Clara Gärtner* lebt in Schwedens Hauptstadt Stockholm und arbeitet dort an einer Hochschule. Das skandinavische Land geht einen Sonderweg. Vor einer Ausbreitung des Coronavirus haben eher die Jüngeren Angst. Sie sagt: " Es wird keine Panik gemacht, alle sind locker – aber vielleicht ist ein bisschen Panik genau das, was wir in Stockholm brauchen!" Uns erzählt sie hier ihre Erfahrungen.

+++ Update: Dieser Text entstand, bevor die schwedische Regierung am 27. März 2020 ein Versammlungsverbot von Gruppen mit mehr als 50 Menschen erlassen hat. +++

Mein neues Jobleben spielt sich über Zoom ab – sogar Fika, die in Schweden essenzielle Kaffeepause, läuft jetzt über Zoom. Seit einigen Tagen ist die Hochschule für alle Studierenden geschlossen, wir Lehrkräfte können uns aussuchen – sofern wir gesund sind –, ob wir von Zuhause online unterrichten, oder aber doch hinkommen. Denn nicht jeder hat eine stabile Internetleitung daheim.

Abgesehen davon, hat das Coronavirus unser Leben in Stockholm wenig beeinflusst: Die Busse in die Außenbezirke wurden um 20 Prozent reduziert, die in der Innenstadt fahren aber ganz normal. Was dann dazu führt, dass alle, die aus den Vororten in die Stadt zur Arbeit fahren, sich in vollere Busse als sonst quetschen müssen. Wohl eher kontraproduktiv. Die Tunnelbana, die Stockholmer U-Bahn, fährt hingegen ganz normal weiter.

Bei mir herrscht Ratlosigkeit ...

Bald steht Ostern an, in Schweden ist das ein großes Happening – alle fahren raus zu ihren Verwandten aufs Land, in die Skigebiete, bloß weit weg von der Stadt und erholen. Darauf will auch jetzt kaum jemand verzichten. Helsinki riegelt sich ab, und wir verteilen die Stockholm-Viren munter im ganzen Land. Wenn auf Insta ein Foto von vollen Pisten gepostet wird, sind alle Kommentare drunter von Schweden superverärgert. Grundsätzlich, finden die Schweden also richtige Quarantäne wichtig, aber es gibt einige, die es eben nicht einsehen.

Foto aus den schwedischen Skigebieten auf Social Media.

Wenn ich joggen gehe, nimmt keiner Abstand – sie kommen sogar gefühlt immer näher. Ich versteh auch gar nicht wieso. Viele junge Leute nehmen oft etwas mehr Abstand, aber andere versuchen es nicht einmal. In allen anderen Ländern wird die Jugend aufgerufen, keine Coronapartys zu feiern und sich ein bisschen zusammenzureißen – bei uns liest man in den schwedischen Zeitungen Artikel wie "Wir geben die Freiheit nicht für die Jugend auf!" Der Staatsminister Stefan Lövfen hält eine Rede an die Nation, in der er vor allem die Älteren explizit dazu aufruft, bitte drinnen zu bleiben und auch Verantwortung zu übernehmen.

>> Nicht einmal Temperatur-Kontrolle: So bin ich als Student aus einem Corona-Risikogebiet nach Hause gekommen

Die Cafés und Restaurant draußen sind genauso voll, als wenn es keine Pandemie in Europa gehen würde. Freunde treffen sich zum Fika, quatschen nah beieinander. Alle Geschäfte haben normal geöffnet, die Schulen eigentlich auch, manche entscheiden sich aber, online Unterricht zu machen. Kindergärten sind auch normal geöffnet. Im Fernsehen sieht man dann auch Beiträge über die Situation und viele Leute gehen auf die Märkte und sagen dann sowas sorgloses wie: "Ja, ich esse eben gerne Aal, den muss ich hier kaufen" oder "Mein Nachname ist gesund, mir passiert schon nichts!" – sein Nachname ist wirklich "Frisk", was auf Schwedisch eben gesund heißt, aber trotzdem schüttelt man da den Kopf.

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Instagram
Um mit Inhalten aus Instagram und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Ich finde es eigentlich echt angenehm, dass wir nicht so eingeschlossen sind, wie alle anderen

Aber auf der anderen Seite bereitet es mir schon ein mulmiges Gefühl, dass viele einfach sehr wenig Verantwortung übernehmen. Ich habe auch viel Kontakt zu anderen Deutschen, die nach Schweden ausgewandert sind. In einer Facebook-Gruppe regen die sich richtig krass über die schwedischen Reaktionen auf – es ist richtig heftig, dass alle Schweden dumm und naiv seien, in einem teilweise sehr verletzenden Ton. Das finde ich wirklich übertrieben. Sie diskriminieren da eine ganze Gruppe Menschen. Es ist nun wirklich auch nicht so, dass Nichts unternommen wird.

Die schwedische Gesetzgebung sieht so etwas wie einen Ausnahmezustand eben nicht vor. Daher darf der Staatsminister nichts alleine entscheiden, sondern nur die Folkhälsomyndigheten, das ist die Volksgesundheitsbehörde. Die Hochschulen helfen auch: Sie sammeln Material für Schutzmasken und stellen teilweise Handdesinfektionsmittel her.

Langsam kommt es vielleicht ein bisschen bei den Leuten an: Die Straßen werden ein bisschen weniger voll, es fahren mehr Leute Rad als sonst. Die Zahl der Toten in Stockholm ist angestiegen in den vergangenen Wochen, vielleicht rüttelt das die Leute wach. Offizielle Einschränkungen oder Verbote gibt es aber nicht. Wenn jemand an Corona erkrankt, muss derjenige auch in Quarantäne. Das Problem ist nur, dass wenig getestet wird. Nur, wenn man keine Risikogruppe ist oder im Ausland war und man superakute Symptome hat. Da wir wenig testen, haben wir keine richtigen Zahlen.

>> Mehr dazu findest du in diesem Artikel: Greta Thunberg über Coronavirus: "Extrem wahrscheinlich, dass ich es hatte"

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Twitter
Um mit Inhalten aus Twitter und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Zwischen Handeln und abwarten

Es wurde in den vergangenen Jahren auch sehr viel im schwedischen Gesundheitswesen privatisiert und eigentlich gibt es im europäischen Vergleich sehr wenig Kapazitäten für Intensivpflegefälle. Da fragt man sich schon, wieso gerade wir so wenig machen. Als es in ganz Europa gerade anfing, wollte ich eigentlich in einigen Wochen verreisen. Ich habe mich gefragt, ob ich das echt noch machen soll – meine Bedenken wurden von Freunden eher runtergespielt: "Ach, was – guck' erst mal, was passiert." Es gab zu dem Zeitpunkt sogar offizielle Statements von der schwedischen Gesundheitsbehörde, dass wahrscheinlich der Höchststand an Erkrankungen wohl bereit erreicht sei.

>> Kampf gegen Covid-19: Großbritannien beschließt strenge Ausgangsbeschränkungen

Schnappschuss aus der U-Bahn in Stockholm: Manche nehmen es doch ernst

Ich glaube, daher kommt auch diese gewisse Sorglosigkeit bei allen. Wir kriegen keine Panik, aber irgendwie habe ich den Eindruck, dass wir gerade das jetzt brauchen – einfach um ein bisschen realistischer zu werden. Ich habe nicht den Eindruck, dass alle hier naiv wären – außer vielleicht die, die keinen Abstand halten – aber irgendwie sind wir noch nicht ganz im Ernst-Modus.

* Name von der Redaktion geändert; aufgeschrieben von Sabine Winkler

  • Quelle:
  • Noizz.de