... und fragt uns alle: "Wie weit würdest du gehen?"

"Generation Greta", "Die Jugend probt den Aufstand", "Junge Revoluzzer" – überall prangern diese Schlagzeilen im Netz und in den Zeitungen, so als ob die junge Generation von heute ein mysteriöses Rätsel wäre, das keiner verstehen kann – und bei der auch keiner so richtig begreift, was überhaupt ihr Problem ist und was sie bitte schön wollen.

Dabei wäre es doch ganz einfach, sie zu verstehen: Indem man sie einfach mal fragt und ausreden lässt. Genau das tut die neue deutsche Netflix-Eigenproduktion "Wir sind die Welle". Wie der Titel bereits vermuten lässt, orientiert sich die Serie lose an der Prämisse des Jugend-Romans "Die Welle" von Morten Rhue aus dem Jahr 1981. Der wiederum basiert auf einem realen Sozialexperiment des kalifornischen Lehrers Ron Jones, der seinen Schülern zeigen wollte, wie einfach man in einer Gruppe ideologisch manipulierbar ist – in dem speziellen Fall aber eben der nationalsozialistischen Ideologie.

Fast jeder, der nach 1984 geboren wurde – damals erschien die deutsche Übersetzung des Romans – musste diesen Roman in der Schule lesen. Jeder, der nach 2008 das Vergnügen hatte, eine weiterführende Schule zu besuchen, hat die Verfilmung mit Jürgen Vogel als Lehrer gesehen.

Die Serie beginnt, indem sie uns ein bisschen auf die falsche Fährte lockt. Die erste Szene, die man sieht, holt einen genau im Setting der Originalvorlage ab. Wir betreten einen Raum, den überdimensionale Plakate einer Partei Namens "NfD" schmücken, das Logo hat frappierende Ähnlichkeiten mit dem der AfD. Auf der Bühne redet in bester Björn-Höcke-Manier ein weißer, alter Mann. Daneben Helfers-Helfer, die ein bisschen an eben jene Mitläufer aus "Die Welle" erinnern. Da hört es dann aber auch schon auf mit den Gemeinsamkeiten.

Denn diese Bewegung, diese "Welle" ist anders. Ihr Anführer ist ein neuer, geheimnisvoller Mitschüler, Tristan (Ludwig Simon), der den Traum einer besseren Zukunft verfolgt. Mit seiner Attitüde zieht er zuerst die strebsame, beliebte Lea (Luise Befort) in den Bann, später noch die Außenseiter Hagen (Daniel Friedel), Rahim (Mohamed Issa), der viel mehr ist als nur der typische Migranten-Charakter, den man halt so in einer Serie haben muss, und die schüchterne Zazie (Michelle Barthel) .

Was als idealistischer und spielerischer Aufstand gegen das Establishment beginnt, bekommt bald jedoch eine bedrohliche Eigendynamik mit ernsten Konsequenzen. Mithilfe der sozialen Medien planen sie Guerilla- und Protest-Aktionen, die natürlich im Handumdrehen viral gehen. Auch das zeigt, wie Gruppendynamiken heute funktionieren. Sie sind auch virtueller Natur. Die Clique will wachrütteln, ihnen geht es um Themen wie Klimaschutz, sie sind gegen die Gentrifizierung und bekämpfen Nazis.

Es geht vor allem um den Konflikt Jung vs. Alt

"Wir sind die Welle" erzählt auf recht unkonventionelle Weise eine düstere Coming-Of-Age-Geschichte, bei der alle Charaktere erst lernen müssen, mit Wandel und Verantwortung umzugehen – und auch welche Konsequenzen das eigene Handeln haben kann. Würde diese Serie nicht im Jugendmilieu spielen, sie hätte weit weniger Kraft. Mit jeder Folge begreift man als Zuschauer, dass die fünf nach und nach entdecken, wie viel Macht, wie viel Einfluss sie wirklich haben können.

"Wir sind die Welle" ist eine Serie, die so nah am Zeitgeist ist, das es fast Angst macht. Das ist auch Showrunner Dennis Gansel zu verdanken. Der hat nicht nur zufälligerweise auch die allbekannte Filmversion von Morten Rhues Roman "Die Welle" mit Jürgen Vogel in der Hauptrolle 2008 als Regisseur und Drehbuchautor verwirklicht, sondern ist für die Netflix-Serie dahin gegangen, wo sein Publikum ist: in die Klassenräume der Nation. Er hat sich mit Schülern getroffen, sie gefragt, was sie beschäftigt, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen und für welche Themen sie besonders einstehen. Alles wohlgemerkt vor mehr als zwei Jahren.

Den aufflammenden Rechtspopulismus à la AfD hatte man da sehr wohl bereits auf dem Schirm, "Fridays For Future" war da allerdings noch Zukunftsmusik – ihren "Skolstrejk för klimatet" startete Greta Thunberg erst am 20. August 2018.

Der tödliche SUV-Unfall in Berlin Anfang September, die Wahlerfolge der AfD in Brandenburg. Sachsen und Thüringen, das antisemitisch-rechtsradikal motivierte Attentat von Halle am 9. Oktober 2019, die forcierende Wohnungsnot in deutschen Großstädten, durch den sich der Berliner Senat sogar gezwungen sah, einen Mietendeckel einzuführen – all das sind Themen, die die Serie anspricht. Und sie scheinen brisanter und diskussionswürdiger als jemals zuvor.

Das Timing dieser Serie ist ungeheuerlich

Das dies so überzeugend rüberkommt ist natürlich auch dem guten Cast geschuldet. Luise Befort dürfte etwa dem ein oder anderen bereits aus der Vox-Serie "Club der Roten Bänder" bekannt sein. Ludwig Simon wiederum durfte unter anderem in der Amazon-Prime-Serie "Beat" bereits sein Können unter Beweis stellen, und auch die anderen Jungdarsteller spielen ihre Charaktere mit solcher Hingabe, dass man keinen Moment zweifelt, dass sie sich ein Stück weit selbst in diesen Figuren spiegeln. Im Kontrast dazu wirken die Erwachsenen fast schon abartig besonnen und ewig gestrig.

"Das Leben ändert sich in einem Augenblick, aber du merkst es erst hinterher. (...) Er hat das Feuer in uns entfacht" , sinniert Lea zum Abschluss der ersten Folge. Diese reflektierten Monologe wirken manchmal etwas pathetisch und sind gewöhnungsbedürftig, sie zeigen aber auch: Diese Generation braucht keinen Lehrer, keine Autorität über ihnen, um den ideologischen Ehrgeiz – in welcher Ausrichtung auch immer – wecken muss. Das politische Bewusstsein, es kommt von ganz alleine durch die Lebensumstände unserer kaputten Umwelt.

Insofern ist es erfrischend, das "Wir sind die Welle" nicht eins zu eins der Romanvorlage von Rhue und dem amerikanischen Sozialexperiment von 1967 folgt. Es zeigt neue Perspektiven.

Man muss erstmal ein bisschen warm werden mit der Clique von "Wir sind die Welle", als Zuschauer fühlt man sich am Anfang nicht ganz mit einbezogen, erst ab Folge drei, also genau zur Mitte der ersten Staffel, hat man das Gefühl auch dazuzugehören. Man wächst mit den Figuren – genau das stellt einen dann aber auch vor ein Riesen-Problem.

Denn eigentlich sind Tristan, Lea, Hagen, Zazie und Rahim doch eigentlich auf der guten Seite. Sie wollen die Erde vorm Klimawandel retten. Sie verachten Rassisten, sie nehmen es nicht tatenlos hin, dass Waffen an Terroristen verkauft werden – aber heiligt dieser Zweck auch die Mittel? Die Serie gibt darauf keine klare Antwort, sie stellt sich auf keine Seite. Sie verherrlicht weder Linksextremismus, noch missachtet sie die rechtspopulistischen Tendenzen in Mitten unserer Gesellschaft. Am Ende bleibt die Empfehlung, dass der friedliche Protest wahrscheinlich doch die beste Lösung sein dürfte.

Nach "Dark", "how to sell drugs online (fast)" und "Skylines" zeigt Netflix erneut, dass deutsche Serien durchaus mit internationalen Produktionen mithalten können und keinesfalls peinlich sein müssen. Vielleicht ist "Wir sind die Welle" die bisher relevanteste Produktion in dieser Reihe. Weil sie politische Missstände anspricht und einer Generation eine Stimme gibt, die sich noch viel zu oft missverstanden sowie unerhört fühlt.

Die erste Staffel von "Wir sind die Welle" kannst du ab sofort auf Netflix sehen.

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Quelle: Noizz.de