Wir haben sie uns für euch angeschaut.

Ich kenne mich wenig mit der hiesigen Elektro- und Techno-Szene aus, musikalisch schon eher als mit der Club-Szene selbst. Ich höre Moderat, Caribou und Jon Hopkins, aber einfach nur weil es mir gefällt. Ich war noch nie tagelang in einem Club unterwegs. Höchstens eine Nacht. Auf MDMA oder Koks war ich auch noch nie.

Techno ist das einzige moderne Genre, das eine ureigene deutsche Kreation ist, so viel weiß ich. Und die Techno-Subkultur ist eine der offensten und diversesten, die man sich vorstellen kann: Toleranz, Liebe, Freiheit. Kein Platz für Fremdenhass, Homosexualität wurde in Technokreisen nie tabuisiert. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis sich ein Streamingdienst dieser Thematik annehmen würde.

Bisher punkteten deutsche Serien und Filme eher mit historischen Stoffen, entweder DDR oder Nazis. „BEAT“ ist im Hier und Jetzt. Ein Projekt, das leicht scheitern kann. Dementsprechend kritische Vorab-Haltung aller (inklusive mir). Die Promobilder: unglücklich gewählt, fast schon bieder-spießig, sie haben nichts mit dem gemeinsam, was man mit der Berliner Techno-Szene verbindet.

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Gedreht wurde allerdings an namhaften Orten, die mittlerweile nicht mehr nur Teil einer „Szene“ sind, sondern in jedem Berliner Reiseführer auftauchen, um ein authentisches Hauptstadterlebnis zu bekommen: Watergate, KitKat oder im Kraftwerk. Beste Voraussetzungen also für eine authentische Techno-Serie.

Regie bei „BEAT“ führte Marco Kreuzpainter. Der erlaubt sich bei den Titeln jeder Episode eine kleine Spielerei mit dem Genre: So hören die Folgen auf Termini wie „BPM“, „DROP“, „LOOP“ oder „CODA“. Es ist die zweite deutsche Eigenproduktion für Amazon Prime Video nach „You are Wanted“ mit und von Matthias Schweighöfer. Sieben Folgen mit je 60 Minuten Länge ist die erste Staffel lang – vergleichsweise kurz für eine Serie bei einem Streamingdienst, die ARD hätte in ihrem Programm aus „BEAT“ wohl nur einen Vier-Teiler gemacht.

In der Serie geht es um Club-Promoter Robert Schlag, genannt Beat – der ist wohl besser vernetzt als jeder andere in der Berliner Techno-Szene. Um an die Hintermänner eines kriminellen Netzwerks zu kommen, wird Beat vom Europäischen Geheimdienst rekrutiert. Auf der Jagd nach den Drahtziehern des organisierten Organ- und Waffenhandels wird Beat von seiner eigenen Vergangenheit eingeholt und gerät schnell an seine persönlichen Grenzen.

Techno hat eine entspannende und befreiende Tiefe, einen Hauch des Spirituellen. Ein Gefühl, dass sich durch BEAT schlängelt. Bei allem oberflächlichen Exzess und scheinbaren Hedonismus wird man als Zuschauer eher in einen Bann gezogen, teil eines eingeschworenen Zirkels, der ständig auf der Suche ist. Nach sich, nach der Wahrheit – wer weiß das schon?

Die Serie ist rau, mit einer expliziten Bildersprache, die auch zeigt, wie Organe entnommen werden (daher der Post-„Anatomie“-Vibe) oder Leichen von der Clubdecke tropfen. In „BEAT“ wird das Club-Milieu zu einem Ort tiefer, tragischer Abgründe, einer dunklen, wenngleich verführerisch-sexyen Seite. Und genau damit kämpft auch Robert „Beat“ Schlag sich durch jede Folge.

Die Serie irritiert für deutsche Verhältnisse, sie bleibt lange vage. Auch wenn das Thriller-Krimi-Element um so plumper eingebaut wird. Trotzdem bleibt die Serie spannend, obwohl man am Ende doch genau weiß, was passieren wird. Es gibt viele Tote, „BEAT“ ist am Ende auch eine Art Totentanz.

„BEAT“ lebt von der Opulenz seiner Szenenbilder, die sich nahtlos aneinanderfügen und mit dem passenden Soundtrack untermalt werden. Bestes Beispiel dafür, wie gut das funktioniert, ist das Ende der fünften Folge. Die Orgie in den Hotelsuiten eines russischen Unetrnehmers / Mafiabosses wird metaphorisch untermalt von Chapeau Claques „Zusammen im Kreis“. Dazu die Zeilen: „Dreh dich Liebster, dreh dich schneller. Dreh dich ganz zu mir, du weißt, die Zeit, die uns noch bleibt, ist endlich. Drehen wir uns, solang sie reicht."

Am Ende setzt sich ein Protagonist den berühmten letzten Goldenen Schuss.

In Deutschland gibt es anscheinend nur eine Handvoll eingeschworener Schauspieler für so eine Serie. Ihren Job machen sie jedoch verdammt gut. Kostja Uhlmann spielt den Psychopathen Jasper Hoff so gut, dass man es mit der Angst zu tun bekommt – hat der wirklich auch mal in Liebesfilmen mitgespielt?

In ungewohnter Bösewicht-Rolle: Alexander Fehling als Chefkoordinator eines Organ-, Waffen- und sonstigen Kriminalitäten-Geschäfts. Jannis Niewöhner, den man sonst eher aus Teenie-Liebesfilmen kennt, darf als „Beat“ erstmals in einer ernsten Rolle zeigen, was er draufhat.

Der Titeltrack stammt vom Berliner Breakcore- und Dubstep-Musiker Ben Lukas Boysen, das Schlussstück vom Berghain-Resident Marcel Dettmann. Abgesehen davon bleibt Techno außer den ständigen Clubszenen, die eher als Kulisse fungieren, und einer dezenten Hintergrundbeschallung bekannter Techno-Stücke eher ein Rahmen als wirkliches Thema in der Serie. Klar, Robert ist klar in der Subkultur verwurzelt, genauso wie sein gesamtes freundschaftliches Umfeld. Sie leben Techno, es gibt schwule Pärchen, Fetisch, Anhänger jeglicher Nation, es gibt Drogen en masse, auch die Problematik, die damit einhergeht thematisiert „BEAT“.

Dank des eingeflochtenen Thrillers, der wohl das Massenpublikum anlocken soll, bleibt es aber bei einer recht oberflächlichen Milieu-Studie. Wer weiß, ob sie in einer möglichen zweiten Staffel tiefer gehen wird.

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Quelle: Noizz.de