Vor 30 Jahren wurde Deutschland wiedervereint – und ein System wurde in das andere übergeführt. Nicht ohne Probleme. Die vierteilige True-Crime-Serie dreht sich um den bis heute ungeklärten Mord am Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder, der das Eigentum aller DDR-Firmen privatisieren musste. Ein Verbrechen, das der jüngeren Generation kaum im Bewusstsein ist – aber eine Menge über die damalige Zeit aussagt.

Am 9. November 1989 ist die Berliner Mauer gefallen. Der Anfang vom Ende der DDR. Ein zeithistorischer Moment, der allen präsent ist: Die Bilder von freudetrunkenen West- und Ostberliner*innen, die sich in den Armen liegen. Endlich wieder ein Volk. Kein Jahr später wurde aus BRD und DDR am 3. Oktober 1990 ein Deutschland. Das bedeutete auch: Zum ersten Mal in der Geschichte wurde ein sozialistisches System in ein kapitalistisches überführt. Staatseigene Betriebe sollten privatisiert werden, und zwar durch die eigens dafür gegründete Treuhand.

>> Wende-Trauer und Wessi-Arroganz: Warum wir nach 30 Jahren wieder zuhören sollten!

Ein Begriff, der zum Synonym für die desaströse wirtschaftliche Lage der neuen Bundesländern zu Beginn der Neunzigerjahre wurde: 96 Prozent aller DDR-Unternehmen gingen an ausländische und westdeutsche Investor*innen, nur vier blieben den Bürger*innen des untergegangenen Staates. Einem Mann kostete die Treuhand sogar das Leben: ihrem Chef Detlev Karsten Rohwedder.

Er wurde in der Nacht vom 1. April 1991 in seiner Düsseldorfer Villa erschossen. Durch wen, ist bis heute nicht geklärt. Es ist ein Verbreche n, das wohl bei allen nach 1990 Geborenen wenig präsent ist, obwohl es eines der einschlagendsten Ereignisse der Nachwendezeit ist. Genau damit beschäftigt sich das erste deutsche True-Crime-Format auf Netflix "Rohwedder – Einigkeit und Mord und Freiheit".

Hier kannst du den Trailer zu "Rohwedder – Einigkeit und Mord und Freiheit" auf Netflix sehen:

An dieser Stelle findest du Inhalte aus YouTube
Um mit Inhalten aus YouTube und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

In vier Folgen mit jeweils 40 Minuten Länge wird man nicht nur mitgenommen auf Spurensuche in einen spektakulären Mordfall voller Intrigen und Ungereimtheiten, sondern lernt auch eine Menge über das Deutschland, in dem wir heute alle gemeinsam leben – und auf einmal wird einem bewusst, wie assi, ja fast kolonialistisch sich manch westdeutsche*r Unternehmer*innen und auch Bonner Politker*innen sich in den aufregenden Aufbruchsjahren zwischen 1989 und 1991 aufgeführt haben.

Für einige Menschen wurde ein Stück Heimat einfach ausradiert, die Existenzgrundlage genommen. Dass das bis heute kaum offen thematisiert wurde, ist ein Puzzelstück darin, wieso zum Beispiel die AfD im Osten der Republik so stark werden konnte oder Neonazis viele Anhänger*innen für sich gewinnen konnte.

Treuhand-Chef Rohwedder wurde zu einem Sündenbock für alle

Die Mordwaffe, die am Tatort gefunden wurde.

Mitten drin in diesem wirtschaftlichen Krisenherd DDR – der Staat stand 1998 kurz vor der Staatspleite – fand sich auf einmal der ehemalige Manager des Stahlkonzerns Hoesch in Dortmund. Er wurde 1932 im thüringischen Gotha geboren, hatte aber nie in der DDR gelebt. Produzent Christian Beetz erzählt die Umstände seines Mordes am Montag, den 1. April 1991, um exakt 23.30 Uhr mit solch einer Präzision, dass einem selbst als Kenner der Wendegeschichte schlecht wird.

Ich bin Jahrgang 1990. Mir war bewusst, dass der damalige Treuhandchef ermordet wurde – die Radikalität seiner Umstände und auch, wie wütend und aufgebracht die DDR-Bevölkerung in den Wochen vor den Mord auf die Treuhand reagierte, war mir nie so sehr bewusst. Passant*innen, die auf offener Straße sagen: "Ich nehme mir den Strick". Oder verzweifelte Frauen, die zum ersten Mal in ihrem Leben ein Arbeitsamt aufsuchen mussten, weil die Treuhand ihren Betrieb geschlossen hatte – und keinen anderen Ausweg sahen, als den Gasherd aufzudrehen. Solche Szenen gab es 1990 und 1991 anscheinend täglich in den neuen Bundesländern.

Die wirtschaftliche Radikalkur führte nicht nur zu massenhaften Betriebsschließungen und Arbeitslosigkeit im Osten, sondern auch zu neuen Montagsdemonstrationen. Zehntausende Menschen gehen auf die Straße, Rücktrittsforderungen an die Kohl-Regierung werden lauter. Dank politischer Entscheidungsträger und medialer Berichterstattung war der Sündenbock in Rohwedder schnell gefunden – und der steht auch noch ruhig, offen und ehrlich Rede und Antwort.

Eine Professionalität, die ihm wenige Wochen später sein Leben kostete. Mit einem gezielten Schuss wird Detlev Karsten Rohwedder durch das Fenster im ersten Stock seiner Düsseldorfer Villa erschossen. Zu diesem Zeitpunkt war die Deutsche Treuhandanstalt das größte Unternehmen der Welt.

Der tödliche Sniper-Schuss aus 62 Meter reißt das Land aus dem Traum von einer gewaltfreien und friedlichen Wiedervereinigung

Bundeskanzler Kohl bei einer Montagsdemo 1991

Obwohl ein Bekennerschreiben der Roten Armee Fraktion, RAF, am Tatort gefunden wird, konnten die Täter bis heute nicht eindeutig identifiziert werden. Denn es gibt keine eindeutigen Hinweise und jede Menge Ermittlungspannen. Auch diesen geht die Netflix-Doku auf den Grund, beleuchtet alle Seiten und lässt einem am Ende trotz detaillierter Faktenlage fast noch ratloser zurück als vorher. Wie konnte so ein Mord in einem Land, das in Aufbruch war nur passieren?

Im Zentrum steht der Frage, wer seinerzeit am meisten vom Tod Rohwedders profitiert haben mag. Handelte es sich um den letzten RAF-Mord der sogenannten dritten Generation, hatte der Stasi die Ermordung beauftragt oder waren andere, zum Beispiel westliche Kräfte, am Werk?

Eine Antwort findet "Rohwedder – Einigkeit und Mord und Freiheit" freilich nicht. Aber sie macht deutlich, wie aufgeladen ein Land mit 80 Millionen Einwohner*innen nach einer rauschenden Party – dem Mauerfall – war. Und wie wir bis heute diese offenen Wunden spüren.

>> Warum mich der Mauerfall jedes Jahr berührt – obwohl ich damals noch gar nicht geboren war

"Rohwedder – Einigkeit und Recht und Freiheit" kannst du auf Netflix ab sofort streamen.

  • Quelle:
  • Noizz.de