Ein Schweizer Forscher glaubt, dass man die Corona-Sterblichkeitsrate bei Männern vielleicht verringern kann, wenn man das Testosteron im Körper blockiert. Aber ein hoher Testo-Wert ist für viele Männer eine Art Statussymbol – eine riskante Idee also?

Was kommt dir als Erstes in den Kopf, wenn du an Testosteron denkst? Stärke, Maskulinität und Muskeln? Oder ein hohes Aggressionspotenzial? Alles Dinge, die stereotypisch für Testosteron stehen – das im Volksmund auch gerne mal als Männer-Hormon beschrieben wird. (Funfact: Das Sexualhormon kommt bei beiden Geschlechtern vor – unterscheidet sich aber in Konzentration und Wirkungsweise bei Mann und Frau sehr).

An dieser Stelle findest du Inhalte aus YouTube
Um mit Inhalten aus YouTube und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Hoher Testosteronwert gleich erhöhte Corona-Sterberate?

Je mehr Testo, desto besser also? Nein, denn ein Wissenschaftler hat jetzt die steile These aufgestellt, dass der Testosteronwert im Körper Einfluss auf das Sterberisiko bei einer Corona-Erkrankung hat. Die These: Blockt man das Testosteron bei gesunden Männern, sind sie vielleicht besser vor Corona geschützt. Die Beobachtung, dass ein hoher Testosteron-Wert eine Corona-Erkrankung gefährlicher macht, könnte auch erklären, warum Männer doppelt so häufig an dem Virus sterben als Frauen – obwohl die Infektionsraten etwa gleich sind.

Die neue Theorie stammt von Professor Andrea Alimonti von der Università della Svizzera Italiana (die Uni liegt verwirrenderweise in der Schweiz). Er berichtet im Fachblatt "Annals of Oncology" von seinen Beobachtungen: Er habe nämlich herausgefunden, dass Männer, die eine bestimmte Antihormontherapie gegen Prostatakrebs erhalten, offenbar weniger häufig an Corona sterben, als andere Männer – weil sie niedrigere Testosteronwerte haben.

>> Feuchte Aussprache oder „Corona-Wolke“– wie krass verteilt sich Covid-19 beim Sprechen, Joggen und Radfahren?

Androgendeprivation als Corona-Schutz?

Aber der Reihe nach: Alimonti berichtet, dass Krebs (einschließlich Prostatakrebs) in der stark von Corona betroffenen italienischen Region Vento ein hohes Risikofaktor für die Viruserkrankung gewesen sei. Ob das daran lag, dass der Krebs die Abwehrkräfte senkt oder ob bestehende Patienten nur mit größerer Wahrscheinlichkeit getestet wurden, sei unklar. Aber: Bei Männern mit Krebs wurde 1,8-mal häufiger Covid-19 diagnostiziert als bei Männern ohne. Und: Bei Männern mit Prostatakrebs, die mit einer Androgendeprivationstherapie behandelt wurden, kehrte sich dieser Wert um.

Androgendeprivation ist eine Therapieform, bei der die Testosteronproduktion verhindert oder die Bindung an Rezeptoren blockiert wird – da diese Krebsarten von männlichen Hormonen leben und ohne mehr oder weniger "verhungern". Bei fortgeschrittenem Prostatakrebs kann ein Androgenentzug das Wachstum der bösartigen Zellen so hemmen.

Bei Männern mit Prostatakrebs, die keine Hormontherapie machten, lag die Corona-Infektionsrate während des von Alimonti untersuchten Zeitraums bei 0,31 Prozent – bei den mehr als 5.000 Männern in Hormontherapie lag die Rate bei nur einem Viertel davon. Und, noch viel krasser: Ein Sechstel der mit Corona infizierten Krebspatienten starb – aber die, die sich in einer Androgendeprivationbehandlung befanden, überlebten.

"Wir haben festgestellt, dass diejenigen, die wegen Prostatakrebs mit einer Hormontherapie behandelt werden, besser geschützt sind, obwohl alle Krebspatienten ein höheres Risiko für eine Covid-19-Infektion haben als Nicht-Krebspatienten", erklärte Alimonti seine Forschung.

Alimonti These kann bisher aufgrund der geringen Zahlen noch nicht als signifikante Studie gesehen werden. Aber seine Beobachtungen zeigen: Die Hormontherapie, bei der Testosteron gehemmt wird, hat Einfluss auf den Covid-19-Krankheitsverlauf!

Radikale Idee – Hormontherapie für alle Männer?

Der Wissenschaftler hat deshalb eine ziemlich radikale Idee: Er will Männern, die mit dem Coronavirus infiziert sind, kurzzeitig einer Androgendeprivation unterziehen – und rät sogar, dass sich gesunde Männer, die ein hohes Risiko haben, zu erkranken, ADT verwenden, bis ein Impfstoff gefunden ist.

Symbolbild: Corona-Impfstoff

Der Wissenschaftler versichert, dass sich der Testosteronspiegel wieder normalisiert, sobald ein Patient die Hormontherapie wieder aufhört. Aber ob sich dem trotzdem jemand freiwillig unterziehen würde?

Irgendwie fraglich – denn ADT ist auch als chemische Kastration verrufen. Und wenn Männer vor einem Angst haben, dann ist das bei vielen leider auch im Jahr 2020 noch, ihre "Männlichkeit" zu verlieren.

>> Neue Corona-Regeln und sozialer Druck: Ich weiß einfach überhaupt nicht mehr, wie ich mich jetzt verhalten soll

  • Quelle:
  • Noizz.de