Bei aller Liebe, muss das sein?

Die kroatische Mannschaft ist zurück in Zagreb. Den Vize-Weltmeistern wurde dort ein Empfang bereitet, als hätten sie den Titel gewonnen: Vor Tausenden jubelnder Fans sang und tanzte die Mannschaft, nachdem sie zuvor in einem offenen Bus vom Flughafen in die Innenstadt gekommen war.

Dabei waren nicht nur die Spieler und der Betreuerstab im Mannschaftsbus, sondern auch ein besonderer Ehrengast: Marko Perković, besser bekannt als Thompson, feierte mit den Spielern. Er gehört zu den bekanntesten Sängern Kroatiens, benannt hat er sich nach der Waffe, mit der er im kroatischen Unabhängigkeitskrieg in den 90er-Jahren kämpfte. Während des Turniers ließ er sich häufig im Nationaltrikot blicken.

Eingeladen wurde der Musiker übrigens auf Geheiß von Trainer Zlatko Dalić und Kapitän Luka Modrić. „Als klar war, dass wir hier eine große Veranstaltung haben würden, wusste ich, dass Marko Perković singen muss“, sagt Modrić einem Radiosender. Doch „muss“ er wirklich?

Die Songs des 51-Jährigen drehen sich häufig um Heimatliebe, Glauben und Erfahrungen aus dem Krieg. Warum Marko Perković eine kontroverse Figur ist, sei an dieser Stelle kurz erklärt.

  • Der Song „Bojna Čavoglave“ von seinem ersten Album beginnt mit den Worten „Za dom spremni“, zu deutsch: „Für die Heimat bereit“. Diese Grußformel wurde während des Zweiten Weltkriegs vom Ustascha-Regime verwendet, das mit den Nazis zusammenarbeitete und systematisch Serben, Juden, Roma und Oppositionelle umbrachte.
  • Im Song „Ljepa li si“ zählt Perković verschiedene Regionen Kroatiens auf und besingt ihre Schönheit. Dabei schließt er Herceg-Bosna mit ein, also den Teil des kroatischen Nachbarlandes Bosnien und Herzegowina, in dem eine große kroatische Minderheit lebt. Die hatte während der Kriege in den 90er-Jahren versucht, sich abzuspalten und einen eigenen Staat zu gründen. Dass Perković sie ins Lied mit aufnimmt, nährt die Fantasie eines „Groß-Kroatiens“, das über das aktuelle Staatsgebiet der Republik hinausgeht.
  • Perković soll bei Konzerten den Song „Jasenovac i Gradiška Stara“ gespielt haben. Das Lied verherrlicht das Ustascha-Regime ganz offen, inklusive der Morde an serbischen Zivilisten. So sollen laut Text der Fluss Neretva viele Serbenleichen in Richtung Mittelmeer tragen. Perković bestreitet, das Lied je bei einem Konzert gesungen zu haben – im privaten Rahmen allerdings schon. Den Text nannte er in einem Interview „hässlich“ und „unpassend“, spielte die Brisanz jedoch runter und griff seine Kritiker als „Anti-Nationalisten“ und „Kommunisten“ an.

Es ist jedoch nicht nur der Musiker selbst, sondern auch seine Fangemeinde, die sich Vorwürfen ausgesetzt sieht. Bei Thompson-Konzerten sind immer wieder Symbole der faschistischen Ustascha mehr oder weniger offensichtlich zu sehen. Und das sind in Kroatien große Veranstaltungen: In Zagreb trat er 2007 vor 60.000 Personen in einem Stadion auf.

Auch in der kroatischen Diaspora finden sich naturgemäß viele Thompson-Fans, sodass er auch im Ausland auf Tour geht. Dort wurden allerdings schon mehrmals Konzerte verboten: 2004 durfte er nicht in Amsterdam auftreten, 2009 nicht in Luzern. Im Anschluss durfte er drei Jahre nicht in die Schengen-Länder reisen, weil sich die Schweizer Regierung dafür stark machte.

„Der König ist gekommen“

Apropos Schweiz: Da ist auch Mittelfeldspieler Ivan Rakitić geboren. Während die dortige Politik ein Problem mit Thompson hat, scheint Rakitić ihn als Helden zu verehren: Auf Instagram postete er ein Foto mit Thompson und schrieb dazu: „Der König ist gekommen!“

Auch andere Spieler ließen sich mit dem Rocker ablichten. Unter anderem Ivan Perišić, Mario Mandžukić und Andrej Kramarić schienen sich über seinen Besuch zu freuen. Bei der anschließenden Party sang die Mannschaft das Thompson-Lied „Ljepa li si“, das Verteidiger Dejan Lovren anstimmte. Anschließend nahm auch Perković selbst das Mikro in die Hand und performte den Song noch einmal.

Sind jetzt alle Kroaten Nationalisten?

Das natürlich nicht. Bei den über 300.000 feiernden Fans in den Straßen dürfte es sicher viele gegeben haben, die die Präsenz von Thompson als störend empfunden haben.

Dennoch bleibt die Nähe der Nationalmannschaft zum Musiker ein kontroverses Thema. Schließlich gehört auch Torhüter Danijel Subašić zur serbischen Minderheit in Kroatien, die Nationalisten wie Marko Perković ein Dorn im Auge ist. Subašić hielt während des Turniers vier Elfmeter. Auf den Selfies mit Thompson ist er nicht zu sehen.

Man sollte allerdings erwähnen, dass es bezüglich der Nationalismen im Ex-Jugoslawien auch Lichtblicke gab: Viele Serben und Bosniaken unterstützten die kroatische Mannschaft während des Turniers, unter anderem Tennis-Star Novak Đoković, der wiederum bei seinem Wimbledon-Sieg Beifall von vielen Kroaten bekam. Es besteht also Hoffnung – trotz „Edelfan“ Marko Perković.

Quelle: Noizz.de