Sexismus in Dating- und Reality-Shows ist nichts Neues. Die neue Reality-Show "M.O.M – Milf oder Missy?" des Streaminganbieters Joyn schafft es dennoch, dem Ganzen eins drauf zu setzen – und zeigt, wie man selbst beim Kopieren einer Erfolgsshow noch ordentlich verkacken kann.

In der Reality-Show "Love is blind" will Netflix herausfinden, ob Liebe blind ist. Joyn will in seiner ersten Reality-Eigenproduktion herausfinden, ob Liebe kein Alter kennt. So weit so gut. Wie der Titel "M.O.M. – Milf oder Missy" bereits vermuten lässt, gibt es bei der Joyn-Serie aber so einige Haken. Tatsächlich sind es so viele, dass man sich wünscht, Joyn hätte "Love is Blind" einfach konsequent komplett abgeklatscht. "M.O.M. – Milf oder Missy" feiert heute am Freitag mit einer Doppelfolge Premiere – ich habe von der Show aber bereits jetzt genug.

Um das Ausmaß des krassen Sexismus dieser Sendung aufzuzeigen, braucht man nur die Macher selbst sprechen lassen. Auf der Seite der Produktionsfirma Constantin Entertainment wird die Show nämlich wie folgt beschrieben: "Ein 50-jähriger Mann, der sich mit einer Frau Anfang 20 verabredet... keine große Sache. Aber was ist mit einer reifen Frau, die mit einem viel jüngeren Mann ausgeht? Sind Geld und Erfahrung attraktiver als Jugend und ein sexy Körper? [...] Verlieben sich die jungen Frauen in den heißen Typen ihres Alters, oder bevorzugen sie den reifen Mann, der ein Leben im Luxus zu bieten hat?" Sprachlos? Das war noch nicht alles!

die 7 "Milfs"

"Mütter, die ich gerne ficken würde" gegen "kleine Fräuleins" um das Herz von "Senior" und "Junior"

In der Show machen sich also ein 57-Jähriger und ein 28-Jähriger vermeintlich auf die Suche nach der großen Liebe. Zur Auswahl stehen ihnen 14 "attraktive, selbstbewusste, ledige Damen zwischen 18 und 50 Jahren", wie auf der bei Constantin Entertainment weiter zu lesen ist. Tatsächlich liegt die Altersspanne der Kandidat*innen am Ende zwischen 24 bis 46 Jahre. Halb so schlimm, Hauptsache alle sind jünger als der "Senior", stimmt's?

Die Frauen sind aufgeteilt in zwei Gruppen, "Missies" und "Milfs" – kein Scheiß. So werden sie beschrieben: Die MILFs, übersetzt 'Mütter, die ich gerne ficken würde' ('Mothers I'd Like to Fuck'), sind 35 bis 50 Jahre alte, "gut ausgebildete, selbstbewusste Frauen, die wissen, was sie wollen – und wie sie es bekommen". Die Missies, übersetzt die 'kleinen Fräuleins', sind 20 bis 30 Jahre alt und "jung und sexy – Models, Influencer, Studenten ... ". Objektivierung und Sexualisierung, olé! Feminismus, who?

"Senior" und "Junior"

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Die Männer dürfen sich über Respekt freuen

Die "Missies" und "Milfs" kämpfen gegeneinander, um das Herz des "Seniors" oder des "Juniors" zu erobern. Bei den Männern sind den Machern anscheinend keine verachtenden Spitznamen mehr eingefallen. Der "Senior", "attraktiv, stilvoll und reich", ist "erfolgreich bei der Arbeit und "bereit, seine Lebenserfahrung und seinen Reichtum mit den Damen zu teilen". Der "Junior" ist "heiß, niedlich und sehr bodenständig", "feiert gerne" und "sucht noch nach dem richtigen Weg im Leben". Man macht es den Frauen aber auch nicht leicht! Ein Glück, dass die Männer den Frauen die Entscheidung abnehmen und Woche für Woche eine "Milf" oder "Missy" nach Hause schicken. Von zu viel Nachdenken wäre den Frauen am Ende noch die Schminke verlaufen. Nicht gerade Ladylike!

die 7 "Missies"

Die "Pods", die wir von "Love is blind" kennen, gibt es bei der Joyn-Show nicht. Stattdessen treffen die Junggesellen ihre "Milfs"und "Missies" gleich zu Beginn bei sich zu Hause. Es soll ja authentisch sein, klar (Dass alle Teilnehmer*innen attraktiv, schlank und weiß sind, scheint die Authentizität des Experiments nicht zu stören). Die Frauen lernen also das 'echte Leben' ihrer Angebeteten kennen, dann laden die Männer zu einer Reise nach Mexiko ein – den Urlaubsort hat man wieder von Netflix kopiert. Dort schlafen die Frauenhelden in getrennten Hotels und treffen die Frauen für Dates. Wie bereits vom "Bachelor" bekannt schicken die Junggesellen dann eine Frau nach der anderen nach Hause. Am Ende könnte es dann womöglich eine Doppelhochzeit am Strand geben. Hach, wie romantisch!

Der Sexismus ist so eklatant, dass man Klischees Checklisten-mäßig abhaken kann

Frauen als Konkurrent*innen? Check. Frauen, die nur auf's Geld aus sind? Check. Frauen, die sich gegenseitig den Mann ausspannen wollen? Check. Frauen, die entweder nach einem sexy Junggesellen streben oder nach dem reichen Intellektuellen, der ihnen endlich die Welt zeigen kann? Check. Die jungen Schönen gegen die Alten, die zumindest zu einer anspruchsvollen Unterhaltung fähig sind (dazwischen gibt es offensichtlich nichts)? Check. Und: MISSIES UND MILFS – REALLY? Es scheint gerade so, als habe man mit der Bezeichung "Milfs" einen Weg gefunden, die 'älteren' Frauen doch noch rein auf die Fickbarkeit zu reduzieren. Bei den jüngeren funktioniert das wunderbar schon über die Beschreibung "jung und sexy – Models, Influencer, Studenten ... ".

Die Teilnehmer*innen verbringen Zeit in Mexiko.

Das "Dating-Experiment des Jahres"? Wohl kaum

Es wirkt, als wollten Joyn und Constantin Entertainment mit "M.O.M. – Milf oder Missy" an den Netflix-Erfolg von "Love is blind" anschließen und sind dann auf die 'brillante' Idee gekommen, das Ganze mit dem Konzept von "Der Bachelor" in einen Topf zu schmeißen – eine extra Prise Sexismus on top, kräftig rühren und fertig. Neben dem bereits Genannten bleib am Ende nur noch zu bedauern, dass man so die Chance verpasst hat, ohne dämliche Rollenklischees dem durchaus vielversprechenden Grundkonzept der Show – der Frage, ob Liebe kein Alter kennt – nachzugehen und so womöglich tatsächlich an den Erfolg von "Love is Blind" anzuschließen.

"M.O.M. – Milf oder Missy" ist so dämlich banal und unverhohlen sexistisch, dass ich nicht weiß, ob ich mich wahnsinnig aufregen oder für alle Beteiligten fremdschämen soll. Das selbst ernannte "Dating-Experiment des Jahres" ist wohl eher das sexistische Dating-Experiment des Jahres. #cancelled

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Quelle: Noizz.de