Als Kind habe ich die Serie geliebt, als erwachsene Frau verstehe ich sie endlich auch in ihrer vollen Bedeutung.

"Bei der Macht des Mondes!" – bei wem jetzt nicht gleich Kopfkino losgeht, der hat wohl noch nie eine Folge "Sailor Moon" in seinem Leben gesehen. Die Anime-Serie feiert in diesem Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum. Ein Vierteljahrhundert "Sailor Moon". Das bedeutet auch 25 Jahre Kampf für Liebe, Freundschaft und Gerechtigkeit – alles in einer Anime-Serie.

Ich habe "Sailor Moon" und ihre Hauptfigur, das japanische Schulmädchen Usagi Tsukino mit dem Spitznamen Bunny, geliebt. Für alle, die die Serie nicht mehr so auf dem Schirm haben, hier eine kurze Zusammenfassung: Bunny ist eigentlich eine ganz normale 14-Jährige. Bis sie die sprechende Katze Luna trifft, die Bunny ihr Schicksal als Sailor Moon, Kriegerin für Liebe und Gerechtigkeit, offenbart. Sie soll die Mondprinzessin finden, um die Erde und den Mond zu retten. Dabei helfen sollen ihr andere Sailor-Kriegerinnen, die später ihre besten Freundinnen werden sollen: Sailor Merkur, Mars, Jupiter und Venus.

Später stellt sich heraus, dass Bunny selbst die gesuchte Mondprinzessin ist. So kann es gehen. Es folgten Specials in Filmlänge und 2012, zum 20. Geburtstag, ein Remake namens "Sailor Moon Crystal", das eigentlich den gleichen Plot in einem moderneren Gewand hatte. Pünktlich zum aktuellen Jubiläum wurde ein zweiteiliger Kinofilm mit dem Titel "Sailor Moon Eternal" angekündigt.

Eigentlich ist "Sailor Moon" ein sogenannter Shōjo-Manga der Zeichnerin Naoko Takeuchi, die jede Figur nach sich selber oder Personen in ihrem Umfeld gestaltet hat. Shōjos sind Comics speziell für junge Mädchen zwischen sechs und 18 Jahren – ich war also total die Zielgruppe. Bunny muss in der Serie ihren Schulalltag inklusive aller Probleme bewältigen, als Sailor Moon rettet sie hingegen die Welt.

Eine weibliche Superheldin, schon mal ungewöhnlich für einen Anime

Schnell aber wurde "Sailor Moon" in den 90ern auch bei Älteren und einem männlichen Publikum populär. Das lag zum einen an dem feinen Gespür der Autorin für Humor – sie persiflierte japanische Angewohnheiten und andere, typisch männliche Manga-Genre wie etwa Sentai, bei denen Helden gegen Dämonen kämpfen. Aber auch, weil die Kriegerinnen verdammt sexy dargestellt wurden und die Kämpfe gegen Dämonen auch sehr actionreich waren.

Erstaunlicherweise hat sogar meine Mama mir als kleine, unschuldige Sechsjährige erlaubt, einmal die Woche "Sailor Moon" anzuschauen, wenn es lief – damals noch im ZDF, später bei RTL II. Meine Schwester stieg schnell mit ein. Ich identifizierte mich mit Sailor Jupiter, sie eher mit Sailor Merkur. Das war auch super an der Serie: Jeder hatte seine Bezugspunkte. Sailor Merkur zum Beispiel war im "echten Leben" ein ziemlich cleveres Köpfchen und wollte unbedingt Medizin studieren. Emanzipation, olé.

"Sailor Moon" war nicht nur einfach eine Anime-Serie

Mit gut 20 Jahren Abstand bin ich nach wie vor Sailor-Moon-Fan, finde es aber erstaunlich, dass meine Eltern einfach so erlaubt haben, das zu gucken und mir auch noch Merch zu kaufen, den es massenweise zu kaufen gab. Die Kämpfe, die Bunny zu bestehen hatte, waren wie erwähnt schon brutal, ihre Verwandlung in Sailor Moon wurde sehr sexualisiert.

Jedes Mal wenn Bunny sich mit Hilfe eines Stabes, einer Brosche oder eines Talismans in Sailor Moon verwandelte, wurde sie in gleißend helles Licht geflutet, von zauberhaften Bändern und Klängen umgeben, ihre Haare wehten im Wind, ganz kurz sah man sie so wie Gott sie schuf, eben nackt und dann trug sie dieses kurze Röckchen, das gerade mal so über ihren Popo ging – und war eine echte Kämpferin.

Das alles war ohne Frage niveauvoll und ästhetisch ansprechend animiert, niemals billig. Aber es spielte mit den Klischees, die es zu oft über Frauen gibt: Sie sind Objekte, haben perfekte Körper. Vor allem Sailor Moons Brüste wurden für ein Schulmädchen schon sehr krass in Szene gesetzt.

Umso erstaunter war ich, als ich mit Anfang 20 das erste Mal akademische Abhandlungen über die Manga-Reihe las, die darin eine Versinnbildlichung der, durch die Pubertät, aufkeimenden Sexualität sehen. Eine Art Superkraft die man, genauso wie Sailor Moon, für sich entdeckt. Ergibt schon Sinn, wenn ich ehrlich bin. Aber als Kind habe ich das mit völlig anderen Augen gesehen.

Gut, das erklärt zumindest schon mal ein wenig meine sexistische Wahrnehmung von Sailor Moon. Apropos Pubertät. Hier findet sich noch ein Grund, wieso "Sailor Moon" eher eine feministische als sexistische Zeichentrickreihe ist. Bunny hat mit Problemen zu kämpfen, die so ziemlich jedes Mädchen in der Pubertät durchmacht. Sie wird als tollpatschig charakterisiert, verguckt sich schnell mal in einen Typen, klatscht und tratscht mit ihren Mädels, aber sie bleibt immer die Entscheiderin.

Auch bei ihrem wohl größten "Makel": Bunny liebt Essen. Sie isst zu gerne, immer und wo sie kann. Keine Folge, in der sie nicht in Rekord-Geschwindigkeit irgendwas in sich rein mampft. Gerade in Japan, wo Mädchen eher zurückhaltend und maßvoll, auch in Sachen Essen, sein sollen, war diese Darstellung im Manga eine Revolution.

Immer wieder gibt es Folgen, in denen Bunny ihrem Babyspeck den Kampf ansagen und trainieren gehen will. Das wird aber so übertrieben dargestellt, dass jedes Mädchen schnell checkt: 'Ach, Bunny, bleib doch so wie du bist.' Auch ihre Freundinnen unterstützen sie dabei.

Männer in einem matriarchalischen Kreis

Wer sich mit Mangas und Animes beschäftigt, weiß, dass nichts ohne Grund so gezeichnet ist, wie es da ist. Alles hat ein Symbol und eine Bedeutung. Die Japaner haben ein Faible dafür. Dank "Sailor Moon" kannte ich als Grundschulkind unser Planetensystem und Mondphasen besser als jedes andere Naturphänomen.

Allerdings habe ich nie ganz verstanden, wieso Sailor Moon immer wie eine Klette an Tuxedo Mask hing. Ja, Boys sind schon aufregend für ein pubertierendes Mädchen. Ja, Tuxedo sah mega scharf als Anime-Charakter aus – aber ich meine, Sailor Moon ist die Mondprinzessin! Sie hat die Welt gerettet! Sie kämpft für Liebe und Gerechtigkeit! Wozu bitte braucht sie denn einen Mann an ihrer Seite?

Aufklärung konnte mir erst so wirklich mein feministic reading gut eineinhalb Jahrzehnte später geben. Wenn Männer in dieser Serie auftauchen, dann unterstützen sie Frauen. Bestes Beispiel ist eben Tuxedo Mask. Zwar ist er eindeutig auch das Love Interest von Sailor Moon und rettet sie manchmal nach alt ausgedientem Klischee – ganz kann auch diese Serie nicht mit alten Konventionen brechen –, aber in erster Linie ist Tuxedo Mask da, um Sailor Moon zu helfen, er arbeitet ihr zu und vertraut darauf, dass sie es schafft.

Liebe und Vertrauen für eine gleichberechtigte Beziehung, die das Fundament des untergegangen Mondreichs bilden, werden im Anime zur Voraussetzung für alles Weitere gemacht. Männer treten in einen matriarchalischen Kreis der Sailor-Kriegerinnen ein.

Wenn Männer Frauen nicht unterstützen, sind sie Bösewichte. Die Message ist eindeutig: Bist du nicht auf der Seite des Mondes, der Frauen, bist du böse.

Progressiv as fuck

Hinzu kommt, dass ich es unter anderem dieser Serie zu verdanken habe, dass ich gleichgeschlechtliche Beziehungen und queere Identitäten nie in Frage gestellt habe. Ja, das klingt auf den ersten Blick vielleicht abenteuerlich, aber Zeichnerin und Sailor-Moon-Schöpferin Naoko Takeuchi war richtig progressiv. Mit Sailor Neptun und Sailor Uranus gab es ein lesbisches Paar, das seine Liebe auch in der Schule nicht versteckt hat.

Später kam das Trio Sailor Starlights hinzu. Die waren im normalen Leben eine japanische Boyband, der die Girls zu Füßen liegen. Wenn sie sich aber verwandelten, wurden sie Kriegerinnen. Bestehende Grenzen zwischen den Geschlechtern wurden überschritten, wenn sie sich dem Kampf hingaben.

In einigen Ländern, wie den USA, Italien und Korea wurde die Serie für diese Darstellungen stark kritisiert. Der Stoff sei für Kinder nicht zumutbar und sie würden Formen der Liebe Abseits heterosexueller Normen nicht verstehen, genauso wenig queere Identitäten.

So ein Bullshit

Für mich als Kind war all das kein Thema. Meine Schwester und ich haben mit den Actionfiguren zur Serie sogar lesbische Paare gebildet, genauso wie heterosexuelle Liebespaare. Im Hinblick auf dieses Thema war "Sailor Moon" so erfrischend unverkrampft wie kaum eine andere Serie.

Die Heldinnen wurden zu einem Pendant der männlichen amerikanischen Superhelden. Dabei ist Weiblichkeit die Voraussetzung für die Macht. Etwas, das mich, denke ich im Nachhinein, als junges Mädchen schon beeindruckt hat. Sailor Moon konnte alles schaffen.

Zugleich betont der Anime aber auch die weibliche Seite der Charaktere. Als Bunny erfährt, dass sie die Mondprinzessin ist, macht ihr die Verkündung sofort klar, dass auf sie eine zukünftige Rolle als Mutter zukommt. In doppelter Hinsicht: Metaphorisch als Mutter eines Reiches – und auch in echt.

Das ist auch ein wichtiger Teil einer jeden Frau. Naoko Takeuchi schafft es, diese beiden Seiten weiblicher Identität – Kinder kriegen, der Abhängigkeit von diesem Wunsch und dem entgegengesetzt Wunsch nach Freiheit und Selbstverwirklichung – nicht in einem Widerspruch erscheinen zu lassen, sondern dass sie Hand in Hand gehen können. Das finde ich beeindruckend. Ich habe gleich viel weniger Angst vor der Zukunft und der Welt. Danke, Sailor Moon.

Falls du jetzt Bock bekommen hast, "Sailor Moon" noch mal durch zu suchten, müssen wir dich leider enttäuschen. Im Moment ist die Serie bei keinem Streamingdienst oder TV-Sender in Deutschland verfügbar. Du kannst sie nur kaufen oder leihen beim Anbieter deiner Wahl.

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Quelle: Noizz.de