Hier liest du Mesut Özils Rücktritts-Statement auf Deutsch

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Die gesamte Abrechnung mit Grindel, DFB und den Sponsoren.

Mesut Özil hat seinen Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft bekanntgegeben. Dazu veröffentlichte er eine dreiteilige Erklärung, in der er seine Motive darlegt – auf Englisch. Hier haben wir für dich eine deutsche Übersetzung*:

I/III Das Treffen mit Präsident Erdoğan

Die letzten paar Wochen haben mir Zeit gegeben, zu reflektieren und über die Geschehnisse der letzten Monate nachzudenken. Konsequenterweise möchte ich meine Gedanken und Gefühle über das teilen, was passiert ist.

Wie viele Menschen habe auch ich Vorfahren in mehr als einem Land. Während ich in Deutschland aufgewachsen bin, hat meine Familie ihre Wurzeln fest in der Türkei. Ich habe zwei Herzen, ein deutsches und ein türkisches. In meiner Kindheit hat meine Mutter mir beigebracht, stets respektvoll zu sein und nie zu vergessen, woher ich komme; und an diese Werte denke ich bis heute.

Im Mai habe ich Präsident Erdoğan in London getroffen, bei einer Wohltätigkeits- und Erziehungsveranstaltung. Wir hatten uns zum ersten Mal 2010 getroffen, nachdem er und Angela Merkel gemeinsam das Spiel zwischen Deutschland und der Türkei in Berlin geschaut hatten. Seitdem haben sich unsere Wege vielfach über auf der Welt gekreuzt. Ich bin mir bewusst, dass das Bild von uns ein großes Echo in den deutschen Medien nach sich zog. Und auch wenn manche mich der Lüge oder des Betrugs bezichtigen, hatte das Foto, das wir gemacht haben, keine politische Absicht. Wie ich sagte: Meine Mutter hat mich nie meine Herkunft, mein Erbe und meine Familientraditionen aus den Augen verlieren lassen. Für mich hat es nicht mit Politik oder Wahlen zu tun, mich mit Erdoğan fotografieren zu lassen, es ging um den Respekt vor dem höchsten Amt im Land meiner Familie. Mein Beruf ist Fußballspieler, nicht Politiker, und unser Treffen war keine Gutheißung irgendwelcher politischer Maßnahmen. Tatsächlich sprachen wir über dasselbe Thema, das wir bei anderen Treffen behandelt hatten – Fußball –, da auch er in seiner Jugend Spieler war.

Obwohl die deutschen Medien ein anderes Bild gezeichnet haben, ist es wahr, dass eine Ablehnung des Treffens mit dem Präsidenten bedeutet hätte, dass ich mangelnden Respekt vor den Wurzeln meiner Vorfahren gezeigt hätte, von denen ich weiß, dass sie heute stolz auf mich wären. Für mich hat es keine Rolle gespielt, wer der Präsident war. Es war bloß wichtig, dass es der Präsident war. Respekt vor einem politischen Amt zu haben, ist eine Sicht, die sicherlich auch die Königin [Elizabeth II., Anm. d. Red.] und Premierministerin Theresa May hatten, als sie Erdoğan in London empfingen. Ganz gleich, ob es sich um den türkischen oder den deutschen Präsidenten gehandelt hätte, ich hätte mich nicht anders verhalten.

Ich weiß, dass das möglicherweise schwer zu verstehen ist, da in den meisten Kulturen ein politischer Anführer nicht von seiner Person getrennt betrachtet werden kann. Aber in diesem Fall ist es anders. Was auch immer das Ergebnis der letzten Wahl gewesen wäre, oder der davor, ich hätte dieses Foto so oder so gemacht.

II/III Medien und Sponsoren

Ich weiß, dass ich ein Fußballer bin, der in einigen der wohl härtesten Ligen der Welt gespielt hat. Ich bin sehr froh darüber, große Unterstützung von meinen Teamkollegen und Trainernteams bekommen zu haben, während ich in der Bundesliga, der La Liga [in Spanien, Anm. d. Red.] und der Premier League gespielt habe. Und zusätzlich habe ich während meiner gesamten Karriere gelernt, mit den Medien umzugehen.

Viele Menschen sprechen über meine Leistungen – viele beklatschen sie, viele kritisieren sie. Wenn eine Zeitung oder ein Experte einen Fehler in meinem Spiel findet, kann ich das akzeptieren – ich bin kein perfekter Fußballer, und das motiviert mich oft, noch härter zu arbeiten und zu trainieren. Aber was ich nicht akzeptieren kann, sind deutsche Medien, die wiederholt meine doppeltes Erbe und ein einfaches Foto für die schlechte Leistung eines ganzen Teams bei der WM beschuldigen.

Bestimmte deutsche Zeitung benutzten meinen Hintergrund und das Foto mit Präsident Erdoğan als rechte Propaganda, um ihre politische Agenda voranzutreiben. Warum sonst hätten sie Fotos und Schlagzeilen mit meinem Namen als unmittelbare Erklärung für die Niederlage in Russland benutzt? Sie haben nicht meine Leistung kritisiert, nicht die der Mannschaft, sie haben nur meine türkischen Wurzeln und den Respekt vor meiner Erziehung kritisiert. Das überschreitet eine persönliche Grenze, die nie überschritten werden sollte: Zeitungen, die versuchen, Deutschland gegen mich aufzubringen.

Was mich ebenfalls enttäuscht, sind die doppelten Standards, die die Medien haben. Lothar Matthäus hat vor einigen Tagen (als Ehrenkapitän der deutschen Nationalmannschaft) ein anderes Staatsoberhaupt getroffen und dafür fast keine Kritik aus den Medien bekommen. [Mesut Özil spielt auf ein Treffen Matthäus' mit Wladimir Putin an, Anm. d. Red.] Trotz seiner Rolle beim DFB (dem deutschen Nationalteam) haben sie ihn nicht aufgefordert, seine Handlungen öffentlich zu erklären, und er vertritt nach wie vor die deutschen Spieler ohne jedwede Rüge. Wenn die Medien meinen, dass ich aus des WM-Teams hätte verwiesen werden müssen, dann müsste er doch auch seines Amtes als Ehrenkapitän verwiesen werden. Macht mich meine türkische Herkunft zu einem würdigeren Ziel?

Ich habe immer gedacht, dass aus einer „Partnerschaft“ Unterstützung folgt, in guten Zeiten und härteren Situationen. Kürzlich habe ich einen Besuch meiner ehemaligen Schule Berger-Feld in Gelsenkirchen, Deutschland, geplant, gemeinsam mit zwei meiner Wohltätigkeitspartner. Ich habe vor einem Jahr ein Projekt finanziert, bei dem Einwandererkinder, Kinder aus armen Familien und andere Kinder gemeinsam Fußball spielen und soziale Regeln fürs Leben lernen können. Allerdings haben mich, Tage bevor es hätte losgehen sollen, meine sogenannten Partner, die zu diesem Zeitpunkt nicht mehr mit mir zusammenarbeiten wollten, im Stich gelassen. Was noch dazukam: Die Schule hat meinem Management erzählt, dass sie mich zu der Zeit nicht mehr vor Ort haben wollten, weil sie wegen meines Fotos mit Erdoğan „die Medien fürchteten“, besonders mit der „rechten Partei in Gelsenkirchen auf dem Vormarsch“. Das hat ehrlich wehgetan. Obwohl ich, als ich jung war, einer ihrer Schüler gewesen bin, hat man mir das Gefühl gegeben, ich sei ungewollt und ihrer Zeit nicht würdig.

Zusätzlich dazu wurde ich von einem weiteren Partner verleugnet. [Özil spricht im Folgenden von Daimler, Anm. d. Red.] Weil der auch ein Sponsor des DFB ist, wurde ich gebeten, in Werbevideos für die Weltmeisterschaft mitzumachen. Aber nach meinem Foto mit Präsident Erdoğan haben sie mich aus den Kampagnen entfernt und sämtliche Werbeaktivitäten, die geplant waren, abgesagt. In ihren Augen war es nicht mehr gut, mit mir gesehen zu werden, sie nannten die Situation „Krisenmanagement“. Das alles entbehrt nicht einer gewissen Ironie, weil ein deutsches Ministerium erklärt hat, dass viele ihrer Produkte illegale und nicht genehmigte Software-Geräte enthalten, die Risiken für Kunden bergen. Hundertausende ihrer Produkte werden zurückgerufen. Während ich vom DFB kritisiert und aufgefordert wurde, meine Taten zu erklären, wurde eine solche offizielle und öffentliche Erklärung vom DFB-Sponsor nicht verlangt. Wieso? Habe ich Recht, wenn ich denke, dass das schlimmer ist als ein Foto mit dem Präsidenten des Landes meiner Familie? Was hat der DFB zu all dem zu sagen?

Wie ich zuvor sagte: „Partner“ sollte in allen Situationen zu dir halten. Adidas, Beats und BigShoe waren extrem treu und großartig in der Zusammenarbeit während dieser Zeit. Sie stehen über dem Unsinn, den die deutsche Presse über mich geschaffen hat, und wir machen auf professionelle Weise weiter mit unseren Projekten, deren Teil ich sehr gerne bin. Während der WM habe ich mit BigShoe zusammengearbeitet und 23 jungen Kindern geholfen, lebensverändernde Operationen in Russland zu bekommen, was ich zuvor auch in Brasilien und Afrika getan hatte. Das ist für mich die wichtigste Sache, die ich als Fußballspieler tue, doch die Zeitungen finden keinen Platz, auf solche Dinge aufmerksam zu machen. Für sie ist es wichtiger, wenn ich ausgebuht werde oder ein Foto mit einem Präsidenten schieße, als Kindern weltweit zu helfen, Operationen zu bekommen. Sie haben auch eine Plattform auf der sie Aufmerksamkeit und Geld sammeln können, aber entscheiden sich, es nicht zu tun.

III/III DFB

Was mich in den letzten Monaten wohl am meisten frustriert hat, war die schlechte Behandlung durch den DFB, besonders durch den DFB-Präsidenten Reinhard Grindel. Nach meinem Foto mit Präsident Erdoğan wurde ich von Joachim Löw gebeten, meinen Urlaub abzubrechen, nach Berlin zu kommen, ein gemeinsames Statement abzugeben, um das Gerede zu beenden, und für klare Verhältnisse zu sorgen. Während ich versuchte, Grindel mein Erbe, meine Herkunft und die entsprechenden Gründe hinter dem Foto zu erklären, war er viel mehr daran interessiert, über seine eigenen politischen Ansichten zu sprechen und meine Meinung kleinzureden. Obwohl seine Taten bevormundend waren, waren wir uns darin einig, dass es das Beste sei, sich auf den Fußball und die kommende WM zu konzentrieren. Deswegen habe ich auch nicht am DFB-Medientag während der WM-Vorbereitung teilgenommen. Ich wusste, dass die Journalisten, die nur über Politik und nicht über Fußball reden, mich nur attackieren würden, obwohl Oliver Bierhoff die Sache in einem Fernseh-Interview vor dem Spiel gegen Saudi-Arabien in Leverkusen für beendet erklärt hatte.

In diesem Zeitraum traf ich mich auch mit dem Präsidenten Deutschlands, Frank-Walter Steinmeier. Im Gegensatz zu Grindel war Präsident Steinmeier professionell und tatsächlich interessiert daran, was ich über meine Familie, mein Erbe und meine Entscheidungen zu sagen hatte. Ich erinnere mich, dass das Treffen nur zwischen mir, Ilkay [Gündoğan] und Präsident Steinmeier stattfand, während Grindel wütend darüber war, dass er nicht rein drufte, um seine eigene politische Agenda voranzutreiben. Ich stimmte Präsident Steinmeier zu, dass wir eine gemeinsame Erklärung zur Sache veröffentlichen würden, in einem Versuch, nach vorne zu blicken und uns auf den Fußball zu fokussieren. Aber Grindel war wütend, dass nicht sein Team das erste Statement veröffentlichte, und genervt davon, dass Steinemeiers Pressebüro bei diesem Thema die Verantwortung übernehmen musste.

Seit dem Ende der Weltmeisterschaft ist Grindel unter großen Druck geraten, was seine Entscheidungen vor dem Turnier betrifft, und das zurecht. Er hat kürzlich öffentlich gesagt, ich sollte noch einmal meine Taten erklären, und er gibt mir die Schuld für die schlechten Ergebnisse der Mannschaft in Russland, obwohl er in Berlin gesagt hatte, es sei vorbei. Ich spreche jetzt nicht für Grindel, sondern weil ich will. Ich will nicht länger ein Sündenbock für seine Inkompetenz sein und seine Unfähigkeit, sienen Job gescheit zu machen. Ich weiß, dass er mich nach dem Foto aus dem Team haben wollte, und dass er seine Meinung auf Twitter ohne Nachzudenken und Beratung öffentlich machte, aber Joachim Löw und Oliver Bierhoff sind für mich aufgestanden und haben zu mir gehalten. In den Augen Grindels und seiner Unterstützer bin ich ein Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Einwanderer, wenn wir verlieren. Das liegt daran, dass ich, obwohl ich in Deutschland Steuern zahle, Einrichtungen an deutsche Schulen spende und die WM mit Deutschland 2014 gewonnen habe, immer noch nicht in der Gesellschaft akzeptiert werde. Ich werde als „anders“ behandelt. Ich habe den „Bambi“ 2010 als Beispiel einer erfolgreichen Integration in die deutsche Gesellschaft erhalten, das „Silberne Lorbeerblatt“ 2014 von der Bundesrepublik Deutschland und ich war „deutscher Fußballbotschafter“ 2015. Aber klar, ich bin nicht Deutscher? Gibt es Kriterien dafür, vollständig deutsch zu sein, in die ich nicht passe? Mein Freund Lukas Podolski und Miroslav Klose werden nie als deutsch-polnisch bezeichnet, warum bin ich also deutsch-türkisch? Liegt es daran, dass es die Türkei ist? Liegt es daran, dass ich Muslim bin? Ich glaube, hier liegt ein wichtiges Problem. Wenn man als deutsch-türkisch bezeichnet wird, trennt das bereits Menschen, deren Familie aus mehr als einem Land kommt. Ich wurde in Deutschland geboren und erzogen, warum also akzeptieren die Menschen nicht, dass ich deutsch bin?

Grindels Meinungen kann man auch anderswo finden. Ich wurde von Bernd Holzhauer (einem deutschen Politiker) als „Ziegenf*cker“ bezeichnet, wegen meines Fotos mit Präsident Erdoğan und meines türkischen Hintergrunds. Des Weiteren sagte mir Werner Steer (Chef des Deutschen Theaters [in München, Anm.]), ich solle mich „nach Anatolien verpissen“, einer Region in der Türkei, aus der viele Einwanderer stammen. Wie ich bereits sagte, mich wegen meiner Familiengeschichte zu benutzen und misshandeln, heißt, eine schändliche Grenze zu überschreiten. Und Diskriminierung als Werkzeug für politische Propaganda ist etwas, das sofort zum Rücktritt dieser respektlosen Personen führen sollte. Deise Menschen haben mein Foto mit Präsident Erdoğan als eine Gelegenheit benutzt, ihre eigenen versteckten rassistischen Tendenzen auszudrücken, und das ist gefährlich für die Gesellschaft. Sie sind nicht besser als der deutsche Fan, der mir nach dem Spiel gegen Schweden sagte: „Ozil, verpiss Dich Du scheiss Türkensau. Türkenschwein hau ab“ [sic!], oder auf Englisch: „Ozil, fk off you Turkish s*t, piss of you Turkish pig“. [sic!] Ich möchte die Hasspost, die Drohanrufe und die Kommentare in den sozialen Netzwerken gar nicht erst diskutieren, die meine Familie und mich erhalten haben. Sie alle stehen für ein Deutschland der Vergangenheit, ein Deutschland, das neuen Kulturen gegenüber nicht offen ist und ein Deutschland, auf das ich nicht stolz bin. Ich bin zuversichtlich, dass viele stolze Deutsche, die eine offene Gesellschaft willkommenheißen, mir zustimmen würden.

Für Sie, Reinhard Grindel: Ich bin enttäuscht, aber nicht überrascht von Ihren Handlungen. 2004 haben Sie als Mitglied des Deutschen Bundestages behauptet, dass „Multikulti in Wahrheit ein Mythos [und] eine Lebenslüge“ sei, während sie gegen Gesetze zur doppelten Staatsbürgerschaft und Korruptionsbestrafung stimmten und außerdem sagten, dass islamische Kultur zu tief in vielen deutschen Städten verwurzelt ist. Das ist unverzeihlich und unvergesslich.

Die Behandlung, die ich vom DFB und von vielen anderen erfahren habe, sorgt dafür, dass ich nicht länger das deutsche Nationaltrikot tragen möchte. Ich fühle mich ungewollt und glaube, dass das, was ich seit meinem internationalen Debüt im Jahr 2009 erreicht habe, vergessen wurde. Menschen mit rassistischem, diskriminierendem Hintergrund sollten nicht im größten Fußballverband der Welt arbeiten, der viele Spieler mit Migrationshintergrund hat. Haltungen wie ihre spiegeln nicht die Spieler wieder, für die sie stehen sollten.

Schweren Herzens und nach langem Überlegen werde ich wegen jüngster Ereignisse nicht länger für Deutschland auf internationalem Niveau spielen, während ich dieses Gefühl des Rassismus und des mangelnden Respekts habe. Ich habe das deutsche Trikot mit viel Stolz und Erregung getragen, aber das tue ich jetzt nicht. Diese Entscheidung hat es extrem schwierig gemacht, weil ich immer alles gegeben habe, für meine Teamkollegen, das Trainerpersonal und die guten Menschen Deutschlands. Aber wenn hochpositionierte DFB-Vertreter mich behandeln, wie sie es getan haben, meine türkischen Wurzeln nicht respektieren und mich egoistisch für politische Propaganda opfern, dann ist es genug. Das ist nicht, wofür ich Fußball spiele, und ich werde mich nicht zurücklehnen und nichts tun. Rassismus sollte niemals akzeptiert werden.

Mesut Özil

[*Alle Fettungen stammen von Özil.]

Lies hier das englische Original auf seinem Twitter-Account:

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