Ricky Gervais hasst das Leben, weil er trauert – und das ist traurig-schön-wunderbar.

„Ein guter Tag ist, wenn ich nicht rumlauf und irgendwelchen Fremden ins Gesicht schießen will – und gleich danach mir auch.“ Exakt so fühlt sich Tony (Gespielt von Ricky Gervais) nach dem viel zu frühen Tod seiner Frau Lisa an Brustkrebs. Die hat ihm, wohlwissend was für ein manischer Miesepeter ihr Göttergatte sein kann, noch vor ihrem Ableben eine liebevolle Botschaft hinterlassen – quasi eine Anleitung zum Leben und wieder klarkommen, wenn sie einmal nicht mehr da sein sollte.

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Tony ist ein merkwürdig pragmatischer Mensch. Den geplanten Selbstmord verhindert sein Hund, weil er Hunger hat und bellt. Jemand muss dem Hund dann ja auch genau in dieser Situation eben Essen machen. Das ist also „Life Happens“. Nachdem Selbstmord also keine Lösung für ihn ist – weil immer irgendwas passiert –, beschließt er, weiterzuleben und die Welt damit zu bestrafen, dass er nur noch das tut und sagt, was er will. Er findet es cool, sich nicht um sich selbst und andere zu scheren. Aber das ist nicht so einfach, wenn alle anderen den netten Typen von früher retten wollen – allen voran sein Schwager Matt mit dem er gemeinsam als Journalist bei einer Lokal-Schmonzette arbeitet.

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Wer jetzt glaubt, hier erwartet uns ein zweites, eklig kitschiges P.S., Ich liebe dich als Serie, hat sich getäuscht. Denn Ricky Gervais, den die meisten als den britischen Stromberg aus The Office kennen, schafft etwas ganz Unerwartetes. Das liegt zum einen an der Fuck-off-Mentalität, die sich unterschwellig immer durchschlängelt, aber zum anderen auch an den wirklich sorgfältig ausgewählten Charakteren. In seiner Resignation widmet sich Tony den Menschen zu, die man sonst in seinem eitlen, egoistischen Alltag oft übersieht.

Natürlich ist er dabei zynisch.

Er hat eine tägliche Frötzelei mit dem aus seiner Sicht super unfähigen Postboten. Diese Hassliebe geht soweit, dass Tony irgendwann an sich selbst eine bitterböse Postkarte adressiert, deren Text eigentlich für den Postboten gedacht ist – weil der eben immer mitliest. Er lädt eine Prostituierte zu sich nach Hause ein, die selbst darauf besteht, dass sie aber eine „Sexarbeiterin“ sei, keine Nutte, damit sie beim ihm zuhause Ordnung schafft – weil er es selbst nicht hinkriegt. Hieraus entwickelt sich eine Art Freundschaft, denn Daphne, so heißt die Gute, versteht genau wie Tony tickt und sagt ihm das ins Gesicht. Dann gibt es auch noch die tragische Geschichte zum Drogenjunkie Julian, der genauso wie Tonys, seine Freundin verloren hat an den Tod – sie nahm eine Überdosis.

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Hinzu kommen noch lauter kleine andere charmante Charaktere, die von Tony immer getriezt werden, aber man könnte fast schon sagen: liebevoll. Das ist auch etwas Ungewöhnliches. Denn Ricky Gervais, der nicht nur die Hauptrolle spielt, sondern die Serie auch geschrieben und mit produziert hat, ist sonst eher dafür bekannt, stark zu polarisieren. Er macht politisch mehr als nicht korrekte Witze, beleidigte etwa Caitlyn Jenner, nach dem die sich offen zur Transsexualität bekannte und ist eigentlich der dunkelschwarze Humor in Person.

Wie kann so jemand eine so facettenreiche, herzerwärmende Serie fabrizieren?

Die erste Staffel hat gerade einmal sechs Folgen, aber das reicht für eine intensive Schocktherapie. Zuerst ist man verstört darüber, wie ein Mensch so sein kann. Dann versteht man, was die Trauer eben mit Menschen anrichten kann. Sie betäubt, sie lähmt, sie macht traurig und das nicht hintereinander, sondern alles gleichzeitig. Wer soll da normal weiterleben? Und wer diesen Punkt erreicht hat, gewinnt den Nihilisten Tony auf einmal sehr lieb. Und auch das macht einen wahnsinnig, denn eigentlich widerspricht Tony all dem, was wir als sozial angemessenes Verhalten bezeichnen würden.

Tony am Friedhof

Mit diesem Konstrukt tritt Gervais allen Serien made in Hollywood so richtig schön in den Arsch. After Life wird nie, nie kitschig. Es ist immer Mitten in die Fresse und kommt irgendwie doch mit allen klar. Ricky Gervais weiß eben, dass es das Beste ist, dass man sich mit so einem schwierigen Thema, das zwar die ganze Welt kennt, aber über das niemand richtig spricht, am besten ganz offen und frei umgeht. Weil es eben nie der richtige Zeitpunkt ist, wenn ein geliebter Mensch von uns geht. Und dass uns dann eben wirklich die ganze Welt einfach mal kann.

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Das ufert in After Life im Heroin-Konsum aus, dem selbst verordneten Eskapismus von dieser schrecklichen Welt, in der jetzt etwas fehlt. Eine schmerzvolle Lücke, die man nur selbst füllen kann. Mühsam und langsam. Das kann lange dauern, sehr lange sogar. Am Ende ist da dann aber doch so etwas wie Hoffnung, zaghaft, zerbrechlich – aber es ist da. Und so endet die erste Staffel von After Life auch. Tony hat etwas, worauf er sich freuen kann, irgendwie. Ganz egal ist ihm sein Leben, das Leben nach seiner Frau, eben doch nicht mehr.

Es wird eine weitere „After Life“-Staffel geben

Für alle, die genauso wie ich die sechs Folgen bereits verschlungen haben, dabei sichtlich gerührt und nachdenklich wurden – es gibt etwas, worauf wir uns freuen können. Ricky Gervais hat angekündigt, dass es eine zweite Staffel geben wird. Er schreibt gerade am Skript.

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Quelle: Noizz.de