Was bedeuten Selbst-Isolation, ausgefallenes Datingleben und Frustration über die Coronakrise für mögliche Sexualstraftäter und -Opfer in unserer Gesellschaft? Wir haben mit vier Experten – darunter Psychologen und Sexualtherapeuten – über die gefährliche, soziale Situation gesprochen.

Corona ist eine Krise, das steht bereits seit einigen Wochen fest. Doch es ist nicht nur eine gesundheitliche und wirtschaftliche Krise, sondern für viele auch eine emotional und psychische. Wem dieser Tage etwas an der eigenen Gesundheit und der Gesundheit von geliebten Menschen in Risikogruppen, wie Großeltern, liegt, der begibt sich in die freiwillige Isolation oder auch Corona-Quarantäne, wie man es dieser Tage so gerne salopp formuliert (auch wenn es natürlich keine Quarantäne ist).

Das ist zwar gerade das Sinnvollste, was man machen kann, doch für viele Menschen bedeutet es eine starke Belastung der Psyche. Angststörungen und Depressionen verschlimmern sich, Essstörungen werden von dem fehlenden Alltag getriggert. Gerade für viele Frauen und einige Männer steigt nun auch die Gefahr, häusliche oder sexualisierte Gewalt oder sexuelle Nötigung zu erfahren.

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Coronavirus: Experten rechnen mit mehr Gewalt gegen Frauen und aggressiveren Männern

"Wir rechnen mit einer Zunahme ganz allgemein im Bereich der häuslichen Gewalt, diese zeigen auch die Erfahrungen in anderen Ländern. Es gibt kaum Rückzugsmöglichkeiten, soziale Kontakte und Sport sind nur noch sehr eingeschränkt möglich, insofern kann mit der Zunahme von Aggressionen innerhalb eines Haushaltes gerechnet werden, insbesondere, wenn bereits vorher schon (sexualisierte) Gewalt eine Rolle spielte", erklären Homa Mosavi und Silke Janke-Nitsche vom Frauenkrisentelefon e.V. im NOIZZ-Interview. Aus Spanien und Italien weiß man bereits, dass sich die Fälle sogar verdreifachen können. Es sei nicht unwahrscheinlich, dass es Menschen gebe, die ihre Frustrationsgefühle über Isolation, Jobverlust etc. durch sexuelle Gewalt abzureagieren versuchen, vermutet Sexualtherapeut Dr. Michael Petery, der sich dieser Tage intensiv mit der Problematik beschäftigt.

Sexuelle Gewalt geschieht jeden Tag

"Als sehr problematisch erlebe ich es auch, dass einige Menschen, vor allem Männer, in der Isolation deutlich mehr zu Alkohol als Trostpflaster greifen – und dann unter Alkoholeinfluss auch sexuell deutlich aggressiver sind", so Petery weiter. Generell sei die Isolation besonders für Pärchen eine harte Probe. Die viele gemeinsame Zeit könne zu seltsamen Verhalten führen, das in sexueller Gewalt gipfeln könnte, erklärt er mir: "Ich habe bereits einige Paare, die sich bei mir auf Suche nach einer Online-Therapie gemeldet haben, weil einer oder beide sich extrem merkwürdig zu verhalten beginnen. Also beispielsweise, dass eine/r oder beide permanent das Handy der/des anderen kontrollieren und ausspionieren, um zu prüfen, ob er oder sie nicht heimlich fremdgeht. So etwas kann für eine Partnerschaft absolut katastrophal sein und Frauen zu Opfern sexueller Gewalt machen."

Kann ein Mangel an Datingmöglichkeiten beziehungsweise Sexualpartnern zu Übergriffen führen?

Das möchte ich von dem Leiter einer Psychotherapie-Praxis in Hildburghausen wissen. "Auch das ist möglich. Ich bin definitiv kein Fan von Prostitution, aber für Millionen Männer in Deutschland ist das ein Ventil, das jetzt von einem auf den anderen Tag so nicht mehr zur Verfügung steht. Das ist ein psychologisches Echtzeitexperiment ohne Sicherheitsnetz, das ich mir so niemals gewünscht hätte", führt Petery aus. Auch Psychologe Robert A. Coordes, Leiter des Berliner Instituts für Beziehungsdynamik, sieht die Lage ähnlich und fürchtet Folgen durch Corona-bedingte, mangelnde Sexualkontakte: "Das kann man ja in Indien ganz gut beobachten – dort wird die hohe Rate an Gewalt an Frauen (neben religiösen und kulturellen Aspekten) darauf zurückgeführt, dass gerade in einigen ländlichen Gebieten Männerüberschuss herrscht und viele keine Partnerin/ Sexualpartnerin finden."

"Für viele Menschen ist Sex eine Droge"

Symbolbild: Berauschender Sex

Gerade heute würde man von allen Seiten mit sexualisierten Bildern und Botschaften konfrontiert, so Coordes. "Man könne unsere Zeit auch als 'oversexed but underfucked' bezeichnen", erklärt der Berliner Psychologe. "Durch Werbung wird uns fast die Botschaft vermittelt, dass wir jederzeit unser sexuelles Glück finden können, wenn wir nur wollen. Trifft das nicht ein, dann reagieren wir mit Frust, Enttäuschung und viele auch mit Wut", eine Situation, die durch Corona-Isolation und Ausgangsbegrenzungen durchaus entstehen kann.

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Intimität beziehungsweise Sexualität ist für viele Menschen ein Lösungsansatz, wenn die allgemeine Stimmung kippt, wenn das nicht mehr verfügbar ist, drohen Spannungen, weiß Sexualtherapeut Coordes: "Für viele Menschen ist Sex oder die Vorstellung von Sex wie eine Droge. Wenn diese dann in Zeiten wie diesen auf unbestimmte Zeit von der Droge abgeschnitten sind, dann steigt die innere Spannung. Nicht wenige Menschen haben gelernt, ihre Spannungen mit Sex zu lösen."

Das Problem der Corona-Krise ist aber nicht nur der mögliche beziehungsweise wahrscheinliche Anstieg in sexualisierter und häuslicher Gewalt, sondern auch die erschwerte Suche nach Hilfe. Mosavi und Janke-Nitsche vom Frauenkrisentelefon schätzen die missliche Lage von Opfern wie folgt ein: "Viele bereits installierte Hilfen (Therapien, persönliche Beratungen, Kontaktcafés oder ähnliches) sind für sie nun nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr vorhanden. Des Weiteren haben die betroffenen Frauen, wenn sie sich in häuslicher Quarantäne befinden, auch kaum eine Möglichkeit, um sich bei uns zu melden. Da sie sich zu keinem Zeitpunkt alleine zuhause aufhalten und nie ungestört sind."

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Hilfe zu bekommen ist schwerer, aber niemals unmöglich

Einrichtungen wie Frauenhäuser haben allerdings noch immer geöffnet und können beispielsweise aufgesucht werden, wenn das Haus für Einkäufe oder Arztbesuche verlassen wird. Das Frauenkrisentelefon ist auch weiterhin telefonisch und online zu erreichen, ebenso wie das Hilfetelefon gegen Gewalt. "Die betroffenen Frauen sollen wissen, sie sind nicht alleine – nie. Auch nicht in diesen Zeiten. Es gibt einen Weg aus der Situation. Sie müssen nicht bei ihrem gewalttätigen Partner* bleiben und es ertragen", wollen Homa Mosavi und Silke Janke-Nitsche Hilfesuchende bestärken.

Auch Sexualtherapeut Michael Petery bleibt optimistisch, gerade Menschen, die in einer glücklichen Beziehung sind, könnten ihre Erfahrungen jetzt vertiefen und eine gefestigtere Bindung erzeugen. Psychologe Robert A. Coordes gibt bei der schweren Thematik ebenfalls einen positiven Ausblick auf die Zukunft: "Eine zentrale psychologische Erfahrung ist: Je mehr wir mit Vergänglichkeit, Angst und Beschränkung konfrontiert sind, umso mehr beginnen wir das, was wir haben, zu schätzen und auch zu schützen."

Quelle: NOIZZ-Redaktion