Es startet mit einer lesbischen Sexszene auf dem Klo der Deutschen Bahn.

In nur acht Minuten finden die ganz großen Themen Platz. Dafür, dass die Episoden der neuen funk-Webserie „Straight Family“ so ultrakurz sind – die komplette erste Staffel der Serie ist in nur 40 Minuten durch – kommen trotzdem Schwierigkeiten zur Sprache: das erste Outing, aber auch der Alltag nach dem Outing, erste Erfahrungen mit Drogen und Geschäfte mit psychedelischem Schnaps.

Angst vor Ausländern, Generationskonflikte, dann aber auch zögerliches Verständnis für die Jüngeren. Liebe. Die chaotisch-neurotische Familie, wie jeder sie hat.

Darum geht's: Leo ist der schwule Sohn, betreibt mit Freund Mehmet eine queere Kneipe, die seit 1973 im Familienbetrieb geführt wird – Schauplatz für den Konflikt. Früher eine urtypische Stammkneipe, in der „normales Bier und die einfachen Dinge“ geschätzt wurden, wie Oma Magda (großartig gespielt von Us Conradi) zu sagen pflegt.

Heute Treffpunkt für die LGBT-Community. Seniorin Magda ist bei „so was“ empfindlich, allgemein der Typ radikale Rentnerin, total weit weg von Toleranz. Sie war Jahrzehnte die Schirmherrin hinterm Tresen und ist Familienoberhaupt.

Die alte Grantel hat noch die Geschäftsfäden in der Hand – deshalb verstecken Mutter Irina, Leo und Schwester Lara die LGBTQ-Kneipe auch immer mit Requisiten aus der „guten, alten Zeit“, wenn Oma Magda zum seltenen Besuch kommt. Doof nur, dass Lara seit ihrer Auszeit in Neuseeland klar weiß, was sie schon ahnte: Sie ist lesbisch.

Und Lara hat kein Bock mehr, die heile Heterowelt zu spielen.

40 Minuten, sieben Drehbuchautoren, vier Regisseurinnen, die kreativen Köpfe allesamt junge Studierende der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin.

Feder führte Jana Buchholz, bekannt für die schwarzhumorigen ARTE-Webserien „Paare“ und „Mann/Frau“.

[Mehr zum Thema: Die Netflix-Serie „Queer Eye“ hat ihren ersten Emmy bekommen!]

Aus ihren Ideen und Erfahrungen ist die Webserie entstanden, viele verschiedene Blickwinkel für die kurze Spielzeit.

Vorbild waren amerikanische Serien, man merkt die Vibes.

Auch cool: Am Ende jeder Episode rufen die Schauspieler der Serie die Zuschauer zum Mitdiskutieren über die thematisierten Probleme auf – direkte Interaktion mit dem Publikum, was wiederum helfen soll, in Zukunft Formate zu produzieren, die wirklich zeitgemäß sind.

Wir haben uns die Serie für euch komplett angeschaut und finden, der Stoff macht richtig süchtig!

Achtung: Spoiler! Ein paar Szenen und Sätze waren sogar so stark, dass sie nachhaltig bei uns im Kopf rumspuken.

Drei Sätze aus „Straight Family“, die wir feiern, weil wir sie eins zu eins auch schon mal so ähnlich gesagt haben:

1. „Wenn alles so perfekt ist, kommt bei mir immer ein bisschen Kotze hoch.“

2. „Toleranz heißt für mich, dass wir nett zu einander sind, obwohl wir uns nicht verstehen.“

3. „Ich habe ja was gegen Verallgemeinerungen, aber: Werd nie wie die Deutschen.“

Was die Dialoge der Serie umso realistischer macht, sind auch die Sprüche, die Lara und Leo klopfen, um das verletzende Verhalten der Oma oder Mama nicht an sich ranzulassen. Genauso kennt man es aus dem eigenen Alltag.

Diese drei Sätze sind in der jeweiligen Serien-Situation superkraftvoll:

1. Der schwule Bruder Leo sagt zu seiner lesbischen Schwester Lara nach ihrem Coming-Out:

„Wenn du jetzt nicht wieder reingehst, ist das wie aufgeben. Mama hat es bei mir verkraftet, sie wird’s bei dir auch verkraften.“

2. Mutter Irina entschuldigt sich schuldbewusst bei ihrer Tochter Lara: „Es tut mir Leid Lara, ich brauche immer ein bisschen länger als andere Menschen.“

3. Die Austauschschülerin Ximena, die eigentlich Lesben ablehnt, nimmt Lara plötzlich bei der Oma Magda in Schutz: „Lara IST eine richtige Frau.“

Wie im echten Leben haben die „Straight Family“-Charaktere auch deshalb schlagfertige und schlaue Antworten parat, weil sie für ihre Sexualität angegriffen werden, Cringe-Moment erleben.

Das zeigen folgende fünf Sätze und Wörter, die sowas von jeder – leider – schon mal gehört haben muss, der sich offen als LGBTQ identifiziert:

1. „Wenn es so weiter geht, wirst du nie Kinder haben.“

2. „Du bist nur in einer Phase.“

3. „Hättest du ihr nur was beigebracht, was eine richtige Frau ist, wäre sie nicht so verrückt im Kopf geworden.“

4. „Schwuchtel“

5. „nicht normal“, „geisteskrank“

Auch die Beziehungen sind angenehm wirklichkeitsgetreu dargestellt.

Die Serie beginnt mit einer lesbischen Sexszene auf dem Reiseklo der Deutschen Bahn.

Allein dafür feiern wir die Macher der Serie, denn das Liebesspiel zwischen Lara und der schönen Unbekannten ist so, wie sowas nun mal auch im echten Leben abläuft.

[Mehr zum Thema: Unsere Autorin ist enttäuscht von dieser bisexuellen Single-Show]

Das Geschwisterpaar Lara und Leo, dass sich kennt und liebt, neckt und streitet, piesackt und pusht, ist frei von Klischees, die sonst solche Geschichten schal machen: alles Friede Freude oder Beef hoch hundert. Der Bruder oder die Schwester wird immer bevorzugt oder vernachlässigt. Das eine Kind ist schwul, das andere hetero.

Nö, darauf verzichten die Macher der Webserie, deswegen guckt sich die auch so schnell und natürlich weg und hinterlässt das Gefühl, dass das so wirklich passiert ist: Diese kurze Geschichte aus dem Alltag einer ganz normalen, lesbisch-schwul-queer-straighten Familie mit ihren Macken und Neurosen, ohne biedere Aufklärungsversuche oder erhobenem Moralzeigefinger.

Sehenswert!

Hier könnt ihr euch die erste Staffel „Straight Family“ kostenlos komplett anschauen.

Quelle: Noizz.de