Wir haben mit einem Psychologen darüber gesprochen, warum wir überhaupt dazu neigen, in der Isolation durchzudrehen, und was das mit uns macht. Und natürlich haben wir auch Empfehlungen, wie du den Lagerkoller in Corona-Quarantäne möglichst umgehen kannst.

Als ich diesen Text schreibe, bin ich mittlerweile bei Tag 13 in Selbstisolation angekommen. Seitdem arbeite ich im Homeoffice, telefoniere, führe Interviews über Facetime, treffe Freunde in Chats, gehe nur täglich eine Runde zum Spazieren raus, mache Yoga-Sessions statt Schwimmen zu gehen, gehe einmal die Woche einkaufen, benutze kaum Öffis. Nur an meinem Geburtstag habe ich eine Freundin bei mir Zuhause getroffen und damit einen anderen Menschen gesehen, als meinen Freund mit dem ich gemeinsam wohne.

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Langsam merke auch ich, dass das was mit mir macht. Ich habe den Vorteil ein Arbeitszimmer zu haben, das bedeutet ich trenne Job und Freizeit auch in meiner Wohnung. Allerdings hilft das nur bedingt, um ein undefinierbares Gefühl von aufkommender Unruhe zu bekämpfen, neben all den kleinen Riten, die ich mir schon geschaffen habe. Sowas nennt man gemeinhin wohl "Lagerkoller".

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Der Begriff Lagerkoller ist nicht wissenschaftlich definiert, beinhalte aber unsere Verhaltensmuster, wenn wir lange in Isolation leben müssen. Das passiere nicht nur in Epidemiezeiten, sondern auch wenn Menschen in Haft leben – und auch die NASA hat bereits einige Studien durchgeführt, indem sie beobachtet hat, wie Menschen sich in sehr kleinen Gruppen bei langen Raumfahrtmissionen verhalten. Schon merkwürdig, dass so etwas passiert. Über die Gründe kann uns Professor Dr. Stephan Mühlig etwas genauer Auskunft geben. Er ist Inhaber der Professur Klinische Psychologie und Psychotherapie der TU Chemnitz.

"Wir alle befinden uns derzeit in einer so nie da gewesenen und für die meisten völlig ungewohnten Ausnahmesituation"

Für ihn ist einer der wichtigsten Faktoren daran die Ungewissheit der Situation: "Keiner weiß wie lange das dauern wird, es ist für uns alle neu. Das ist besonders quälend, weil es viele verunsichert", sagt der Psychologe. Unsicherheit kann zu Stress führen und dementsprechend emotional belasten. Hinzu kämen für viele Menschen auch echte Existenzängste, weil sie ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen können und auch hier nicht wirklich wissen, welche Folgen die Situation noch haben wird.

Auch in den eigenen vier Wänden über lange Zeit zu sein, könne schnell ganz schön monoton werden. Nun gut, aber wie kann man denn das nun zumindest ein bisschen verhindern? Dr. Mühlig hat zehn Empfehlungen parat, aus denen du vielleicht auch etwas für dich ziehen kannst. Und immer wichtig: Bleibt positiv und denk auch an die guten Dinge in dieser Situation.

1. Behalte deinen Tagesrhythmus bei!

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Es ist aber auch verlockend. Wenn dein Büro die Couch nebenan oder der Schreibtisch ein Zimmer weiter ist, hast du natürlich einen viel kürzeren Weg als sonst. Und dass du nicht geduscht bist oder nur den bequemen Jogger trägst, pff, merkt doch keiner!

Dass du aber trotzdem nicht erst zehn Minuten vor der TelKo aufstehen, sondern deinen Morgen gemütlich starten solltest, hat eigentlich nichts mit anderen zu tun, sondern ist auch für dich extrem wichtig. "Dies schafft eine regelmäßige Tagesstruktur und begünstigt die emotionale Stabilität", rät Mühlig. Gestalte deinen Tag so, wie du es sonst auch tust: Pausen, essen gehen, Sport machen und so weiter eben.

2. Geh an die frische Luft!

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Das Kind braucht frische Luft, ist nicht nur so ein großmütterlicher Spruch, wir brauchen wirklich frische Luft. Wenn wir draußen sind, hat das positive Effekte auf unseren ganzen Körper, wie Dr, Mühlig erklärt: "Bewegung und frische Luft kommt der körperlichen wie der psychischen Gesundheit zugute, das Immunsystem wird angeregt. Wird die Lunge durch moderate Anstrengung belüftet, ist sie besser durchblutet, was wiederum die Infektabwehr auch gegen SARS-CoV-2 unterstützt."

Außerdem kann ein zumindest kurzzeitiger Ortswechsel "die Reizmonotonie" in den eigenen vier Wänden verhindern und steigert so das Wohlbefinden. Also, nichts wie raus mit dir! Aber natürlich nur solo oder mit einer Person deines Vertrauens. Mehr nicht!

3. Mach Sport daheim!

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Du bist sonst eher so der Sportmuffel? Das ist okay, aber gerade jetzt solltest du, darauf achten, dass du irgendwie ausreichend Bewegung bekommst. Nicht umsonst kannst du gerade zahlreiche Sport-Apps für lau runterladen. Sport ist in diesem Zusammenhang auch wichtig für dein seelisches Wohlbefinden.

15 bis 30 Minuten täglich in Bewegung mit möglichst guter Raumbelüftung, können schon ausreichen. Mach einfach, was dir gefällt: Seilspringen, Kniebeugen, Liegestütze, Sit-ups oder auch Yoga. "Regelmäßige moderate sportliche Beanspruchung bis zum leichten Schwitzen stabilisiert das Herz-Kreislauf-System, die Immunabwehr, aber auch das psychische Wohlbefinden und dient dem Spannungs- und Stressabbau", sagt Dr. Mühlig dazu.

4. Verzichte auf Alkohol und Zigaretten, soweit es geht

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Ja, ihr müsst stark sein. Eure Laster tun euch auch in häuslicher Isolation nicht gut, im Gegenteil sie wirken noch verheerender als sonst. Der Grund dafür ist in Corona-Zeiten sehr schwerwiegend: Sie schaden dem Immunsystem und im Fall vom Rauchen auch der Lunge, wie der Psychologe erklärt:

"Eine vorgeschädigte oder akut gereizte Lunge ist wahrscheinlich mit einem erhöhten Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf verbunden, falls Raucher sich infizieren und erkranken sollten. Auch Alkoholkonsum ist nicht hilfreich. Alkohol tötet Viren nur im Reagenzglas. Alkohol in der Blutbahn schützt hingegen nicht vor einer Virusinfektion, stört aber das Immunsystem. Dies gilt auch für andere Drogen."

5. Du vermisst deine Liebsten? Telefoniere, Skype, Facetime!

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Wir Menschen sind nicht zum alleine sein gemacht. Deswegen fällt das Kontaktverbot uns besonders schwer, denn gerade in Krisenzeiten sind wir es gewohnt, eher aneinanderzurücken, als uns zu entfernen. Aber Gott sei Dank haben wir im Gegensatz zu früheren Generationen das Internet.

Auch Dr. Mühlig rät aus psychologischer Sicht, die Kommunikationsmittel zu benutzen, um Vereinsamung vorzubeugen: "Wir können uns in Echtzeit schreiben bzw. chatten, telefonieren und uns per Videochat sehen und unterhalten, fast als säßen wir uns gegenüber. Man sollte diese Möglichkeiten voll ausnutzen, Kontakt halten und den Austausch mit möglichst vielen Angehörigen, Freunden und Bekannten über Social Media suchen. In einer schwierigen Situation kann man sich über Erfahrungen austauschen und sich gegenseitig unterstützen."

6. Du brauchst Hobbys. Viele. Und mit Abwechslung.

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Monotonie ist unser Feind. Unser Gehirn mag das nicht, es macht uns kirre. Deswegen ist nur Netflix durchsuchten, keine gute Lösung für deine Quarantäne. Du brauchst Abwechslung, vor allem wenn deine Umgebung 24/7 die Gleiche ist. Vor allem, wenn die Isolation über mehrere Wochen geht.

"Wichtig für die emotionale Stabilität ist es, sich Aufgaben zu suchen, mit denen man in der Wartezeit produktiv bleiben kann", rät der Experte. Also probier mal was Neues aus. Kochen, malen, backen, lesen, Gesellschaftsspiele – es gibt so viele Möglichkeiten.

7. Balance zwischen Zusammensein und Für-sich-sein finden

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Wenn man lange auf einem Fleck zusammen lebt, fällt dieser Punkt gerade in einer WG oder einer Partnerschaft zunehmend schwer. Man geht sich auf die Nerven, wie an Weihnachten, wenn die Familie zusammentrifft. Kleinigkeiten können einen extrem nerven.

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"Hier gilt es, eine gute Balance zwischen Zusammensein und Für-sich-sein zu finden. Dazu zählt in erster Linie, die eigene Privatsphäre zu schützen und die der anderen zu respektieren", sagt Mühlig. Dafür muss man sich eigene Rückzugsräume und -möglichkeiten schaffen. Das geht leichter in einer großen Wohnung, kann aber auch im Kleinen funktionieren. Dann gehört dir eben das Sofa, und deiner Freundin oder Freund der Küchentisch.

8. Du brauchst jetzt Regeln für das Zusammenleben im Haushalt

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Klingt super Alman, aber ohne wird das nicht gut gehen. "Zur gegenseitigen Rücksichtnahme gehört auch, eine gemeinsame Ordnung im Haushalt und Regeln des Zusammenlebens zu finden", meint Dr. Mühlig. Weil, ganz logisch: "Wenn alle mehr Rücksicht aufeinander nehmen, gibt es weniger Anlass zum Streit. Wenn man sich nicht aus dem Weg gehen kann, sollte man Konflikte vermeiden oder schnell regeln."

Für ein angenehmes Zusammenleben ist es auch hilfreich, einige Aktivitäten mit allen Haushaltsmitgliedern regelmäßig gemeinsam zu machen, etwa das Ritual gemeinsamer Mahlzeiten, aber auch gemeinsame Freizeitaktivitäten wie Gesellschaftsspiele, Basteln oder puzzeln.

9. Auf seriöse Informationsquellen achten

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Ja, es ist wichtig, informiert zu sein, und über alle Entwicklungen in der Coronakrise Bescheid zu wissen. Aber man kann auch zu viele Informationen bekommen und vor allem auch: die Falschen. Das kann noch mehr verunsichern, statt dich zu beruhigen. "Andererseits gibt es trotz allem keinen Grund, in Panik zu verfallen. Wir leben in einem reichen Land mit vielen Ressourcen und werden diese Krise letztlich durchstehen", sagt Dr. Mühlig.

Halte dich also täglich auf dem Laufenden, aber achte auf deine Informationsquellen. Die Informationen der Bundes- und Landesregierung sowie des Robert Koch-Instituts sind eine gute Basis. Fake News hingegen verführen zu falschen Einschätzungen und falschem Handeln. "Sie sind insofern gefährlich, weil Nichtbeachtung von Sicherheitsempfehlungen uns alle gefährdet", betont der Psychologe außerdem.

10. Finally: Wenn es dir zu viel wird, habe keine Angst dir Hilfe zu suchen

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Wie zu Beginn betont, diese Situation ist für uns alle neu. Viele von uns finden gerade erst zum ersten Mal heraus, wie sie überhaupt in Ausnahmesituationen reagieren oder funktionieren. Wenn dir alles zu viel wird, habe keine Scham oder Angst, dir Hilfe zu suchen.

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Wer den Eindruck hat, mit der Situation überfordert zu sein, oder unter Angstzuständen, Unruhe, starker Anspannung, Überaktivität, Gereiztheit, aggressiven Ausbrüchen oder ausgeprägter Niedergeschlagenheit leidet, sollte rechtzeitig mit dem professionellen Hilfesystem zum Beispiel den Beratungsstellen bei den Krankenkassen, Sorgentelefon, psychotherapeutische Beratungsstellen, Kontakt per Telefon oder E-Mail aufnehmen.

Quelle: Noizz.de