Hauptdarstellerin Shira Haas, Jeff Wilbush, Showrunnerin Anna Winger und Deborah Feldman, auf deren Lebensgeschichte die Serie basiert, haben uns verraten, wie es sich angefühlt hat, in das Leben von Esty einzutauchen.

Stell dir vor, du wächst in dem Glauben auf, alles drehe sich in deinem Leben nur um eine drohende Apokalypse. Dass alles Schlechte, was da draußen auf der Welt passiert, eine Bestrafung dafür ist, dass du irgendwelche Regeln nicht genauso befolgt hast, wie es von dir verlangt wird. Es ist ein Leben unter ständigem Druck, konform zu sein, Angst zu enttäuschen und Scham sollte man doch nicht perfekt sein. Ein manipulatives Denkmuster mit dem Deborah Feldmann mehr als 20 Jahre lang Leben musste.

Sie wuchs in einer der strengsten jüdischen Glaubensgemeinden im New Yorker Stadtteil Williamsburg auf, unter Satmarer Chassiden. Sie entschieden für sie, was sie tragen sollte, lesen durfte, wen sie heiratet. Mit 17 heiratete sie einen Mann, den sie nur bei einem arrangierten Treffen vorher flüchtig kennengelernt hatte. Erst 2009, mit 23 Jahren, fasste sie ihren Mut zusammen, nahm ihren Sohn und kapselte sich von der Gemeinde ab. Als sie das Sorgerecht für ihn trotz aller Schwierigkeiten gewinnen konnte, zog sie nach Berlin. Ihre Geschichte, die vielmehr als nur eine Emanzipationsstory ist, sondern auch Einblick in eine sture, rigide und zutiefst konservative Welt gibt, kann man in dem autobiografischen Roman "Unorthodox" nachlesen, auf dem auch die gleichnamige Netflix-Serie basiert.

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Hier kannst du nochmal in Ruhe nachlesen, worum es bei "Unorthodox" geht:

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Für Feldman war es lange undenkbar, dass ihr eigenes Leben Teil eines Films oder einer Serie werden könnte: "Damals, als in Amerika das Buch erschienen ist, hatte ich schon eine Filmagentur, Angebote aus Hollywood – aber immer mit männlichen Produzenten und ihren Interessen. Das hat nie wirklich gepasst für mich. Die Leute wollten immer gleich etwas ganz Großes daraus machen." Als sie sich in Berlin mit den beiden Filmemacherinnen Alexa Karolinski ("Oma & Bella") und Anna Winger angefreundet hat, habe sie schnell gemerkt, dass beide das Zeug dazu haben, ihre Geschichte sensibel, emotional und nah zu zeigen – und dass dabei auch etwas Neues entstehen kann.

"Am Anfang haben wir die Idee auch nicht wirklich ernstgenommen – aber als sie sich verfestigt hatte in unseren Köpfen, haben wir beschlossen, dass es klar von dem Buch abweichen soll. Vor allem die Gegenwart. Damit es für sich selbst stehen kann – und damit ich auch mein Privatleben haben kann", sagt die Autorin. Ihr war es aber auch wichtig, mit ihrer Geschichte anderen Aussteigern Mut zu machen. Als sie diesen Schritt gegangen sei, habe es nur wenige Austeiger*innen aus der Glaubensgemeinschaft gegeben, die sich so streng abschotteten. Heute sind es viel mehr.

Deborah Feldman (l.) hat sogar einen Cameo-Auftritt in der Serie.

Als "Unorthodox" auf Netflix erscheint, erleben viele von uns zum ersten Mal, was es heißt, eingeschränkt zu sein, sich zurückziehen zu müssen aufgrund einer abstrakten, für uns nicht sichtbaren Bedrohung, einem Virus. Ein Gefühl, das Feldman leider nur zu gut kennt, wie sie erzählt: "Ich komme aus einer Welt, die ganz stark durch ein Apokalypsedenken geprägt ist. Das kommt jetzt alles zurück zu mir – "It comes back home", wie man so schön sagt. Das ist ein bisschen beunruhigend für mich. Das Abschotten in den eigenen vier Wänden, es ist mir leider vertraut."

Showrunnerin Anna Winger über "Unorthodox": ""Mich hat es berührt, wie alle – egal ob in größeren oder kleineren Rollen – mit der Zeit so gute Freunde geworden sind"

Dass die Serie eine viel universalere Ebene aufbaut, war auch ein großes Anliegen von Showrunnerin Anna Winger. "Auf der einen Seite ist es die Geschichte über eine sehr kleine, obskure Gemeinde, über die man nur sehr wenig weiß. Auf der anderen Seite ist Estys Reise und die Suche nach sich selbst eine Geschichte, mit der sich sehr viele identifizieren können", findet sie. Eine solche Serie in so einem ungewohnten Kontext produzieren zu können, empfand sie als eine außergewöhnliche Chance.

"Es war ein großes Privileg, diese Serie in Jiddisch zu drehen – und auch, dass sie uns die Chance gegeben haben, eine Mini-Serie zu machen, die sehr lange nachwirken kann und für sich stehen kann", verrät sie mir. Winger ist nicht neu im Seriengeschäft. Mit "Deutschland 83" und "Deutschland 86", die sie zusammen mit ihrem Ehemann Jörg Winger umgesetzt hat, hat sie sich bereits an einem Stoff, der auf wahren Hintergründen beruht, versucht. Trotzdem war die Arbeit an "Unorthodox" für sie eine andere Herangehensweise – nicht nur, weil sie mit Deborah Feldman auch privat befreundet ist.

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Für sie war es ziemlich anders, an der Geschichte einer real existierenden Person zu arbeiten,"aber wir hatten ja viele Freiheiten." Einfach nur einen Roman ganz klassisch zu verfilmen, liege ihr nicht so, wie sie erklärt: "Ich tendiere dazu, Sachen aufzubrechen und neu zusammenzufügen. Allerdings liebe ich es, mit realen Bezügen zu arbeiten. Sogar 'Deutschland 83' entsprang einer langen Recherche und trägt neben all den fiktiven Charakteren sehr viel Historisches in sich. Dieses Zusammenspiel interessiert mich sehr.“

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Dass die Serie auch in der Wahlheimat der US-amerikanischen Autorin und Filmemacherin spielt, spielte ebenfalls eine besondere Rolle – vor allem weil man dadurch neues, junges, jüdisches und multikulturelles Leben in der Stadt zeigen konnte. "Das war ein Grund, wieso wir es gemacht haben", sagt sie. "Um zu zeigen, dass es eben diese Bewegung gibt, und dass das nicht einmalig ist. Unsere Darsteller kommen von überall. Wir wollten zeigen, wie international Berlin ist."

Auch Schauspieler Jeff Wilbusch, weiß wie es sich anfühlt, alles los zulassen

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"Der Talmud sagt, wenn nicht ich, wer dann? Wenn nicht jetzt, wann dann?", sagt Esty in einer Szene, kurz bevor sie sich aufmacht, so weit weg wir nur irgend möglich von ihrer chassidischen Gemeinde in New York zu fliehen – ohne jemandem etwas zu sagen. Es ist eine Szene, in der jedem mit einmal bewusst wird, wie viel für sie auf dem Spiel steht: Sie verlässt all das, was sie bisher ihr Zuhause nannte. Wie sich so etwas anfühlt, weiß Jeff Wilbusch (bekannt aus "Bad Banks"), der Estys Cousin Moishe spielt, nur zu gut.

Wie alle Darsteller der Serie, hat auch er einen jüdischen Hintergrund. Für ihn war "Unorthodox" noch einmal etwas ganz Besonderes, denn irgendwie ist es auch seine Geschichte. Er wuchs in Jerusalem auf, seine Familie lebte und erzog ihn orthodox, eher er zum Schauspielstudium nach Deutschland ging. "Meine Agentin hatte mich angerufen und meinte: 'Du, Jeff, es gibt Gespräche für ein Serienprojekt – es geht um eine jiddische Rolle'", erinnert sich Wilbusch an den Moment zurück, als er das erste Mal von dem Serienprojekt hört und auch, wie verwundert er eigentlich war: "Und ich dachte mir nur: 'Hä, jiddische Rolle?!‘ Noch nie, nie, nie hatte ich vorher eine Anfrage auf Jiddisch bekommen. Ich habe erstmal nachgefragt, ob sie sich sicher sei."

Szene aus "Unorthodox"

War sie. Als er dann das erste Mal auf die Macher Alexa Karolinski und Anna Winger traf, habe er sich ganz in Ruhe angehört, worum es in der Serie gehen solle, dass er Jiddisch lernen müsse und so weiter. Nach einer kurzen Pause sagte er: "Ich kann Jiddisch. Das ist im Prinzip wie meine Geschichte." Der Schauspieler war sich sicher, sie dachten, da komme eben einfach ein deutscher Schauspieler, in dessen Vita stehe, er könne Jiddisch: "Aber meistens ist das bei solchen ungewöhnlichen Sprachen so, dass man das vielleicht ein bisschen kann. Bei mir ist es aber die Sprache meiner Kindheit, ich bin damit großgeworden. "

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Für ihn war es eine außergewöhnliche und sehr emotionale Erfahrung in die Rolle von Moische zu schlüpfen. "Moische ist für mich der komplexeste Charakter. Es war sehr intensiv für mich, ihn zu spielen. Alleine die Klamotten zu tragen – nach 20 Jahren! Die Sprache nach 20 Jahren wieder zu sprechen. Ich habe sie seitdem nicht mehr richtig gesprochen", sagt er über seine Rolle. Dabei ist Moische kein Sympathisant in der Serie, er ist eine tragische Figur: "Er hat den Absprung nicht geschafft. Er hat es versucht – das wird in der Serie ja angedeutet – aber er hat es nicht geschafft. Er ist zurückgekommen: Mit Schulden, mit einer Sucht. Und so versucht er sich in seine Familie zurückzukaufen. Er will ja eigentlich gar nicht nach Berlin. Aber als der Rabbi es ihm sagt, geht er. Der Rabbi hat hier eine sehr große Macht."

Jeff Wilbusch als Moishe in "Unorthodox"

Gerade das habe ihn sehr daran fasziniert – er habe sehr lange gebraucht, um diese Rolle zu verarbeiten: "Ich musste danach auch Abstand von Moische gewinnen. Ich bin in New York zu einem Barber Shop gegangen und habe mich ganz glatt rasieren lassen, um etwas abzuwerfen. Aber aus irgendeinem Grund konnte ich ganz lange nicht aufhören, diese Yankee-Mütze zu tragen. Ich konnte nicht ganz loslassen von Moische. "

Während des Drehs sei ihm etwas ziemlich klargeworden, dass er so davor für sich noch nicht festmachen konnte: "Wenn es wirklich keine Orthodoxen mehr gäbe, würde mich das traurig machen. Das ist ein Teil meiner Identität." Für ihn sei das Besondere bei "Unorthdox" gewesen, dass die Serie mit sehr viel Liebe gemacht wurde. "Neben der Kritik an der Gemeinde und den krassen Szenen, schafft sie Awareness. Aber sie ist niemals anti-jüdisch oder anti-chassidisch. Die Serie schafft es, dass man eher etwas versteht über die Gemeinde. Sie wirken vielleicht wie komische Menschen, weil sie keinen Augenkontakt halten, sich isolieren – aber im Endeffekt bringt die Serie sie uns näher", sagt er.

Für Shira Haas ist es die erste große Hauptrolle gewesen

Nicht nur für Jeff Wilbusch waren die Dreharbeiten eine ziemlich einmalige Erfahrung, auch Hauptdarstellerin Shira Haas hat das direkt gespürt. Für die 24-jährige israelische Schauspielerin war es ihre erste große Hauptrolle. "Diese Geschichte zeigt, wie viel Kraft darin steckt, anders zu sein, aber auch dass man ein Recht darauf hat, anders zu sein, und wie wichtig es ist, eine eigene Stimme zu haben", findet sie. Besonders der Kontrast zwischen dem modernen Jetzt in Berlin und den traditionellen, chassidischen Szenen der Vergangenheit in New York, die zum Großteil jedoch in Berlin gedreht wurden, seien ihr besonders in Erinnerung geblieben – da habe sie sich genauso wie Esty fühlen können.

Shira Haas als Esty in einem Berliner Club

Es ist ihr nicht leicht gefallen, sich darauf vorzubereiten, es sei sehr intensiv gewesen – aber auch sehr schön, wie sie uns im Interview verrät: "Ich bin anderthalb Monate vor den Dreharbeiten nach Berlin gekommen, um mich vorzubereiten – Jiddisch lernen, eine Sprache, die ich vorher nicht kannte, ein Dialektunterricht für Englisch und Jiddisch, Klavierunterricht, Gesangsunterricht und Gesang." An Estys Figur habe sie vieles gereizt und fasziniert, besonders aber habe sie an ihr geliebt, dass sie "wirklich präsent ist. Sie ist im 'Hier und Jetzt'. Sie ist sich ihrer Gefühle bewusst und fühlt alles so tief. Was für sie sowohl ein Segen als auch ein Fluch ist. In ihrer Welt, die Konformität erfordert, ist es sehr problematisch, sich anders zu fühlen und Fragen zu haben."

Als sie Deborah Feldman zum ersten Mal getroffen habe, während der Dreharbeiten, sei sie sehr zurückhaltend gewesen, sie kannte ihr Buch ihre Geschichte. Die Aufregung habe sich aber schnell gelegt, wie sie sagt: "Nach dem Treffen haben wir uns einige Male am Set und auch in Berlin und Israel getroffen. Wir haben eine sehr gute Verbindung. Unsere Beziehung ist sehr einzigartig und besonders. Ich fühle mich geehrt, ihre Geschichte zu porträtieren, auch wenn sie 'nur' von ihr inspiriert ist."

"UNorthodox" erzählt in vier Teilen die Geschichte von Etsy.

Eine der eindringlichsten Szenen in der Serie ist die, als Esty mit ihren neuen Berliner Freunden am Wannsee ist und sich dort ins Wasser begibt, ganz langsam, ihre Perücke abzieht – und damit das erste Mal sie selbst in der Öffentlichkeit sein kann. Eine Szene, die auch für Shira Haas eine ganz besondere, symbolische Bedeutung hat: "Im Wannsee zu sein, an dieser historischen Stätte (dort haben die Nationalsozialisten 1942 die Shoah an den europäischen Juden geplant, Anm. d. Red.), ist für Esty wirklich ein Moment, in dem sie sich entscheiden muss, ob sie in der Vergangenheit oder in ihrem früheren Leben stecken bleibt – oder sich erlauben möchte, loszulassen und diese Reise zu beginnen." Es sei wie ein "Saubermachen und von neu beginnen – es ist ein so wichtiger symbolischer Wendepunkt für den Charakter."

Auch für Showrunnerin Anna Winger ist das eine ganz besondere Szene, wie sie erklärt: "Sie ist inspiriert von Billy Wilders 'Menschen am Sonntag', ein Stummfilm aus dem Jahr 1930, der in Dauerschleife im Jüdischen Museum in Berlin zu sehen ist. Diesen Film habe ich immer geliebt und deshalb ist diese Szene als eine kleine Hommage zu verstehen."

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Und das zeigt auch die Kraft der Serie. "Unorthodox" erzählt nicht nur die Geschichte über eine krasse Gemeinde chassidischer Satmar-Juden in New York und wie es ist, von dort auszubrechen – auch wenn es das, dank Darsteller und Macher, sehr authentisch tut. In erster Linie ist es eine Geschichte darüber, wie man sich von etwas befreit und die Vergangenheit loslässt, auch wenn sie immer da sein wird.

Die vier Folgen von "Unorthodox" kannst du seit dem 26. März 2020 auf Netflix streamen.

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  • Quelle:
  • Noizz.de