Das Coronavirus, das seinen Ursprung in China hat, ist mittlerweile zur globalen Krise geworden. Wir haben mit sieben jungen Europäer*innen darüber gesprochen, wie sie mit der neuen Situation umgehen: Von "Unsere Medien verbreiten Propaganda, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat" bis "Die Leute arbeiten betrunken und stoned von zu Hause aus. Könnte schlimmer sein."

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Viktor, 26 aus Budapest – Projektmanager bei einer internationalen NGO

Viktor aus Budapest

Am 12. März kam Viktor von einer Geschäftsreise aus der Schweiz zurück nach Hause. Seitdem lebt er in selbst auferlegter Quarantäne in seinem Appartement in Budapest.

Wie fühlst du dich?

Es ist mein sechster Tag in Quarantäne zu Hause. Momentan fühle ich mich gut, aber vergangenen Dienstag hatte ich dann doch eine kleine Krise. Als ich mit dem Arbeiten fertig war, realisierte ich, dass ich weiter hier sitzen musste, am selben Platz, vor meinem Computer. Ich hatte nichts, auf das ich mich freuen konnte, weil nichts passieren würde. Mein Leben hat sich in dem Moment ziemlich sinnfrei angefühlt.

Es half mir dann, mir ein System zu überlegen. Generell habe ich nicht das Gefühl, einen strikt durchgeplanten Tag zu brauchen. Aber jetzt, in dieser Situation, hilft es mir plötzlich sehr.

Ich habe den Esstisch ins Wohnzimmer verfrachtet, damit ich nicht in der Küche arbeiten musste. Ich habe strenge Arbeitszeiten festgelegt. Außerdem koche ich jetzt jeden Tag – und mache Yoga. Yoga ist neu für mich, aber ich habe total erkannt, welche psychologischen und körperlichen Vorteile es hat. Außerdem plane ich, einen Onlinekurs zu belegen.

Was ist die härteste Herausforderung?

Für mich besteht die größte Challenge in der Quarantäne – abgesehen davon, dass ich keine Leute treffen und nicht rausgehen kann – darin, eine positives Mindset beizubehalten; und die Struktur nicht zu verlieren. Ich habe versucht, mich zu entspannen und von der Couch aus zu arbeiten, aber das hat überhaupt nicht gut geklappt. Es ist sehr wichtig, einen richtigen Arbeitsplatz zu Hause zu haben.

Vertraust du den Behörden in deinem Land in dieser Krise?

Ich bin nicht gerade begeistert davon, wie die ungarischen Behörden die Corona-Krise handlen. Ich glaube zwar nicht, dass die Behörden uns falsche Zahlen oder Informationen vorsetzen. Ich denke aber, dass sie zu wenige Tests durchführen lassen, damit die Anzahl der Coronavirusfälle so niedrig wie möglich erscheint.

Wie sieht die Situation in deinem Land aktuell aus?

Bis zum 18. März gab es in Ungarn 58 Fälle, einen Todesfall durch Corona und zwei Genesungen.

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Nina, 30 aus Warschau – Projekt-Managerinn

Nina aus Warschau

Wie fühlst du dich?

Mental geht es auf und ab. Von superpositiven Vibes, während denen ich auf eine bessere Zukunft hoffe, hin zu Sorgen über unsere Welt nach der Pandemie inklusive Gedanken über eine Apokalypse.

Körperlich: Muskelkater! Ich mache gerade einen Haufen Online-Workouts von Yoga-Session bis hin zu Salsa-Stunden.

Was ist die härteste Herausforderung?

Die ganzen Gedanken, die ich habe, sind eine krasse Challenge für mich. Ich habe gerade einmal sechs Tage Quarantäne hinter mir – wie viel kommt da noch und wann sind wir damit durch? Wann werde ich meine Familie und Freunde wieder sehen? Bin ich infiziert ohne Symptome zu haben?

Wie kommst du damit zurecht?

Ich verlagere alle Aktivitäten vom echten Leben ins Virtuelle. Frühstück und den 11:00-Uhr-Kaffee mit Freunden gibt es immer noch – nur jetzt eben via Video-Chat. Yoga-Stunden passieren über Livestream, Apps oder Instagram. Was die Wochenenden angeht, versuche ich etwas Kreatives zu machen. Die Ausstellung sehen, die ich sonst immer besuchen wollte – nur jetzt eben online. Jetzt hab ich wenigstens Zeit dazu. Außerdem versuche ich, andere Leute über mein Social Media davon zu überzeugen, auch zu Hause zu bleiben.

Vertraust du den Behörden in deinem Land in dieser Krise?

In Polen haben wir aktuell eine sehr bezeichnende Situation. Unsere Medien verbreiten Propaganda, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Auf der einen Seite, glaube ich kein einziges Word, das die Regierung von sich gibt – auf der anderen Seite ist der Mensch nunmal so gestrickt, dass er in Krisenzeiten gerne einen Teil seiner Unabhängigkeit in die Hände der Regierung gibt. Ob es mir gefällt oder nicht, so fühlt es sich hier und da dann doch nach Sicherheit an.

Wie sieht die Situation in deinem Land aktuell aus?

Unsere Behörden beteuern immer wieder, das unsere Krankenhäuser gut ausgestattet sind, aber Ärzte und Krankenpfleger sagen etwas anderen. Sie hoffen, dass sie bald endlich Gehör bekommen und mehr Equipment ordern können, um ihre Leben und das von so vielen anderen retten zu können. Wir wissen alle, dass unser Gesundheitssystem nicht auf so eine Pandemie vorbereitet ist. Deshalb bleibt uns nichts anderes übrigen als verdammt nochmal zu Hause zu bleiben.

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Anastasija, 23 aus Belgrad – Studentin (Philosophie)

Anastasija aus Belgrad

Wie fühlst du dich?

Ich habe schon ein bisschen Angst vor dem Virus, aber noch mehr habe ich Angst davor, wie sich die Pandemie auf Serbien auswirken könnte. Ich denke, wir haben eine kritische Situation vor uns – sowohl politisch als auch wirtschaftlich. Das besorgt mich aktuell am meisten, ehrlich gesagt.

Was ist die härteste Herausforderung?

Zuhause zu bleiben, ist definitiv die größte Herausforderung für mich gerade. Uns wurde immer beigebracht, dass Superheros Leute sind, die nach draußen gehen, um die Welt zu retten. Und jetzt müssen wir drinnen bleiben, um diejenigen zu retten, die wir lieben.

Wie kommst du damit zurecht?

Ich versuche, positiv zu bleiben und Yoga zu machen. Mehr kann ich da gerade nicht tun. Abgesehen davon, dass ich viel lese und Filme und Serien gucke, versuche ich mich am Frühjahrsputz. Ich denke auch darüber nach, Klamotten auszusortieren – oder sie an Menschen zu geben, die sie gerade viel mehr gebrauchen können.

Vertraust du den Behörden in deinem Land in dieser Krise?

Überraschenderweise vertraue ich darauf, dass die Regierung alles in ihrer Macht Stehende tut, den Verbreitung des Coronavirus' zu verlangsamen. Ich denke, die Behörden sind schon sehr transparent.

Wie sieht die Situation in deinem Land aktuell aus?

Die Situation in Serbien ist nicht rosig, wir erwarten eine noch krassere Ausbreitung des Virus'. Ich hoffe, dass sich so viele wie möglich in Selbstisolation begeben – damit wir ein Szenario wie in Italien umgehen können.

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Teresa, 29 aus Berlin – Creative Concepter

Teresa aus Berlin

Wie fühlst du dich?

Gerade fühle ich mich gut, aber die Situation ist an sich schon challenging für mich: Ich bin superextrovertiert und liebe es, so viele Leute wie möglich zu treffen. Jetzt muss ich in meiner Wohnung bleiben und kann meine Freunde nur online sehen. Damit kann ich aber leben, solange wir diese Situation gesund überstehen. Ich versuche, optimistisch zu bleiben und freue mich auf das große Re-Opening von Berlin im Sommer.

Was ist die härteste Herausforderung?

Nicht das ganze Gras in den ersten Tagen der Selbst-Isolation aufzurauchen. Mich auf meine Projekte im Homeoffice genauso zu konzentrieren, wie im Büro.

Wie kommst du damit zurecht?

Ich arbeite an privaten Projekten, mache Kreatives, meditiere, gucke Netflix, Dokus und halte so viele Conference Calls wie möglich ab.

Vertraust du den Behörden in deinem Land in dieser Krise?

Ja, tue ich. Natürlich teilen die Behörden nicht all die Informationen, die sie aktuell haben … aber ich denke, die deutsche Regierung macht gerade alles, was in ihrer Macht steht, um die Situation unter Kontrolle zu bekommen.

Wie sieht die Situation in deinem Land aktuell aus?

Gerade ist es in Berlin noch auszuhalten. Es gibt eine Art "Soft Lockdown", bisher keine offizielle Ausgangssperre. Die Leute arbeiten betrunken und stoned von zu Hause aus. Könnte schlimmer sein.

Juliane, 26, Redakteurin aus Berlin

Juliane aus Berlin

Wie fühlst du dich?

Im Moment geht es mir gut, aber ich werde immer ängstlicher, weil Freunde und Familie mich stündlich mit Neuigkeiten über das Virus bombardieren.

Was ist die härteste Herausforderung?

Die schwierigste Herausforderung besteht wahrscheinlich darin, die Tatsache zu akzeptieren, dass das Leben in den kommenden Monaten nicht mehr dasselbe sein wird. Außerdem fällt es mir schwer, mich damit abzufinden, wie ernst die Situation wirklich ist.

Wie gehst du damit um?

Ich versuche, meine Nachrichtenaufnahme zu begrenzen, mit Freunden zu sprechen und jeden Tag bewusst zu checken, wie es mir mental geht. Netflix zu schauen und ausführlich zu kochen ist eine großartige Möglichkeit, mich von Dingen abzulenken.

Wie verbringst du deine zusätzliche Zeit zu Hause?

Im Moment gehe ich immer früh ins Bett und schaue mir mehr Fernsehsendungen und Filme an, als ich wahrscheinlich sollte. Ich habe in meiner Wohnung geputzt und aufgeräumt, was sich sehr produktiv anfühlt.

Vertraust du den Behörden in deinem Land in dieser Krise?

Ich vertraue darauf, dass die Bundesregierung unsere besten Interessen verfolgt, ja. Es gibt derzeit keinen Grund, etwas anderes anzunehmen, und man muss wirklich aufpassen, dass man die Gesellschaft jetzt nicht mit unberechtigten Zweifeln aufscheucht.

Dušan 27 aus Bratislava – Blogger

Dušan aus Bratislava

Wie fühlst du dich?

Ich kann das alles immer noch nicht wirklich realisieren – es fühlt sich an, als wären wir in einem Film. Ich lebe alleine, deshalb vermisse ich jetzt schon mein Social Life.

Was ist die härteste Herausforderung?

Die größte Challenge ist auf jeden Fall, nicht verrückt zu werden in der Isolation – und mir selbst etwas Richtiges zu essen zu machen. Ich koche nämlich eigentlich nie zu Hause. Ich denke, die Quarantäne könnte zwei bis vier Wochen andauern, alles andere kommt mir unrealistisch vor. Es würde die Wirtschaft und das ganze Land so sehr treffen – Leute würden depressiv werden.

Wie verbringst du deine zusätzliche Zeit zu Hause?

Zum Glück kann ich von zu Hause aus Arbeiten. Deshalb hat sich mein Tagesablauf nicht sonderlich verändert.

Vertraust du den Behörden in deinem Land in dieser Krise?

Ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, welchen Informationen man trauen kann und welchen nicht.

Wie ist die aktuelle Situation in deinem Land?

Es geht bisher. Ganz so viele Menschen sind noch nicht infiziert. Es wurden relativ schnell drastische Maßnahmen durchgeführt. Die Grenzen sind geschlossen, genauso wie Flughäfen, Shopping-Center und Schulen.

Rosalie, 23 aus Berlin – Autorin

Rosalie aus Berlin

Wie fühlst du dich?

Ich glaube, in Deutschland ist die erste große Panikwelle vorbei, und die Supermärkte kommen langsam mit den Hamsterkäufen zurecht. Aber noch immer klafft eine große Lücke zwischen unverantwortlichen Menschen, die sich mutig fühlen, wenn sie Bars besuchen und Partys schmeißen, und die nicht verstehen, dass es nicht mehr nur um ihr eigenes Leben geht, und den Menschen, die sich solidarisch zeigen und ihren Nachbarn helfen. Außerdem gibt es immer mehr Schließungen und Regeln, sodass es an immer weniger Möglichkeiten zu Zusammenkünften gibt. Die Stimmung ist nicht so negativ, aber ich denke, das liegt auch daran, dass viele Menschen nicht erkennen wollen, dass dieser Isolationsmodus, in dem wir uns befinden, nächste Woche nicht vorbei sein wird ...

Was ist die härteste Herausforderung?

Ich glaube, im Moment gibt es noch viele Menschen, die die Gefahr der Situation nicht verstehen oder nicht verstehen wollen. Es ist nicht nur ein Problem der jungen Leute. Wenn ich aus meinem Fenster schaue, sehe ich so viele ältere Menschen, die sich besonders um sich selbst kümmern und vorsichtig sein sollten, anstatt das schöne Wetter zu genießen. Die Politiker versuchen, uns im Grunde so viel Freiheit wie möglich zu erhalten. Das wurde aber wirklich schnellausgenutzt, anstatt dankbar zu sein und vernünftig nach den Empfehlungen und Richtlinien zu handeln und diese eben nicht zu festen Regeln und Anordnungen werden zu lassen.

Gerade an diesem Tag befürchten viele Menschen in Berlin eine radikale Abschottung, wie sie Macron diese Woche bereits in Frankreich erklärt hat oder wie wir sie in Italien und Spanien sehen. Obwohl ich für das Vertrauen, das unsere Politiker zunächst gezeigt haben, dankbar war, hoffe ich jetzt auf strengere Regeln, denn mit den bloßen Hinweisen, scheint es nicht zu funktionieren, zumindest für die eigensinnige Berliner Bevölkerung. Aber auf der anderen Seite gibt es zwischen einigen Bereichen eine große Unterstützungsstruktur. Es ist schwer zu sagen, ob das nur meine persönliche Blase ist oder ein größeres Bild der deutschen Gemeinden. Aber die Menschen bieten Unterstützung und Hilfe an, teilen ihre "seltenen Ressourcen" (man denke an Toilettenpapier), um das Fehlverhalten anderer Menschen auszugleichen.

Wie gehst du damit um?

Ich glaube, es gibt eine ganze Reihe von Gruppen. Wir haben diejenigen, die in Panik geraten, auf Fake-News vertrauen oder einen allgemeinen Informationsmangel aufweisen. Sie sind verunsichert und ungewiss in Bezug auf die Situation und die Zukunft, manche haben sogar Angst um ihren Arbeitsplatz. Ihr Handeln ist eindeutig von Furcht geleitet, manchmal auch von Egoismus und Ignoranz.

Dann haben wir die fürsorglichen Menschen, die versuchen, Bewusstsein und Solidarität zu verbreiten. Das Problem ist, dass sie natürlich zu Hause bleiben, aus gutem Grund, was nicht gerade eine laute Art des Aktivismus ist. Auch ihre Online-Posts richten sich nur an eine bestimmte Gruppe von Menschen und die Menschen, die mit diesem wichtigen Bewusstsein konfrontiert werden sollten, treffen einfach nicht auf diese Art von reflektierten aber in der Öffentlichkeit unsichtbaren Aktionen. Und dann gibt es Menschen, die alle Tipps und die neuen Verhaltensregeln ignorieren. Manche sind einfach ignorant, manche wollen die gegebenen Informationen nicht hören oder gar glauben, auch wenn es keinen Grund dafür gibt. Die Politiker und Institute hingegen geben so viele Informationen raus, dass man leicht den Überblick über all die Sondernachrichten, Reden und Gesundheitskonferenzen verliert. Die Regierung agiert recht langsam und appelliert an die Vernunft, was nicht so gut funktioniert. Deshalb gibt es Tag für Tag einige kleinere, neue Regeln, anstatt alles an einem Tag abzuschließen. So gab es zum Beispiel am Wochenende noch immer offene Bars mit besonderen Anforderungen, die allerdings von vielen Leuten missachtet wurden. So viele Leute gingen aus, "solange das noch möglich ist".

Wie verbringst du deine zusätzliche Zeit zu Hause?

Alle Zeitungen, Blogs, Prominente und Berühmtheiten teilen ihre Lieblingssendungen, Bücher und Musik, kuratieren öffentliche Playlists und geben Ratschläge für einige Hobbys, die man in den eigenen vier Wänden umsetzen kann. Das ist sehr schön zu sehen. Außerdem hat das deutsche Fernsehen die Kinderprogramme umgestaltet, sodass Eltern ein wenig Unterstützung erhalten. Die Sender konzentriert sich auf die besten Bildungssendungen zum Beispiel "Die Sendung mit der Maus", sodass der fehlende Unterricht zumindest mit ein wenig Input für die Kinder aufgefüllt wird – das liebe ich.

Vertraust du den Behörden in deinem Land in dieser Krise?

Ich glaube, es gibt nur wenige Menschen, die den Informationen der Regierung misstrauen, auch wenn diese Leute es normalerweise sehr laut tun. Die Politiker und die öffentlichen Medien tun ihr Bestes, um so transparent wie möglich zu sein, und sind nicht so dumm, um zu versuchen, die Krise selbst zu lösen. Es gibt also ein hoch qualifiziertes Expertenteam, das sowohl mit den Medien als auch mit den Politikern zusammenarbeitet. Der Gesundheitsminister Jens Spahn ist in Deutschland nicht sehr beliebt, aber glücklicherweise scheint auch er sich dessen bewusst zu sein und teilt sich die Bühne mit Kollegen und Wissenschaftlern.

Quelle: Noizz.de