Co-Produktionen mit dem ZDF, Serien mit den immer gleichen deutschen Schauspielgesichtern – neben Serien-Hits wie "Dark" oder "How To Sell Drugs Online (fast)" stinken manche deutschen Eigenproduktionen von Netflix ziemlich ab. Ist das Kalkül oder der Untergang?

Irgendwie haben wir das ja alles kommen sehen. Es konnte nicht ewig so weiter gehen. Wir waren aber auch verwöhnt: Jahrelang nun war Netflix ein Garant dafür, innovative Serien, Filme und Dokus nah am Puls der Zeit zu servieren. So divers, wie wir es lange nicht erleben durften, so vielfältig, wie wir es uns immer gewünscht haben. Ein Kaleidoskop der Welt.

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Sogar deutsche Serien wurden salonfähig, sogar in der internationalen Kritik: Alle liebten "Dark", "How To Sell Drugs Online (fast)" ist das meistgestreamte deutsche Netflix-Original bis dato. Ohne den Druck von Netflix wäre wohl auch "Babylon Berlin" von Sky und ARD nicht so geil geworden. Aber so eine Erfolgssträhne kann eben nicht ewig anhalten. Wir sind alle nur Menschen. Trotzdem war ich etwas erschüttert, als ich die Ankündigung von "Freaks – Du bist eine von uns" lesen musste. Es ist ein Science-Fiction-Film. Schon alleine das ist irgendwie seltsam für eine deutsche Produktion. Aber kann ja noch was werden, ich meine: "Hey, Netflix ist an Bord!"

Hier kannst du den Trailer zu "Freaks – Du bist eine von uns" sehen:

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"Freaks – Du bist eine von uns" ist doch tatsächlich eine Koproduktion mit dem ZDF! Mit dem Zweiten Deutschen Fernsehen! Und genauso seltsam, wie sich das liest, schaut sich auch der Trailer an. Der einzige Unterschied besteht darin, dass der Netflix-Cutter es eher drauf hat, spannende Trailer zu schneiden. In dem Film geht es um Wendy (Cornelia Gröschel), die in einem Imbiss arbeitet und in der Vorstadt lebt. Dann trifft sie auf Außenseiter Marek (Wotan Wilke Möhring) und sie entdeckt auf einmal, dass sie übernatürliche Kräfte besitzt. Kommt irgendwie bekannt vor, oder?

Um fair zu sein: Ich habe die Serie noch nicht gesehen, aber alles, was ich über sie bisher weiß und was der Trailer vermuten lässt, schreit einfach nach "Avengers" in billo. Dazu diese typisch deutsche öffentlich-rechtlich-Ästhetik, die versucht, cool und jung zu sein, sich in Wirklichkeit aber nur alten Mustern bedient. Eigentlich hatten wir doch gehofft, genau das mit bahnbrechenden Netflix-Produktionen wie "Dark" überwunden zu haben.

Und jetzt macht Netflix selbst so etwas?

Jonas (Louis Hofmann) und Lisa Vicari in einer Szene aus „Dark“

Bisher leben viele Netflix-Formate, egal ob deutsch oder international, vor allem davon, dass sie uns erfrischend neue Zugänge zu komplexen, oft nicht behandelten Themenwelten geben. Ein gutes Beispiel dafür ist etwa die neue Serie "Biohackers", in der es um das Thema Biohacking, Genmanipulation und dessen Konsequenzen geht. Eine Themenwelt, in die wohl noch nicht so viele von uns eingetaucht sind.

Ein starker Pluspunkt von Netflix ist aber ohne jeden Zweifel auch, dass der Streaming-Dienst Mut hat, Produktionen mit neuen Schauspieler*innen zu besetzen. Statt Veronica Ferres und Matthias Schweighöfer in Dauerschleife zu sehen, konnten wir in den vergangenen Jahren erleben, wie vielseitig der deutsche Schauspielnachwuchs ist: Max Mundt, Louis Hofmann, Lisa Vicari, Mohamed Issa oder Michelle Barthel – um nur ein paar zu nennen. Dass das Prinzip "neue deutsche Schauspielgeneration" durchaus funktioniert und nicht nur beim Netflix-Publikum ankommt, hat auch die ZDF-Arte-Koproduktion "Bad Banks" bewiesen.

Jetzt aber das: Nach und nach kommt auch der Mainstream bei Netflix an. Jemanden wie Oliver Masucci für "Dark" zu besetzen oder Jessica Schwarz und Benno Fürmann in "Biohackers", um das Publikum breiter zu machen, ist ja durchaus legitim. Es scheint aber fast so, als wird die Ausnahme inzwischen zur Regel. Ich befürchte, es dauert nicht mehr lange, bis der erste Veronica-Ferres-Streifen exklusiv auf Netflix läuft. Anke Engelke hat es zumindest schon zur eigenen Netflix-Serie geschafft.

Hier gibt es den Trailer zu "Das letzte Wort" mit Anke Engelke auf Netflix:

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Versteht mich nicht falsch: Anke Engelke ist eine coole Socke und war schon Comedienne bevor wir uns überhaupt mit Genderfragen in der Branche beschäftigt haben. Sie ist ziemlich witzig. Und ich liebe schwarzen Humor. Eine Serie wie "Das letzte Wort" kann ich mir sehr gut auf ProSieben oder Sat.1 vorstellen. Bei Netflix wirkt sie aber irgendwie falsch aufgehoben. Zu konventionell, zu sehr "Stromberg".

In der Miniserie "Das letzte Wort" mit sechs Folgen geben Anke Engelke und Thorsten Merten (war lange als "Tatort"-Ermittler im Fernsehen zu sehen) eine Trauerrednerin und einen Bestatter, die Menschen auf ziemlich abstruse Weise helfen, mit Tod und Trauer klar zu kommen. Gut, der Tod an sich ist auch ein Thema, das in unserer ewig jung wirkenden Leistungsgesellschaft ein echtes Tabu ist – aber wie man das Thema irgendwie erfrischender angehen kann, hat Ricky Gervais mit "Afterlife" gezeigt – ohne ein "The Office"-Feeling herauf zu beschwören. Kam übrigens auch auf Netflix. Aber man kann ja nicht alles haben.

Muss es immer der Mainstream sein?

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Angefangen hat alles irgendwie schon mit der Komödie "Isi und Ossi", dem ersten deutschen Netflix-Film. Einer Rom-Com, die schon ziemlich platt war, aber auch ihre Stärken hatte, weil sie eine ungewöhnliche Wahl innerhalb der deutschen Filmlandschaft war. Wer hätte schon damit gerechnet, dass der erste deutsche Netflix-Film ausgerechnet eine Rom-Com wird? Noch dazu hat man der Komödie von "Bad Banks"-Schöpfer Oliver Kienle angemerkt, wie liebevoll sie gemacht war.

Etwas anders verhält es sich mit "Betonrausch" mit Frederik Lau und David Kross in den Hauptrollen. Wer den Trailer sieht, denkt vielleicht noch an ein deutsches "Wolf of Wall Street", in letzter Instanz fehlte es dem Streifen aber irgendwie an Tiefe, manchmal wurde es sogar ziemlich cringe, ein bisschen too much. Es wirkte wie ein Versuch, dem Publikum das zu geben, was es eben von einem Film, der um Immobilienbetrug geht, erwartet.

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Ähnlich hat es Netflix wohl auch mit dem Einstieg in die unterhaltenden Showformate für den deutschen Markt gehalten. Zwar ist "Sing On! Germany" mit Palina Rojinski recht unterhaltsam, aber eben auch: sehr erwartbar. Dass Palina gut moderieren kann, bezweifelt keiner – und jeder mag Karaoke. Wo ist der Durst nach Neuem, Netflix? Ich will etwas Aufregendes, eine innovative Reality-Show wie "Love Is Blind", die mir meine krude deutsche Gesellschaft vor Augen führt.

Der Punkt ist jedoch der: Am Ende werden trotzdem ziemlich viele Leute "Freaks" oder "Das letzte Wort" streamen, zumindest in Deutschland. Ich bin mir nicht so sicher, ob diese Formate das internationale Publikum anziehen können, so wie etwa "How To Sell Drugs Online (fast)" oder "Dark" es getan haben.

Netflix ist ein Unternehmen wie jedes andere auch: Es muss wirtschaftlich erfolgreich sein. Es will wachsen. Nur auf Innovationen kann keiner setzen, der die breite Masse abholen will. Bleibt nur zu wünschen, dass der Streaming-Dienst seine geilen Ansätze und den Mut der Anfangstage nicht aus den Augen verliert. Denn dann könnte aus Netflix ganz schnell ein ziemlich langweiliger Ort werden.

  • Quelle:
  • Noizz.de