Radikalislamische Hamas im Beef mit dem IS und eine israelische Spezialeinheit, die dagegen ankämpft: In „Fauda“ kommen alle Seiten des Nahost-Konfliktes zusammen.

Das hier soll eigentlich kein Werbeartikel für Netflix werden, kein „embedded advertising“. Aber der amerikanische Streaming-Dienst bietet für rund zehn Euro im Monat tatsächlich sehr viel.

Neben Dauerrennern wie „Mad Men“ gibt es geniale Dokumentationen, bei denen Kugeln um die Kamera pfeifen („Cartel Land“ zum Beispiel über den Drogenkrieg in Mexiko, wo aus Befreiern Schlächter werden und über freiwillige, US-Grenzschützer in Texas).

Außerdem im Trend: historische, hoch aktuelle Doku-Serien. „Trump: An American Dream“ etwa zeigt den Weg des Immobilienmogulsprösslings Donald Trump von Brooklyn nach Manhattan und schließlich zum Präsidenten. Als ganz junger Mann war er tatsächlich etwas sympathisch! Und ließ sich dann schnell mit Gangstern ein, um seine Ziele zu erreichen.

Neuer Netflix-Must-See: „Fauda“

Zu den Netflix-Eigenproduktionen gesellt sich seit 2015 auch die israelische SerieFauda“. Israel ist in Sachen international erfolgreicher Serien kein Neuling. Die sehr beliebte US-Thriller-Serie „Homeland“ über heimgekehrte, womöglich von der Gegenseite umgedrehte Agenten, basiert auf dem israelischen Original „Chatufim“.

Nun also „Fauda“. „Fauda“ bedeutet auf Arabisch so etwas wie Chaos und das ist hier Programm. Zwei Staffeln sind bisher erschienen, die das Leben und den Kampf einer israelischen Spezialeinheit gegen islamistische Terroristen im Westjordanland zeigen.

Alle Mitglieder der Einheit stammen von arabischen Juden ab und sprechen den palästinensischen Dialekt, dessen Grundlage sie von ihren Eltern und Großeltern lernten und dann perfektionierten, – fast – perfekt. Sie bewegen sich im palästinensischen Gebiet wie Fische im Wasser.

Brutal, rau und derb

Hauptcharakter ist der massige, explosive Doron Kavillio, gespielt vom Mitproduzenten Lior Raz. Wenn Kavillio Terroristen verhört und sie auf Arabisch als „Hunde“ und „Huren“ beschimpft und droht, ihnen große Schmerzen zuzufügen, nimmt man ihm das ab.

Wenn er versucht in der ersten Staffel seinen Kollegen Boaz (gespielt von Tomer Kapon) zu trösten, der gerade seine Freundin bei einem palästinensischen Selbstmordattentat verlor, ebenso.

Ein bisschen autobiographisch

Das ist wohl auch in der echten Biografie des Darstellers begründet. Ein palästinensischer Terrorist erstach Raz’ erste große Liebe Iris im Jahr 1990, da war Raz gerade 19. Er wurde dann tatsächlich Mitglied der Spezialeinheit Jechidat Duvedan, die verdeckt im Westjordanland operierte, bevor er in Hollywood als Bodyguard Größen wie Arnold Schwarzenegger beschützte.

Großartig auch: der für Israel arbeitende beduinische Captain Ayoub (Itzik Cohen), der mit seinen schwarz-funkelnden Augen und seiner tiefen Stimme so manchen Terroristen zum Reden bringt.

Und hier ist ein Teil der Serie, der grenzwertig ist:

Manche der wichtigen, lebensrettenden Informationen, welche die Spezialeinheit erlangt, kommen erst nach brutaler Folter zu Tage. Mehrmals kidnappen Doron und seine Leute Terroristen, um sie außerhalb gesetzlicher Regelungen zu verhören und sie etwa mit einem Schuss ins Bein zum Reden zu bringen. Mit dem Versprechen sie danach nicht zu töten, was sie dann aber doch tun.

Und auch im gesetzlichen Rahmen des Verhörzimmers droht etwa Captain Ayoub einer schwangeren Frau, ihr Kind abzutreiben, wenn sie nicht den Aufenthaltsort eines Terroristen und seiner Geiseln preisgibt.

Aber nun, „Fauda“ ist keine politische Dokumentation, sondern eine Fiktion. Und davon abgesehen sind die Realitäten und Bedrohungen im Nahen Osten wohl andere.

Auch die Motivationen der arabischen Seite werden vielschichtig dargestellt

Besonders interessant ist Walid Al Abed (gespielt von Shadi Mar’i), ein junger Mann mit großen, unschuldigen Augen. Enttäuscht verliebt, ein Laufbursche der Hamas, der schließlich immer verbitterter wird, auch weil viele seiner Weggefährten getötet werden.

Oder Dr. Shirin Al Abed (gespielt von der Französin Laetitia Eido), verwandt mit Walid, Ziel seiner Sehnsüchte, die sich mit Doron Kavillio einlässt, im Glauben er sei ein guter Araber. Diese verbotene Liebschaft hat dann etwas von Romeo und Julia.

Oder in der zweiten Staffel der frisch vom Islamischen Staat („Daesh“) aus Syrien gekommene Nidal Al-Makdessi (gespielt von Firas Nasser). Sein Vater wurde im Finale der ersten Staffel von Kavillio getötet und er sinnt auf Rache. „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, diesen biblischen Grundsatz sagt er zu Kavillio, als die beiden sich schließlich gegenüberstehen.

Nach und nach wird in der fiktiven Erzählung mehr über Nidals Lebensgeschichte offenbar. Bevor er nach Syrien ging, um sich den Islamisten anzuschließen, war er in Europa, in Amsterdam gestrandet. Dort nahm er Drogen, ging zu Prostituierten, war eine verlorene Seele. Um sich und seine Ehre vor seinem strengen Vater reinzuwaschen, ging er dann nach Syrien, um zu morden. Einen ähnlichen Weg machten auch echte Islamisten wie etwa der Berliner Deso Dogg a.k.a. Denis Cuspert a.k.a. Abu Talha Al-Almani.

Spannend und beängstigens zugleich

Interessant, furchterregend ist auch die Strategie der Daesh-Terroristen in der zweiten Staffel. Sie lernen in einer Universität bei Ramallah im Westjordanland ein – fast – perfektes, israelisches Hebräisch, um sich ähnlich wie ihre Gegner, die falschen Palästinenser, frei im Feindesland bewegen zu können. Mit dem Ziel Anschläge auszuführen.

„Fauda“ ist spannend und handwerklich sehr gut gemacht. Man kann es im Original mit Untertiteln schauen – oder auch die hebräischen Teile bequem ins Deutsche oder Englische synchronisiert. Für den türkischen Markt gibt es sogar eine türkische Synchronisation.

Ihr wollt es nicht ganz so hart?

Wer etwas leichtere, witzige israelische Unterhaltung will, dem sei der Spielfilm „Maktub“ ans Herz gelegt, ebenfalls auf Netflix erschienen. Hier geht es um zwei schmierige Schutzgelderpresser. Ihre Masche: Sie, eigentlich keine Gourmets, sind „kulinarische Berater“ für Jerusalemer Spitzenrestaurants und kassieren dafür exorbitante Summen, die sie an ihren Boss (auch gespielt von Itzik Cohen, Captain Ayoub aus „Fauda“) abliefern.

Sie überleben durch Zufall einen terroristischen Bombenanschlag und machen es sich danach zur Aufgabe, geheime Wünsche zu erfüllen, die religiöse Juden auf Zettel geschrieben in Ritzen der „Klagemauer“ steckten – der übergebliebenen Westmauer des von den Römern zerstörten jüdischen Tempels. Sie gilt als eine Art Direktverbindung zu Gott. Die beiden Gangster übernehmen damit quasi die Aufgabe des Schöpfers.

Im gewissen Sinne wollen die beiden Ganoven wie Nidal Al-Makdessi aus „Fauda“ damit ihre Seele reinwaschen, schließlich taten sie vielen Menschen Schlechtes an, um an das Schutzgeld zu kommen. Aber sie tun das nicht beim Köpfe abschneiden, sondern indem sie unter Anderem einem überarbeiteten Mann, der für wenig Geld in einem Büro ackert, bei seinem Chef eine Gehaltserhöhung erpressen.

Wer „Fauda“ und „Maktub“ geschaut hat, versteht Israel und seine Nachbarn vielleicht etwas besser.

Quelle: Noizz.de