Die nationale Gesundheitskommission in China glaubt, mit Bärengalle lasse sich Covid-19 behandeln. Für die Tiere bedeutet das eine unbeschreibliche Qual.

Die ganze Welt forscht fleißig an Impfstoffen gegen Covid-19. Auch China, das Land, indem die Viruserkrankung ausgebrochen ist, sucht verzweifelt nach einem Heilmittel – doch was dort nun offiziell empfohlen wird, lässt Tierschützer*innen sprachlos zurück.

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Denn auf einer Liste mit Arzneimitteln, die von der chinesischen Gesundheitskommission für die Covid-19-Behandlung vorgeschlagen werden, steht laut der Umweltschutzorganisation Environmental Investigation Agency das traditionelle Heilmittel Tan Re Qing. Neben Kräutern und Ziegenhorn enthält das die Gallenflüssigkeit von Bären – eine Zutat, für die die großen Säugetiere gequält werden.

Wir haben die wichtigsten Fakten zu dem umstrittenen Medikament für euch gesammelt:

Was ist Tan Re Qing und wofür wird es sonst eingesetzt?

Tan Re Qing ist ein Medikament, das in der Traditionellen Chinesischen Medizin, kurz TCM, gegen Bronchitis und Infektionen der oberen Atemwege eingesetzt wird. Es enthält Bärengalle, die aus Kragenbären oder Braunbären gewonnen wird.

Galle ist eine Flüssigkeit, die von der Leber produziert und in der Gallenblase gespeichert wird. Weil sie eine hohe Konzentration an Ursodesoxycholsäure enthält, hilft die Flüssigkeit zum Beispiel auch bei Lebererkrankungen und Gallensteinen.

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Schon seit dem 8. Jahrhundert spielt Gallenflüssigkeit deshalb eine Rolle in der TCM. Verrückt: Eigentlich müsste dafür kein Bär gequält werden, denn die Säure lässt sich längst synthetisch herstellen: Seit Jahrzehnten wird sie weltweit zur Medikamentenproduktion benutzt.

Wie wird Bärengalle gewonnen?

Die Macher von Tan Re Qing setzen aber trotz synthetisch herstellbarer Ursodesoxycholsäure auf die traditionelle Zutat Bärengalle. Die wurde früher natürlich von wilden Bären gewonnen. Um an die Gallenblase zu kommen, wurden die Tiere gejagt und getötet. Die Gallenblase wurde dann vorsichtig entnommen – durch den aufwendigen Beschaffungsprozess galt die Flüssigkeit als besonders wertvoll.

Um die Substanz günstiger und einfacher zugänglich machen, wurde in den Achtzigern in Nordkorea ein neues Verfahren entwickelt: In sogenannte Bärenfarmen werden Bären alleine dafür gehalten, Gallenflüssigkeit zu produzierendie dann in einem grausamen Prozess abgezapft wird.

Eigentlich sucht der Züchter per Ultraschall die Gallenblase des betäubten Bären, sticht sie an und entnimmt die Flüssigkeit mit einer Spritze oder einem Röhrchen. Es gibt aber eine Anzahl von noch grausameren Techniken, bei denen der Bär nicht betäubt ist. So wurden in China Fälle bekannt, bei denen die Tiere über Jahre in Metallgestellen fixiert wurden und ihnen mit einem implantierten Katheter fortlaufend Gallenflüssigkeit abgezapft wurde. Die Bilder der so gefolterten Bären wollen wir euch ersparen, denn sie drehen einem den Magen um – hier könnt ihr sie euch anschauen (Achtung, Trigger-Warnung!). Presskäfige und Metalljacken, in die die Bären eingezwängt werden, sind in der Zwischenzeit illegal, wie die Tierschutzorganisation Animal Asia berichtet. Sie würden aber höchstwahrscheinlich immer noch von einigen Bauern eingesetzt.

Die Tiere wüchsen buchstäblich in ihre winzigen Käfige hinein, indessen sie ohne jegliche Bewegungsfreiheit verharren müssten, schreibt Animal Asia. Teilweise würden sich ihre Körper an die Gitterstäbe anpassen. Manche Bären hätten keine Tatzen mehr, andere nur noch ein paar Zähne, weil sie die anderen bei dem Versuch sich frei zu beißen verloren hätten.

Laut Weltnaturschutzorganisation IUCN gäbe es alleine in China über 67 registrierte Farmen, schreiben mehrere Tierschutzseiten. Und auch in Vietnam, wo das Abzapfen der Gallenflüssigkeit 2005 per Gesetz verboten wurde, sollen weiterhin viele Hundert bis Tausend Bären in Gefangenschaft leben. Genaue Zahlen gibt es nicht, es wird aber davon ausgegangen, dass in China und Vietnam zusammen über 10.000 Bären gefangen gehalten werden.

Warum ist diese Tierquälerei überhaupt erlaubt?

Laut Chinas Gesetzgebung zum Schutz von Wildtieren, die 1989 erlassen wurde, gelten wilde Tiere als Ressource, die zum Wohle des Menschen genutzt werden kann. Und während Tierschutz in anderen Teilen der Welt immer wichtiger wird, wurde das chinesische Gesetz im Jahr 2016 sogar umgeschrieben, um die kommerzielle Wildtier-Nutzung, gerade für traditionelle Heilmittel, noch einfacher zu machen.

📷 @env.wildlife . China’s National Health Commission has recently published a list of recommended treatments for coronavirus, including injections that contain bear bile called ‘Tan Re Qing’. This news comes one month after China considered steps to permanently ban the trade and consumption of live wild animals for food . Secreted by the liver and stored in the gallbladder, bile from various species of bear have been used in traditional Chinese medicine since the 8th century . Bile is extracted by inserting a catheter, syringe, or pipe into the animals’ gallbladders which is obviously an invasive and painful procedure . Bear bile does indeed contain high levels of ursodeoxycholic acid which is clinically proven to help dissolve gallstones and treat liver disease, however this acid has also been available as a fully synthetic drug worldwide for decades . Although the use of bile from captive bears is legal in China, bile from wild animals is banned, as is the import of bear bile from other countries . In light of this, China’s recommended use of ‘Tan Re Qing’ injections, which contain goat horn powder and extracts from several plants in addition to bear bile powder, could increase the trade in illegal wildlife from mainland China but also captive bears in Laos, Vietnam, and North Korea . . . . . . . . . #illegalwildlifetrade #bear #bears #wildlife #rarespecies #endangeredspecies #wildlifeconservation #asianbears #bearsofinstagram #illegalwildlifetrade #endpoaching #bearbile #endwildlifetrafficking #species #greenbeebuzz #asianbear #wildlifeconservation #wildliferehab #brinkofextinction #covid #speciesconservation #protectbears #covid_19 #covid19 #fightingextinction #wildliferehab #stoptrafficking #coronavirus #zoonoticdisease #zoonoticdiseases #endwildlifecrime #bearsincaptivity #cagedbears

Abstrus: Die Bären werden in qualvollen Gefangenschaft gehalten, weil es verboten ist, Galle von frei lebenden Bären zu beschaffen oder die Substanz aus anderen Ländern zu importieren. Aber die Annahme, dass diese bewusste Quälerei "wenigstens" wilde Bären schützt, sei dennoch komplett falsch, wie National Geographic schreibt. Denn auch wenn die Flüssigkeit durch den Farmbetrieb günstiger und legal sei, gelte die Galle von frei lebenden Bären als potenter und reiner. Viele Kunden würden deshalb Substanzen bevorzugen, die von Wildjägern illegal beschafft würden.

In China, in Laos, Vietnam und Nordkorea würden deshalb weiterhin wilde Bären gejagt. Darunter neben Braunbären auch Kragenbären, die als stark gefährdet gelten – Washingtoner Artenschutzübereinkommen hin oder her.

Warum diese Corona-Empfehlung außerdem so unfassbar paradox ist

Ja, der Move, ein Medikament mit Bärengalle zu empfehlen, ist tierverachtend. Er ist aber auch paradox: Denn eigentlich wurde der Handel mit lebenden Wildtieren in China gerade verboten – auch, weil mittlerweile als bestätigt gilt, dass die Corona-Pandemie auf einem Wildtiermarkt in Wuhan ausgebrochen ist. Dort soll der illegale Handel mit Schuppentieren dazu geführt haben, dass sich Menschen mit dem Virus infiziert haben.

Doch das Handelsverbot gilt bisher nur für Tiere, die für kulinarische Zwecke, also als Lebensmittel, gehandelt werden. Der Handel mit medizinischen Produkten ist nicht nur weiterhin erlaubt, durch Empfehlungen für Medikamente, die tierische Substanzen erhalten, wird dieser sogar noch unterstützt. Wenn jetzt immer mehr Chines*innen versuchen, Corona mit Tan Re Qing zu behandeln, steigt nicht nur die Nachfrage für Bärengalle aus Bärenfarmen, sondern erhöht auch die Gefahr für in Freiheit lebende Tiere.

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Zahlreiche Umweltschützer*innen rufen deshalb dazu auf, den Handel von Wildtierprodukten endlich weltweit zu verbieten. Doch wann das passiert, bleibt abzuwarten – den die Traditionelle Chinesische Medizin ist eine riesige Industrie, die das Land alleine schon aus wirtschaftlichen Interessen nicht so schnell aufgeben wird.

Quelle: Noizz.de