Lena Lotzen guckt bei der Frauen-EM nur zu

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Sie wäre so gern dabei – aber das Knie macht nicht mit.

Nach zwölf Spielminuten verlässt Lena den Platz. Sie läuft unrund. Eine Mitspielerin kommt auf sie zu, möchte sie trösten, sie in den Arm nehmen. Doch sie wehrt ab. Ihre Augenbrauen haben sich zusammengezogen, auf ihrer Stirn ist eine Falte: das Ergebnis von Wut und einer offenen Frage. Der Gesichtsausdruck ist das Letzte, was die Kamera von der Nummer 11 der FC--Bayern-Frauen im Spiel gegen Paris St. Germain einfängt. Der Name Lotzen prangt auf ihrem Rücken.

Vier Jahre zuvor: „Europameisterinnen 2013“ steht auf dem Banner am Rathausbalkon in Frankfurt. Die Nationalspielerinnen schunkeln Arm in Arm. Auch Lena Lotzen ist dabei. In allen sechs Spielen stand sie in der Startelf und hat maßgeblich zum Titelgewinn beigetragen. Sie singen: „So ein Tag, so wunderschön wie heute, so ein Tag, der könnte nie vergehen.“ Doch auf diesen Tag im Juli 2013 folgt für Lena eine schwierige Zeit.

Ein Anbruch im linken Mittelfuß im September, erneuter Bruch am gleichen Knochen im November, im August 2014 dann ein Kreuz- und Innenbandriss. Alle Verletzungen passieren im Training. Da das Knie ihr danach Probleme macht, steht Lena für anderthalb Jahre nicht auf dem Platz. Nach 586 Tagen Zwangspause dann im vergangenen März das Comeback. In vier Spielen wird sie eingewechselt. Das vierte Mal ist das Champions-League-Viertelfinale gegen Paris St. Germain.

„Mir war im ersten Moment schon klar, dass es wieder das Kreuzband ist“, sagt Lena. „Natürlich hatte ich irgendwo die Hoffnung, dass es was Leichteres ist. Vielleicht nur angerissen oder das Innenband oder der Meniskus“, sagt die 23-Jährige.

Die Gewissheit kommt mit dem MRT-Bild zwei Tage später. Videos im Internet zeigen, wie Lena auf den Ball zurennt, mit dem linken Bein auf dem Boden aufkommt, kurz umknickt. Sie zieht das Bein sofort wieder hoch und fasst sich vor Schmerz ans Knie.

„Das Video, dass überall online ist, zeigt gar nicht den Moment, in dem ich mir das Kreuzband reiße. Bei einer Aktion ein paar Minuten vorher habe ich schon gemerkt, da stimmt etwas nicht.“ Sie will sich nochmal zusammenreißen, weiterspielen – doch als sie erneut wegknickt, weiß sie: Es geht nicht.

So wie Lena geht es vielen Sportlerinnen

„Frauen sind bis zu neunmal mehr von einem Kreuzbandriss betroffen als Männer“, sagt Professor Ostermeier, Facharzt für Orthopädie in der Gelenk-Klinik in Gundelfingen. Ostermeier nennt dafür vier verschiedene Gründe: Zum Einen reißt das Kreuzband leichter, wenn das Knie in eine X-Beinstellung gebracht wird. Und Frauen haben von der Anatomie her eher X-Beine.

Hinzu kommt, dass auch die Gegebenheiten und die Struktur der Knochen bei der Frau eher zu einem Kreuzbandriss führen. „Die Frage, inwieweit der Hormoneinfluss eine Rolle spielt, ist in dieser Hinsicht auch wichtig“, erklärt Ostermeier. „Es gibt Studien, die zeigen, dass Östrogene zur Lockerung des Gewebes führen.“

Dass Frauen von Natur aus weniger Muskelmasse haben als Männer, ist auch ein Einflussfaktor. Muskeln können die Bänder schonen. „Da kommt hinzu, dass kurze reflexartige Schutzmechanismen bei Frauen nicht so schnell agieren wie bei Männern“, sagt Ostermeier.

Zwei Monate nach der Diagnose, Mitte Mai, postet Lena ein Bild auf Instagram: Sie steht auf Krücken, trägt eine Schiene am Knie und lacht. Unter dem Foto steht der Hashtag #promiseyourself.

Ich habe mir selbst versprochen das Beste zu geben. Egal, ob im Sport oder in anderen Lebensbereichen. Wenn ich alles mögliche für etwas tue, dann kann ich mir nichts vorwerfen, wenn es nicht klappt. Diese Einstellung hilft mir.“

Für Lena geht es ums Durchkämpfen

„Ich möchte kein Mitleid oder so etwas mit meiner Verletzungsgeschichte haben“, sagt die Offensivspielerin. Kraft gibt ihr auch die Bedeutung, die Fußball für sie hat: „Ich spiele seit ich fünf Jahre alt bin, habe viel für den Fußball aufgegeben und bin früh zu Hause ausgezogen. Das was mir am meisten Spaß macht, möchte ich nicht so einfach beenden.“

Die Würzburgerin betont aber, wie gut es ihr trotz Verletzungspech geht: „Ich habe ein gutes Familienverhältnis und viele Freunde. Die Zeit, in der ich verletzt bin, kann ich für andere Dinge nutzen.“ Bald fängt sie an ihre Bachelorarbeit für ihr Fernstudium der Sportwissenschaften zu schreiben.

Den Kontakt zur ihrer Mannschaft in München hält sie weiterhin. Nur beim Training möchte sie den anderen nicht unbedingt zuschauen: „Es ist nicht immer das Beste für mich, zu sehen, wie die Mannschaft trainiert und spielt. Da muss ich manchmal eine Egoistin sein, obwohl ich eine Teamspielerin bin, und sagen: Ich bleibe lieber weg. Aber nicht aus dem Grund, weil ich das Team nicht unterstützen will, sondern weil ich zuerst mit meiner eigenen Situation zurecht kommen muss.“

Die EM wird sie dieses Jahr aus einer anderen Perspektive wahrnehmen: „Auf der einen Seite weiß ich, dass ich vor vier Jahren dabei war und wäre auch jetzt sehr gerne dabei. Aber es geht halt nicht.“

Auf dem Fernsehbildschirm ist sie trotzdem zu sehen: Am vergangenen Wochenende war Lena beim Eröffnungsspiel als Expertin beim ZDF zu Gast. „Ich hoffe, dass wir als deutsche Mannschaft sehr gut abschneiden und den Titel verteidigen. Ich freue mich auf die EM und werde die Daumen drücken.“

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