Die aktuelle Maskenpflicht verdeckt nicht nur Nase und Mund, sondern auch die komplette untere Hälfte deines Gesichts. Wäre doch ein super Zeitpunkt, endlich mal die Hyaluron-Filler auszuprobieren, die du schon so lange wolltest – die du aber, aus Angst vor blauen Flecken und Schwellungen, bisher noch nicht mit deinem Alltag vereinen konntest, oder?

Klingt erst mal nach einer smarten Idee – easy zum Schönheitsdoc schlappen, sich bisschen aufspritzen lassen und nach der (hoffentlich bald endenden) Quarantäne hübscher denn je zurück auf der Bildfläche zu erscheinen.

Ist, nach einmal nachdenken, aber ziemlich dumm. Da draußen sterben Menschen und du denkst drüber nach, was du dir als Nächstes verschönern lässt? Eher uncool – und das vor allem in einer Zeit, in der medizinisches Personal im Zweifel für ganz andere Dinge gebraucht wird.

Das findet auch Professor Werner Mang. Er gilt als bekanntester Schönheit-Doc Deutschlands. In der Vergangenheit hat er sich schon mal damit geschmückt, einen Typ wie Brad Pitt aussehen zu lassen und eine Frau in Pamela Anderson verwandelt zu haben (nur in noch besser), mittlerweile lässt es der Arzt aber ruhig angehen. Er kritisiert den Schönheitswahn unserer Gesellschaft sehr – und auch den damit einhergehenden Trend an immer mehr werdenden Schönheitspraxen und Kosmetikstudios, die Botox, Lipfiller und Co. anbieten.

Professor Werner Mang

Er glaubt, dass die Corona-Krise den Schönheitsmarkt hart treffen wird – was für ihn und seine erfolgreichen Kolleg*innen wahrscheinlich nicht schlimm ist. Mang ist überzeugt: Wer sich als Arzt nicht auf notwendige Eingriffe spezialisiert hat, sondern nur Patient*innen aufhübscht, bekommt jetzt Probleme – weil die Menschen sich hoffentlich darauf besinnen, dass Gesundheit das höchste Gut sei, sagt Mang.

Wir haben mit dem Chirurgen über Corona, den Wendler und seine Laura und Instagram geredet

NOIZZ: Professor Mang, wie beeinflusst die Corona-Krise Ihren Klinik-Alltag?

Werner Mang: Im Landkreis Lindau gibt es drei staatlich konzessionierte Kliniken, wir, die Bodenseeklinik, sind eine davon. Wir sind die ganze Zeit auf Stand-by, wenn die Krankenhäuser überfüllt sein sollten, können wir Nicht-Corona-Patienten übernehmen – dafür halten wir 24 Betten frei. Gott sei Dank gibt es in unserem Landkreis seit einer Woche aber keine Neuinfektionen mehr, die Betten-Kapazität ist voll erhalten.

Führen Sie aktuell noch plastische Operationen durch?

Werner Mang: Nur Notfall-Operationen und nicht aufschiebbare Eingriffe. Hauttumore oder Krebs, Brust-OPs. Über die Hälfte unserer Eingriffe sind ja eh medizinisch indizierte Operationen. Alles, was rein ästhetisch ist, wurde aufgeschoben. Ab Mitte Mai sollte man das OP-Verbot aber dringend lockern, um auch planbare ästhetisch-plastische Operationen wieder durchzuführen. Denn die große Corona-Welle ist nicht gekommen.

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Warum sind Schönheitseingriffe in der aktuellen Situation aktuell teilweise noch erlaubt, teilweise nicht mehr?

Werner Mang: Ich habe mich schon gewundert, dass in Düsseldorf oder Berlin munter weiteroperiert wurde. Das fand ich nicht gut. Von der Politik wurden in den einzelnen Bundesländern unterschiedliche Richtlinien erlassen. Aber gerade jetzt müssten alle zusammenarbeiten und helfen. Heilen und helfen hat Vorrang vor Schönheits-OPs.

"Die Gesellschaft kann in der aktuellen Situation auch mal auf Botox und aufgespritzte Lippen verzichten"

Wenn wir jetzt alle Masken tragen, sieht man Eingriffe wie Lipfiller ja gar nicht mehr – meinen Sie, der Trend geht zurück?

Werner Mang: Ich hoffe, dass die Gesellschaft durch die aktuelle Lage etwas umdenkt. Und dass man sich vielleicht wieder mehr auf den Grundsatz "Gesundheit vor Schönheit" besinnt. Dass es vielleicht weniger Botox, weniger aufgespritzte Lippen und weniger Mega-Brüste geben wird.

Glauben Sie, das schadet ihrer Branche?

Werner Mang: Ich glaube, dass es viele sogenannte Schönheitspraxen nicht mehr geben wird, weil die Leute das Geld nicht mehr haben werden – und weil hoffentlich ein gesellschaftliches Umdenken eintritt. Dass man wieder mehr Respekt vor Pflegepersonal und Forschern hat – und es vielleicht nicht mehr so interessant ist, ob ein Herr Wendler eine Laura heiratet. Es ist schon alles sehr oberflächlich geworden.

Ich mache als verantwortungsbewusster Arzt nur in sinnvollen Fällen Eingriffe mit Botox oder Hyaluronsäure. Und vor allem rekonstruktive Eingriffe: Bauchdeckenstraffung, Brustrekonstruktionen, Gesichts- und Nasenoperationen – die Bodenseeklinik ist eine große Fachklinik. Aber sogenannte "Schönheitsdoktoren" anderer Fachrichtungen sind wie Pilze aus dem Boden geschossen – und wenn es davon ein paar weniger gäbe, wäre das vielleicht auch zu verkraften. Es wäre schön, wenn es eine gewisse Reinigung der Branche gäbe – und man sich auch in der plastischen und ästhetischen Chirurgie wieder auf das Wesentliche konzentriert.

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Sie appellieren also generell für weniger rein ästhetische Eingriffe?

Werner Mang: Nein, aber wenn man überlegt, dass über die Hälfte der Medizinstudenten heute nicht mehr aus Berufung studiert, sondern weil sie einen sicheren Beruf haben wollen bei dem man viel Geld verdienen kann, finde ich das verwerflich. Wir werden in Zukunft immer mehr Probleme mit Viren bekommen – im Medizinstudium muss viel mehr Wert auf Epidemiologie gelegt werden. Die Ärzte- und Gesundheitskammern müssen Ärzte in Zukunft so ausbilden, dass später bei diesen Wellen genug Experten zur Verfügung stehen. Arzt als Berufung – nicht um Geld zu verdienen. Ich selbst habe zum Beispiel die ersten zwanzig Jahre meines Berufes Wiederherstellungs- und Unfallchirurgie gemacht und bin dann erst in das Gebiet der ästhetischen Chirurgie gekommen.

Besteht nicht gerade jetzt das Risiko, dass Menschen noch mehr wie Instagram-Filter aussehen wollen, wenn Social Media gerade der einzige Weg ist, mit anderen zu kommunizieren?

Werner Mang: Na klar – aber das ist ein generelles Problem. Wenn man überlegt, dass sich jede dritte 14-Jährige hässlich findet, wäre es gerade jetzt ein guter Zeitpunkt, dass Eltern wieder mehr darauf achten, ihren Kindern beizubringen, dass man gesund und sportlich ist, dass man lieber etwas für seine Ausbildung macht, als sich jeden Tag die Fingernägel zu lackieren und sich an kranken Instagram-Vorbildern zu orientieren. Wir müssen umdenken: Gesundheit vor Schönheit. Ich bin eh für ein Handyverbot für alle Kinder unter 10 Jahren. Wenn Fünf- oder Sechsjährige ein eigenes Smartphone besitzen und damit einfach Zugang zu Sexfilmchen und Co. haben, das ist furchtbar – aber ein anderes Thema.

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Quelle: Noizz.de