging es dann durch die Stadt, bevorzugt da, wo man weniger auf Leute trifft", erzählt mir Schütz von seinen eigenen Erfahrungen. "Das ist ja eigentlich auch ganz schön, wenn es hilft, zu erfahren, was andere so machen und zu wissen, dass man 'nicht alleine alleine' ist."

Geh doch mal wieder raus!

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Zugespitzt kann man also auch sagen: Wir sind alle Opfer einer schrittweisen Normalisierung. "Wenn andere weniger Abstand halten, besteht das Risiko, dass wieder andere es ebenso halten. Das ist eine Enthemmung, die durch die Lockerungen begünstigt wird. Auch durch das Sommerwetter, das uns nun vermehrt vors Haus lockt", findet Schütz. Er rät, zunächst für sich selbst herauszufinden, wie viel Nähe und Dabeisein für einen persönlich ausreichen und okay sind.

"Natürlich ist das auf Dauer keine Lösung, sich zu verbarrikadieren", weiß auch Schütz. Wenn man sich an den offiziellen Bestimmungen orientiere, könne man aber ein gutes Gefühl dafür bekommen, was geht und was nicht. "Die wurden ja von Leuten gemacht, die sich dabei etwas denken. Ich gehe davon aus, dass die meisten Leute ein ganz gutes Gefühl haben, ab wann sie sich unwohl fühlen in sozialer Umgebung." Auch Bewegung an der frischen Luft und Sport können helfen. "Nicht nur, weil man hier etwas für den Körper tut, sondern auch, weil es die Sinne und den Horizont anregt. Gerade Sport hat die gute Nebenwirkung, sich das kontrollierte Gefühl der Belastung zu verschaffen; also: Gefordert sein", sagt Schütz. Danach könne man viel besser entspannen.

  • Quelle:
  • Noizz.de