Mit der Panik um das Coronavirus entstehen auch die abenteuerlichsten Verschwörungstheorien. Wir haben uns gefragt: Wer verbreitet so etwas und vor allem, warum? Angstforscher Prof. Dr. Jürgen Margraf hat die Antworten.

"Uns steht die Lebensmittelknappheit unmittelbar bevor, Supermärkte werden bald schließen!" – "Es gibt schon längst ein potentes Gegenmittel gegen den Coronavirus – den teilen sich aber nur die Eliten!" – "Der Coronavirus ist gar keine Pandemie, sondern gezielter Krieg!" Verschwörungstheoretiker können dieser Tage so richtig in die Vollen gehen und sich nicht nur ihre ganz eigenen Wahrheiten ausdenken, sondern diese auch noch an eine sowieso schon aufgescheuchte Bevölkerung verbreiten. Und dank Internet und Messaging-Diensten wie WhatsApp geht das mit der Verbreitung auch noch rasant schnell und ziemlich einfach. Jaja, schon klar, das Internet gibt es jetzt nicht erst seit gestern. Aber eine Situation wie das sich verbreitende Coronavirus zu unseren extrem vernetzten Zeiten hat es bisher nicht gegeben.

Ein Angstforscher erklärt, wieso sich Falschmeldungen so schnell verbreiten

Prof. Dr. Jürgen Margraf ist Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Ruhr-Universität Bochum. Er hat eine recht erfolgreiche Therapie gegen Panikattacken entwickelt und beschäftigt sich viel damit, wie wir Menschen seelisch gesund bleiben. In Zeiten von zunehmender Angst und vor allem Unsicherheit aufgrund des Coronavirus ist er ein gefragter Mann. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, warum Menschen falsche Informationen verbreiten, was das alles mit Urängsten zu tun hat und wie wir mit all dem, was gerade passiert, am besten umgehen.

NOIZZ: Herr Prof. Dr. Margraf, warum werden falsche Informationen derartig verbreitet?

Prof. Dr. Jürgen Margraf: Dafür gibt es natürlich nicht nur eine einzige Antwort. Aber wenn hinter den Falschinformationen konkrete Menschen stecken – und nicht etwa Bots – dann gibt es diejenigen, die das, was sie verbreiten, wirklich glauben, und die anderen, die gezielt Unsicherheit und Chaos stiften wollen.

Verunsichert dürften beide Gruppen sein. Verschwörungstheoretiker aller Art sind meistens sehr unsichere Menschen, denen die Wirklichkeit Angst macht. Mit ihren Theorien versuchen sie Sinn in die verwirrende Welt zu bringen und sie zu verstehen. Diejenigen, die ihre Theorien wirklich glauben, denken dann also, sie würden endlich allen die Wahrheit sagen. Die andere Gruppe weiß, dass das, was sie erzählt, Quatsch ist. Sie glauben aber dennoch, dass die Welt wie sie ist, nicht die Wirklichkeit ist und hinter allem eine große Verschwörung steckt. Sie manipulieren dann für einen vermeintlich höheren Zweck. Sie streuen also falsche Infos um aufzurütteln und die Menschen dazu zu bewegen, die Wahrheit zu sehen.

Passagiere tragen bei ihrer Ankunft am brüssler Flughafen Schutzmasken.

NOIZZ: Woher kommt denn der Wille, unbedingt einen tieferen Sinn in dem, was um uns passiert, zu finden?

Margraf: Das hat jeder Mensch. Als wir noch ganz alleine durch den Urwald gelaufen sind und zum Beispiel etwas im Gebüsch geraschelt hat – da haben wir es als Urmenschen auch nicht einfach rascheln lassen. Wir haben versucht, einen Sinn darin zu finden oder einfach herauszufinden, ob es gefährlich ist, was da raschelt. Außerdem haben wir gelernt, dass man bei Gefahr wegrennt – besser rennen als zu Schaden zu kommen.

NOIZZ: Bei den Falschnachrichten über ausgeräumte Lebensmittelgeschäfte werden also auch Urängste getriggert?

Margraf: Ja. Deshalb ist es auch absolut unverantwortlich, Infos zu verbreiten, die Menschen so in Angst versetzen. Vor allem, wenn sie einfach nicht stimmen.

NOIZZ: Wie kann man sich denn am besten davor schützen, eben nicht durch solche Falschinformationen in Panik versetzt zu werden?

Margraf: Wichtig ist, dass wir wirklich unsere Quellen prüfen. Wenn wir Infos bekommen müssen wir uns fragen: Wo sind die Infos her? Wer steckt hinter diesen Infos? Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass wir auch eine gewisse Entscheidungsmacht haben, bei den Infos, die uns erreichen. Natürlich sollten wir uns alle informieren – aber zum Beispiel nicht im Minutentakt. Wir können festlegen, dass wir nur morgens und abends die Nachrichten ansehen und dann ja auch Bescheid wissen. Das hilft schon mal, nicht in Panik zu geraten, weil wir dann nicht das Gefühl haben, dass alle paar Minuten etwas Neues passiert. Wir können schauen, dass wir uns auf ein paar wenige seriöse Quellen beschränken.

Das Preppen haben durch das Coronavirus schon einige für sich entdeckt

NOIZZ: Neben den Hamsterkäufen von Lebensmitteln – was ja noch verständlich ist – werden in Deutschland scheinbar auch Unmengen von Klopapier gekauft. Was hat es damit auf sich? Ist uns Deutschen die Hygiene so wichtig?

Margraf: Ich glaube ehrlich gesagt, es ist weniger tiefgründig, warum wir ausgerechnet Klopapier horten. Vermutlich ist es Zufall: Eine Person hat damit angefangen und langsam aber sicher machen es alle, weil man das Gefühl hat, man muss dasselbe machen, wie alle anderen. Klopapier ist natürlich auch etwas, was zur Grundversorgung gehört und es ist haltbar – anders als vielleicht frischer Salat.

Besteht denn aktuell wirklich die Gefahr, dass wir alle in Panik verfallen?

Margraf: Ich möchte nichts runterspielen oder so. Aber ich habe das Gefühl, dass tatsächlich alle recht besonnen und vernünftig mit der Situation umgehen. Wichtig ist einfach weiterhin, dass wir uns solidarisch und verantwortungsbewusst verhalten und ruhig bleiben.

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  • Quelle:
  • Noizz.de