Wie Netflix die Liebe verändert hat

Sabine Winkler

Indie, Kaffee & Liebe
Teilen
24
Twittern
Szene aus der Netflix-Serie „Love" Foto: Netflix

Schluss mit der Disneyfication!

Wie wir alle wissen, ist der Valentinstag eigentlich eine grausame Erfindung der Werbe- und Grußkartenindustrie. Sie funktioniert trotzdem prächtig und zieht alle in ihren Bann – eine perfide Masche. Ehrlich jetzt. Ja, okay, ganz ursprünglich war der 14. Februar wirklich mal ein kirchlicher Gedenktag für den heiligen Valentinus, der wurde aber 1969 hochoffiziell aus dem Kirchenkalender getilgt – und bereits lange vorher nicht mehr richtig zelebriert.

Das wird den ganzen Liebeskitsch an diesem Tag noch immer abziehen, daran ist irgendwie der englische Dichter Geoffrey Chaucer schuld, der 1382 ein kitschiges Verschen namens Parlement of Foules verfasste. Er nimmt darin Bezug auf den heiligen Valentin von Rom, der das Martyrium erlitt, weil er Soldaten traute, denen das Heiraten verboten war.

>> Auch interessant: Ich liebe Netflix, aber es verdirbt mich so!

Gemäß einer Legende heilte er während seiner Gefangenschaft die blinde Tochter seines Aufsehers und schrieb ihr vor seiner Hinrichtung zum Abschied einen Brief, der mit „Dein Valentin“ unterzeichnet war. Vermischung von Geschichten, olé! Seitdem schreiben wir Valentinstagsbriefchen.

Was das jetzt mit Netflix zu tun hat?

Nun ja, es kommt nicht von ungefähr, dass alle Jahre wieder ausgerechnet um den 14. Februar herum – dieses Jahr auch noch der Kino-Donnerstag, an dem immer neue Filme erscheinen – die kitschigsten aller Liebesfilm auf die Leinwände kommen. Obwohl, was heißt hier Kino? In Zeiten von Netflix und anderen Streaming-Giganten à la Amazon Prime ist man vom Erlebnis Kinoleinwand schließlich befreiter denn je.

Dafür sammelt Netflix selbst jede Menge Specials rund ums Thema Valentinstag. Weil „Netflix and Chill“ sich inzwischen zu einem von allen geschätzten und unverfänglichen Dating-Codewort entwickelt hat. Und wo wir immer schon davon reden und schreiben, dass die Streaming-Plattform unsere Sehgewohnheiten, ja gar das Kino, revolutioniert hat – da fragt ich mich natürlich auch: Hat es unsere Art des Liebens und wie wir Liebe definieren verändert?

Kurz: Ich glaube, ein wenig.

Bislang war es mit der Repräsentation von Liebe in Film und Serien doch eher so: Entweder total verkorkst-kaputt oder ultra kitschig-romantisch. Ein dazwischen-normales Maß an Liebe und Liebesbeziehung gab es nicht. Schon gar nicht in Hollywoodfilmen (gut, Ausnahmen bestätigen die Regel) und nur ansatzweise in Independent-Filmen wie „500 Days of Summer“, der mit der Überhöhung von Liebe und dem Boden der Realität spielt.

Die Produzenten im Auftrag von Netflix aber haben es mit einigen Formaten in den vergangenen Jahren geschafft, den manchmal schnöden Alltag von Liebe nach und nach filmisch umzusetzen. Klar, auch hier finden wir noch „zurückgebliebene“, klassische Liebesfilme im Repertoire. Denen widmen wir uns auch noch, keine Panik.

Das Schöne an der unendlichen Vielzahl von Inhalten auf dem Streamingdienst ist doch, dass wir uns dadurch eine Art Abziehbild aller Spielformen unserer Liebe reinziehen können. Ohne Kompromisse. Egal ob es schön ist. Oder einfach nur zum Wegschauen.

Da gibt es realistische Liebe wie etwa in der Serie Love. Sie ist ein Paradebeispiel dafür, wie viel öfters Liebesbeziehungen dargestellt werden sollte – wenn sich Filmemacher denn an Realitäten messen wollen. In Love finden ein Nerd und eine „problembelastete, aber scharfe Tussi“ auf Umwegen zueinander. Und finden sich dabei nicht immer hammer sexuell anziehend. Sie haben Streit, finden sich manchmal unglaublich anstrengend und langweilig, haben am Anfang eine offene, unklare Beziehung. Aber sie finden doch zusammen. Die Serie zeigt sogar, welche ganz andere Dimension eine neue Beziehung annimmt, wenn ein Partner krank ist. That’s the real shit.

Auf der anderen Seite gibt es aber eben auch teilweise so verkitschte Teenie-Romcoms, das wir uns ernsthaft fragen, wie so etwas eigentlich genau in der unsichersten Phase unserer aller Leben (Stichwort: mangelndes Selbstbewusstsein, Hormone und einfach viel zu viel Veränderung PLUS Unerfahrenheit) passieren soll.

Überzogene Schmetterlinge im Bauch sind hier schon der Normalzustand – mal mit mehr, mal mit weniger Klischees (Kissing Booth, Candy Jar …). Gott sei Dank gibt es dann noch solche Netflix-Produktionen, die wenigstens ein bisschen Normalität bewahren und Randgruppen mit ins Spiel bringen – wie „Sierra Burgess Is A Loser“ oder „To All The Boy I’ve Loved Before“. Nicht, dass die weniger kitschig wären. Geknutscht wird überall.

So viel wird bei Netflix geknutscht. Foto: Netflix

When We First Met hingegen ist der schreckliche Prototyp von all dem, was viele an Liebesfilmen verfluchen und nicht mehr zeitgemäß finden. Mit einem magischen Fotoautomaten erlebt Noah den Abend, an dem er Avery kennenlernte, immer wieder aufs Neue – entschlossen, endlich ihr Herz zu erobern. Er versucht, das Mädchen seiner Träume zu erobern, immer und immer wieder. Am Ende: Natürlich ein Happy End und Kuss.

Aber wieso finden wir das eigentlich so schrecklich?

Irgendwo gibt es noch zu Hauf Typen und Frauen, die genau so etwas wollen: Eben einen Mann, der sie anhimmelt und auf Händen trägt. Und Männer, die eine Frau wollen, die alles mit sich machen lässt. Hauptsache, es ist okay, was sie machen. Wer sich jetzt fragt, wofür eigentlich seit mehr als 100 Jahren Frauen für Gleichberechtigung und so einstehen – keine Ahnung.

Aber Netflix wäre nicht das, was es ist, wenn es uns nicht auch noch die Antiformen der Liebe zeigt: „You“, der wahr gewordene Stalker-Alptraum, führt uns vor, dass dieses Hinterhergeiern irgendwie ja schon faszinierend und beängstigend zugleich ist. Aber daran liegt wohl der Lustgewinn.

Apropos Lust: In Sachen sexueller Befreiung macht Netflix ja keinem was vor. Und auch, wenn manch einer es bestreiten will. Im tiefsten Kern hat Sex auch irgendwo etwas mit Liebe zu tun. Oder zumindest der momentanen Illusion im Zuge der Vereinigung. „Sex Education“ ist da vielleicht am lässigsten. Verpeilte, schräge Formen von Liebe – jeder nach seiner Facon bekanntlich – spiegeln sich auch in etlichen Serien wieder. Selbst eine schier asexuelle Kimmy Schmidt hat Dates und zeigt ihre verkappte Form von Zuneigung eben anders als der Normalo.

Überhaupt finden Liebe und Romantik in nahezu jedem Film und jeder Serie ihren Platz – das war und wird auch nie anders sein. Sogar im morbiden kongenialen Matrjoschka ist Liebe der Motor der Handlung, denn sie trägt Leben in sich. Es geht um gescheiterte Beziehungen, gestörte Mutter- und Selbstliebe. Es gibt eben keinen Stoff, der sich besser eignet, uns in den Bann zu ziehen.

>> Hier gibt's mehr zur Serie: 9 Gründe, warum gerade alle „Russian Doll“ suchten

Und genau deswegen schafft Netflix in seiner Fülle an Darstellungen von Liebe und Beziehungen wenigstens eines: Liebe einen gewissen Grad an Individualität und Gelassenheit zurückzugeben. Schluss mit der Disneyfication!

*Wenn ihr mit uns über Serien diskutieren und Tipps austauschen wollt: Kommt in unsere Facebook-Gruppe Süchtig nach Serien – Netflix, Amazon, Sky & Co.

Quelle: Noizz.de