Sportunterricht ist das Grauen Foto: 733215 / pixabay

Turn-Trauma: Schulsport ist der Vorhof der Hölle

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Und Medizinbälle sind Werkzeuge des Teufels.

Sogar für Berliner Verhältnisse spazieren derzeit auffällig viele Menschen in Trainingsanzügen durch die Hauptstadt. Grund dafür ist kein Fashion-Trend, sondern das deutsche Turnfest. Puh. Allein der Klang des Wortes „Turnen“ weckt bei mir qualvolle Erinnerungen an Stunden voller Demütigungen.

Angst vor Bällen

Mein Leidensweg begann in der Grundschule. Matthias schmetterte mir vergnügt in fast jeder Sportstunde einen Medizinball auf den Solarplexus. Anhand der Tatsache, dass er mich bei einem Klassentreffen 15 Jahre später in vollkommener Ignoranz seiner Untaten angebaggert hat, nehme ich an: Es hat sich um fehlgeleitete Zuneigungsbekundungen gehandelt.

Doch mein 6-jähriges Ich entwickelte nicht nur eine Abneigung gegen Matthias, sondern auch Angst vor Bällen. Und Hass gegen Sport allgemein. In einem meiner ersten Zeugnisse steht sinngemäß: „… nur Sport macht dir keinen Spaß, und du ermüdest leicht.“ You don't say!

Zeitlebens kann ich mich an keine einzige Sportstunde erinnern, in der ich auch nur ansatzweise Spaß hatte. Im Gegenteil.

Sporthallen stinken

Meine Sportlehrer schwankten charakterlich zwischen Turnvater Jahn und Ausbilder Schmidt und versuchten, 20 Schülern in 40 Minuten (Umkleidezeit abgezogen) die technischen Feinheiten des Hochsprungs oder die Variationen des Geräteturnens beizubringen. In umgerechnet zwei Minuten pro Kind. Wie soll denn das bitte gehen?

Kein Wunder, dass meine Klassenkameradin einmal mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus transportiert werden musste, nachdem sie sich beim Abgang vom Schwebebalken einen Bänderriss zugezogen hatte.

Oh, und die Schulsporthallen! Orte des endlosen Kummers, gefüllt mit der drückenden Aura des Versagens. In den muffigen Matten absorbierter Schweiß und die Tränen ganzer Generationen gebrochener Schülerseelen.

Wie meiner eigenen.

Highlights des Versagens

Ich habe es nie das Kletterseil hochgeschafft, sondern baumelte hilf- und antriebslos wie trübsinniger Christbaumschmuck am unteren Ende.

Der Aufschwung über den oberen Holm führte mir jedes einzelne Mal die Unwucht meines Körpers vor Augen – wie verzweifelt ich es auch versuchte. Beim Bodenturnen schaffte ich mit größter Anstrengung vor den gehässigen Augen sämtlicher Mitschüler höchstens eine Rolle Rückwärts in die Grätsche; es sollte jahrelang meine einzige Übung bleiben.

Beim Badminton traf ich selten den Ball, weil ich damals noch gar nicht wusste, dass ich eine Brille brauche. Niedriger Blutdruck sorgte außerdem dafür, dass ich regelmäßig in Ohnmacht fiel – sehr zur Erheiterung der ganzen Klasse. Auch beim Crosslauf kroch ich zuverlässig als Letzte ins Ziel.

Logisch, dass ich nie in irgendeine Mannschaft gewählt wurde. Dieser Stachel sitzt noch heute tief, Freunde.

Sadismus pur

Und dann Völkerball! Was ist das überhaupt für eine sadistische Sportart mit einem Namen, der nach Nazi-Zeit müffelt? Im Kern ging es bloß darum, 40 Minuten lang von den Jungs übers Feld gejagt und möglichst brutal „abgebackt“ zu werden. Gibt's das eigentlich heute noch? Wenn ja: Stoppt das! Sofort!

Der Stoff meiner schlimmsten Albträume jedoch: Bundesjugendspiele. Ich konnte Tage vorher schon nicht mehr schlafen.

Denn hier bekam jeder die gleiche Chance, vor allen anderen Schulen des Bezirks das zu zeigen, worin man schon in jeder Sportstunde zuvor kolossal versagt hatte. Maximale Demütigung vor größtmöglichem Publikum. Ich meine, mich zu erinnern, nie eine von diesen Urkunden bekommen zu haben.

Folgerichtig hielt ich mich für unverbesserlich und ultimativ unsportlich.

Alles Bullshit!

Dann fing ich als Erwachsene mit Sportarten an, die mich interessierten – dazu gehörten Akrobatik, Krafttraining und Tanzen – und ich lernte: alles Bullshit! Mit ausreichend Training und unter den richtigen Bedingungen kann jeder sich sportlich entwickeln und Stück für Stück Ziele erreichen.

Ich, bekennender Körper-Klaus und Sportmuffel, habe im Alter von 27 Jahren tatsächlich noch Radwende-Flicflac gelernt. Ich habe mit meinen Teams sogar Medaillen gewonnen, wir sind mehrfach Hamburger Meister geworden. Es lag nie an mir, es lag am Unterricht!

Und das ist so viel mehr wert als jede Ehren- oder Siegerurkunde. Nimm dies, Schulsport!

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