Gerade als Hetero nicht!

Als "Pose" rausgekommen ist, habe ich die Serie sofort auf meine Watchlist bei Netflix gepackt. Die Prämisse klang gut: eine Serie über die Ballroom-Szene im New York der 80er Jahre. Doch statt mich gleich in die scheinbar schillernde Welt der Hauptdarsteller*innen Billy Porter, Indya Moore und MJ Rodriguez zu werfen, wartete "Pose" monatelang ungeduldig in meiner Liste, nur um vermeintlich nie ausgewählt zu werden.

Am vergangenen Wochenende hab' ich es dann endlich getan – auf Play gedrückt. Und oh mein Gott ist diese Show gut. Erst einmal vorweg: "Pose" hat einen der diversesten Casts der Fernsehgeschichte. Fünf trans* Frauen spielen in der Produktion mit, daneben etliche weitere queere Schauspieler*innen, die allesamt durch ihre eigene Lebenserfahrung so wahnsinnig authentisch spielen. Schon alleine das macht die Show zu einem schauspielerischen Meisterwerk, dass es so weder bei Netflix, noch auf Amazon bisher gegeben hat.

Welcome to the House of Evangelista

Die erste Folge ist unfassbare 76 Minuten lang, davon sollte man sich allerdings nicht abschrecken lassen. Denn sie stellt schon zu Beginn das Leben der Protagonist*innen so ausgiebig und liebevoll vor, das man gar nicht anders kann, als sofort süchtig zu werden.

In "Pose" geht es um Blanca, die nach einer HIV-Diagnose ihr eigenes House gründen möchte und damit verlorene Seelen der LGBT*-Community in der Bronx ein Zuhause geben – und natürlich Balls gewinnen will. Das erste Kind des House of Evangelista ist Damon, ein obdachloser 17-jähriger Tänzer, der von seinen Eltern wegen diesem Traum und seiner Homosexualität vor die Tür gesetzt wurde. Angel, eine Sexarbeiterin, die sich jeden Abend am Pier prostituiert, nimmt Blanca ebenfalls auf.

Trans* Frau Angel, gespielt von der unvergleichbaren Indya Moore, stiehlt mit ihrer Rolle garantiert jedem Menschen das Herz, der sie nur einen Moment zu lange betrachtet. Sie beginnt im Laufe der ersten Staffel eine Affäre mit einem Wall-Street-Typen, Evan Peters, der wie ein Ticket aus ihrer Armut erscheint. Doch seit wann kann man sich auf erfolgreiche Cis-Männer verlassen?

Gerade die Beziehung der beiden ungleichen New Yorker sorgt dafür, dass man schon nach zwei Folgen komplett emotionally invested ist. Die beiden haben eine unvergleichbare Chemie, die sich wahnsinnig schnell auf mich übertragen hat. Man hat fast das Gefühl, man steckt selbst mit drin, in dem ewigen Hin und Her zwischen Suburbs und Bronx.

Vogue, Shade und alles dazwischen

Neben der Beziehung zwischen Angel und Stan ist natürlich die Ballroom-Szene, die durch die legendäre Dokumentation "Paris Is Burning" international bekannt wurde, ein allumfassendes Thema von "Pose". Ein Ball, das ist ein Event, bei dem Mitglieder der queeren Community in verschiedenen Kategorien auf der Tanzfläche performen, um eine Jury zu überzeugen und den Grand Price zu gewinnen. Statt findet ein solches Happening in einem Ballroom.

In dieser Szene entstand der Tanzstil Voguing, der einige Jahre nach der Entstehung in der queeren PoC-Community auch von Madonna in dem Song "Vogue" aufgegriffen wurde. Die schillernden Outfits und krassen Voguing-Skills der Protagonist*innen sind einfach geil anzusehen – das ist klar. Doch auch der Zusammenhalt der Community, die auch in den 80ern noch immer an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurde, ist Folge um Folge herzerwärmend und inspirierend.

"Pose" thematisiert nicht nur die Highlights der queeren New Yorker, wie wöchentliche Balls, sondern auch die AIDS-Epidemie

... die in den 80ern und frühen 90ern wahnsinnig vielen LGBT*-Menschen das Leben gekostet hat. Mit jeder Folge wird einem mehr klar: der tödlichen Infekt lauert an jeder Ecke und niemand ist sicher davor, in nur wenigen Wochen das eigene Leben zu verlieren. Und so hofft man mit jeder Minute, dass weder Blanca, noch Prey Tell alias Billy Porter, dieser elendige Tod ereilt, der zur Tagesordnung der Community gehört.

"Pose" ist eine wunderschöne und herzzerreißende Darstellung einer Gemeinschaft, die gerade in Europa noch viel zu wenig Beachtung findet. Die Serie zeigt: Die New Yorker Ballroomszene der 80er war legendär: bunt, oberflächlich und die perfekte Flucht aus der grausamen Realität von AIDS und einer homophoben Gesellschaft. Das Thema ist nicht immer leicht verdaulich, doch es lohnt sich, "Pose" endlich von der Wartebank zu holen.

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Quelle: Noizz.de