Conan Gray singt in einem Song davon und in so ziemlich jeder Serie über wohlhabende Teenager geht es im Endeffekt darum: Affluenza. Doch was steckt hinter dem Rich-Kids-Syndrom, das sogar im Gericht für geringere Strafen sorgen kann?

2014 musste sich der Teenager Ethan Couch vor Gericht verantworten. Am 15. Juni 2013 hatte der damals 16-jährige Texaner betrunken vier Menschen totgefahren. Neun Menschen wurden bei dem Unfall insgesamt verletzt, darunter auch Passagiere in Couchs Auto. Eigentlich ein klarer Fall vierfachen Totschlags, doch Ethan Couch kam mit nur zehn Jahren auf Bewährung davon. Denn sein Anwalt argumentierte aufgrund eines psychologischen Gutachtens: Der Teenager leide an Affluenza. Das psychologische Krankheitsbild, das noch immer nicht offiziell anerkannt ist, leitet sich aus dem Wort Influenza (Grippe) und Alluence (Wohlstand) ab. In Deutschland wird dieser Zustand auch gerne als Wohlstandsverwahrlosung bezeichnet.

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Was ist Affluenza beziehungsweise Wohlstandsverwahrlosung?

So richtig bekannt wurde das psychologische Krankheitsbild Ende der 90er, nachdem der US-Sender PBS eine Dokumentation dazu produzierte. "Escape from Affluenza" erschien 1998, 2001 folgte das Buch "Affluenza: The All-Consuming Epidemic", dass sich ebenfalls mit Wohlstandsverwahrlosung auseinandersetzt. Als Schöpferin des Wortes Affluenza gilt jedoch die US-amerikanische Autorin Jessie O'Neill, die das Kofferwort in ihrem Werk "The Golden Ghetto: The Psychology of Affluence" vorstellte. Der Zustand von Affluenza lässt sich relativ leicht zusammenfassen:

Besonders Kinder (sehr) wohlhabender Eltern leiden an zwei Hauptsymptomen:

  • Eine innere Unzufriedenheit oder Leere, die durch mangelnde Zuneigung und Zeit der Eltern entsteht
  • Mangelndes Verständnis für Konsequenzen der eigenen Handlungen aufgrund von nachsichtiger Erziehung und Wohlstand

Diese Symptome führen Psycholg*innen zufolge vor allem zu übermäßigem Drogen-, Alkohol- und materiellem Konsum. "Euroclinix" beschreibt die Folgen für Betroffene wie folgt: "Gemeint ist damit das Paradox, dass es diesen jungen Menschen zwar materiell an nichts mangelt und sie sich jeden Traum erfüllen können – und dennoch unter einer großen innerlichen Leere leiden, die letztendlich krank macht und in die Abhängigkeit von Drogen oder Alkohol führt."

Wer also an Wohlstandsverwahrlosung leidet, versucht die innere Leere, die unter anderem durch zu wenig Zuneigung der Eltern entsteht, mit Rauschmitteln und weiteren Konsumgütern zu füllen. Besonders der Drogen- und Alkoholkonsum kann wie im Fall von Ethan Couch dazu führen, dass unüberlegt gehandelt wird und kein Schuldbewusstsein oder Reue eintritt, sobald sich Probleme oder Konflikte ergeben. Doch allgemeine Unzufriedenheit und psychologische Probleme trotz ausgiebigem Konsum und guten Lebensverhältnissen können durch Affluenza beschreiben werden.

Exzessiver Konsum führt zu unglücklichen Bürger*innen

2007 bemerkte der britische Psychologe Oliver James einen auffälligen Anstieg von Wohlstandsverwahrlosung und widmete sich der Frage, wo Affluenza besonders verbreitet sei. Ihm fiel dabei auf, dass besonders in Ländern, die eine hohe Schere zwischen Arm und Reich hatten, immer mehr Fälle auftraten. Seine These: Je mehr in einer Gesellschaft nach exzessivem Konsum und Materialismus gestrebt wird, desto unglücklicher sind die Mitglieder dieser Gesellschaft und desto häufiger kommen Mental-Health-Probleme wie Affluenza vor.

Es muss noch viel geforscht werden, bis Wohlstandsverwahrlosung womöglich als psychologische Krankheit anerkannt wird. Doch unsere konsumgeile Gesellschaft ist auf jeden Fall auf dem besten Weg immer mehr Falle von Affluenza zur produzieren.

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Quelle: Noizz.de